Crash-Prophezeiung:Was am Untergangs-Börsenchart dran ist

Lesezeit: 3 min

Crash-Prophezeiung: Was bringt die Zukunft? Die Börse, hier in New York, ist immer auch eine Wette auf das, was kommen könnte.

Was bringt die Zukunft? Die Börse, hier in New York, ist immer auch eine Wette auf das, was kommen könnte.

(Foto: Michael M. Santiago/AFP)

Viele Anleger diskutieren, ob bald die Kurse einbrechen. Nun zeigt ein Graph eindrückliche Parallelen zum Börsencrash 2008. Für manche ist die Sache damit klar.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Die Geschichte wiederholt sich nicht, soll angeblich Mark Twain einmal gesagt haben. Dieser Tage verunsichert allerdings eine Kursgrafik Anleger weltweit. Sie zeigt eine erstaunliche Parallele der heutigen Kurslage zum Börsencrash 2008. Glauben Anleger der Grafik, müssten die Notierungen schon in wenigen Tagen in die Tiefe rauschen. Was ist von solchen Apokalypse-Abbildungen zu halten?

In Internetforen hat die "Grafik des Untergangs" aktuell Hochkonjunktur. Im Anlegerforum Wallstreetbets diskutieren Anleger ebenso aufgeregt darüber wie auf Twitter, selbst der bekannte Börsen-Entertainer Jim Cramer machte die Graphen zum Thema seiner Show im Börsensender CNBC. "Sie sehen wirklich ähnlich aus", meinte der Moderator.

In der Tat verlaufen die beiden Kurven erstaunlich ähnlich: So stieg der Kurs des US-Leitindex S&P 500 im Jahr 2021 in atemberaubender Geschwindigkeit, bevor er kurz nach dem Jahreswechsel zu einer ersten Korrektur ansetzte. Seit Mitte Juli erholten sich die Notierungen im Schnellverfahren, nur um jetzt auf wackeligem Fundament zu stehen. Verhielten sich die Börsen nun weiter so wie im Finanzkrisendebakel 2008, könnten die Kurse um 50 Prozent kollabieren.

Ein psychologischer Effekt

Besonders suggestiv ist die Grafik vor allem, weil beide Kursverläufe nahezu deckungsgleich sind, manche Grafikersteller haben gar einen Gleichlauf von 91 Prozent errechnet. Beunruhigend erscheint dabei vor allem der aktuelle Zeitpunkt der Kurskurve: Legt man die heutige Börsenentwicklung und die damalige übereinander, stünden die US-Börsen unmittelbar vor dem Crash. Übertragen auf den deutschen Leitindex Dax wäre das in etwa so, als ob er von 13 000 Punkten auf nicht einmal 8000 Punkte krachte.

Die Kurskurve beschäftigt sogar Finanzprofessoren wie Hartmut Walz von der Hochschule Ludwigshafen. Er hat sich die Daten der Kurve detailliert angesehen und kommt zu folgendem Schluss: "Mit solchen Graphen können Sie alles beweisen und auch das Gegenteil", sagt er. Denn die viel zitierte Kursgrafik sei gleich in mehreren Punkten fragwürdig. So beginnt die Grafik des aktuellen Jahres zwar mit dem ersten Handelstag im Januar, die Kursgrafik aus Finanzkrisen-Zeiten jedoch wahllos im September. "Würden sie bloß ein paar Monate später beginnen, ließe sich fast kein Gleichlauf mehr erkennen", sagt Walz.

Auch psychologisch schlägt die Grafik ihren Betrachtern auf mehrere Weisen ein Schnippchen: Da der Graph des aktuellen Jahres in der Mitte aufhört, setzt das Gehirn ihn unterbewusst automatisch so fort wie die bereits existierende Linie aus 2008. "Wir ergänzen unvollständige Darstellungen automatisch", sagt Finanzpsychologin Monika Müller, die unter anderem Fondsmanager berät. In Studien sollten Probanden beispielsweise einen Kreis malen, der einen ganz kleinen Spalt offenlässt. Am Ende setzten Auge und Hirn das Gekritzel bei vielen Betrachtern zu einem vollständigen Kreis zusammen - und führten sie hinters Licht.

Forscher haben herausgefunden, dass bei Börsenkursen ganz ähnliche Effekte zum Tragen kommen. Wären die Kurse von heute und damals schlicht in einer Tabelle als Zahlenwerte abgebildet, würde das menschliche Hirn keinen Trend unterstellen. Zeigen Diagramme dagegen eine Linie, neigen Anleger dazu sie fortzuschreiben.

Rot sehen und Schlimmes befürchten

Auch die Farben eines Graphen wirken entsprechend: Sehen Anleger einen beliebigen Kurschart in roter Farbe, glauben sie sofort an weniger Gewinne in der Zukunft - und greifen daher seltener zu. "Das liegt auch daran, dass das Gehirn nicht zwischen reiner Beobachtung und Interpretation trennt", sagt Müller. Anleger tun also gut daran, wenn sie sich von Graphen nicht verleiten lassen, sondern stets einen Schritt zurücktreten und sich fragen, was sie auf der Abbildung wirklich gesehen haben - und was sie sich hinzudenken.

Auch der Endpunkt der vermeintlichen Doomsday-Grafik ist delikat. So schneiden die Macher der Grafik den Kurschart des S&P 500 bereits Anfang 2010 wieder ab, wohlgemerkt weit unter den alten Höchstständen derselben Grafik. Das Frappierende: Während der S&P 500 am Ende der Grafik im März 2010 bei etwa 1170 Punkten steht, notiert er aktuell bei 3986 Zählern und ist damit regelrecht emporgeschossen. In der Zeit hinter dem rechten Rand der Grafik hätten Anleger also ein Plus von mehr als 240 Prozent einspielen können und selbst die Hochs aus der Grafik um ein Vielfaches überflügelt. "Viele Menschen überschätzen also das kurzfristige Auf und Ab an den Börsen", sagt Finanzprofessor Walz, "und unterschätzen die langfristigen Chancen".

Selbst sonst eher konservative Verbraucherschützer würden dem Finanzprofessor dabei recht geben. Wer in der Vergangenheit einem Welt-Börsenindex wie dem MSCI World folgte und dabei mindestens 13,5 Jahre konstant investiert blieb, hätte an der Börse im vergangenen halben Jahrhundert noch nie ein Minus eingefahren, trotz Blitzcrash 1987, Dotcomkrise zur Jahrtausendwende oder Corona-Turbulenzen im Jahr 2020.

Gut zureden können sich die Anleger übrigens auch mit einem anderen Kursverlauf, der die aktuelle Börsenlage mit dem Jahr 1961 vergleicht. Auch hier zeigt sich ein erstaunlicher Gleichlauf der Kurse. Ganz anders als in der vermeintlichen Untergangsgrafik stiegen die Kurse von August 1962 an nach oben.

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