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Deutsche Bank:Von wegen Wende

Das Finanzinstitut präsentiert gute Zahlen und kommt mit der Integration der Postbank voran. Doch im Investmentbanking gehen die Erträge zurück. Wieder sollen Jobs wegfallen.

Nur zu gerne kokettiert Deutsche-Bank-Chef John Cryan damit, nach Ablauf seines Vertrags im Jahr 2020 weiterzumachen, wissend, dass dies vor allem die Großaktionäre kritisch sehen. Auf der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds in Washington erzählte er vor Kurzem gar, er verkaufe sein Haus in London und suche sich nun eines in Frankfurt.

Nun ist der 56-jährige Brite dafür bekannt, nicht jede seine Äußerungen mit allzu großem Bedacht zu wählen, doch diese war sicherlich kein Zufall, ist der Druck der Investoren auf ihn zuletzt doch merklich gestiegen. Ob Cryan, der die größte deutsche Bank seit Sommer 2015 führt, aber tatsächlich eine zweite Amtszeit antreten kann, oder - schlimmer noch - vorzeitig gehen muss, ist aber nach wie vor offen. Die am Donnerstag veröffentlichten Quartalszahlen sowie Etappensiege bei der Integration der Tochter Postbank waren nach Ansicht von Investoren zumindest noch kein Beleg dafür, dass das Geldhaus die Wende geschafft hat. Die Bank mag mit dem Sparen vorankommen und weniger Geld für Rechtsstreitigkeiten ausgeben, weswegen immerhin das Vorsteuerergebnis um 50 Prozent auf 933 Millionen Euro stieg. Die Erträge aber - also die gesamten Einnahmen - sanken um ein Zehntel auf knapp 6,8 Milliarden Euro, und damit stärker als befürchtet. Es ist ein Zeichen, dass die Bank schneller Kunden verliert, als sie die Kosten in Griff bekommt, was wiederum irgendwann die Geschäftsgrundlage in Frage stellt. Die Aktie verlor am Donnerstag zeitweise gut zwei Prozent und war einer der größten Dax-Verlierer.

Die Anleger reagieren enttäuscht. Die Aktie verlor zeitweise gut zwei Prozent

Es ist erstaunlich: Während sich internationale Investoren zunehmend wieder für europäische Banken interessieren, in der Hoffnung, dass die Zinsen steigen, ist die Deutsche Bank gleichsam abgekoppelt von dieser Euphorie. Die Aktie der Commerzbank legte - auch dank Übernahmespekulationen - seit Jahresbeginn um enorme 70 Prozent zu; für die Deutsche Bank ging es seither um sieben Prozent abwärts. Von den Tiefständen aus dem Herbst 2016, als die Bank vor dem Abgrund stand, ist man nicht allzu weit entfernt. "Das ist das dritte enttäuschende Quartal in Folge", sagte Helmut Hipper, Fondsmanager bei Union Investment. Die Bank verliere im Investmentbanking weiter Marktanteile. Die anderen Bereiche sähen zwar stabiler aus. "Die Investoren brauchen aber langen Atem. Eine Trendwende ist kurzfristig nicht zu erwarten".

Die Deutsche Bank macht kleine Fortschritte, hat die Trendwende aber noch nicht geschafft.

(Foto: Michael Probst/AP)

Gegensteuern will die Bank nun, indem sie die Vermögensverwaltung an die Börse bringt und - ja - indem sie nach einem ganzen Jahr Enthaltsamkeit für 2017 wieder einen Bonus ausschütten will. Andernfalls, so die Sorge, würden vor allem die stets sehr darauf bedachten Investmentbanker erst recht in Scharen das Weite suchen.

Kernstück der Neuausrichtung aber ist die Integration der Bonner Tochter Postbank. Dies war zwar schon einmal gescheitert, nun aber soll es klappen. Und tatsächlich ist die Bank dabei offenbar einigermaßen im Plan. "Wir sind überzeugt, dass die Früchte unserer Arbeit in den kommenden Quartalen und Jahren Schritt für Schritt sichtbarer werden", sagte Cryan. Das Privat- und Firmenkundengeschäft werde im zweiten Quartal 2018 verschmolzen. Dann sollen die 13 000 Beschäftigten der "Blauen" und 17 000 der "Gelben" unter einem rechtlichen Dach arbeiten. Für die zusammen fast 20 Millionen Kunden ändert sich zunächst nicht viel: Die Markennamen bleiben erhalten, geführt wird die neue Einheit von einem gemeinsamen Führungsteam von Frankfurt und Bonn aus. Das IT-System der Postbank wird fast vollständig abgeschaltet. Ab 2022 soll das Ganze rund 900 Millionen Euro pro Jahr an Synergien bringen. Im Gegenzug fallen für Umbau und IT-Investitionen insgesamt 1,9 Milliarden Euro Kosten an.

Noch nicht nach außen gedrungen ist, wie viele der insgesamt gut 30 000 Arbeitsplätze der fusionierten Einheit wegfallen, um die Ziele zu erreichen. Im Zuge des laufenden Sparprogramms hat die Bank bereits 4000 Stellen in Deutschland gestrichen und 188 Filialen geschlossen - das aber wird nicht das Ende sein. Zwar einigte man sich am Mittwoch-Abend mit der Gewerkschaft Verdi darauf, betriebsbedingte Kündigungen bis zum 30. Juni 2021 auszuschließen. Das hindert das Geldhaus aber nicht daran, über Abfindungen weitere Stellen zu streichen. "Es werden mehr als 6000 Stellen wegfallen", sagte ein Insider. "Alles andere reicht nicht". Auch das Netz von zusammengenommen mehr als 1500 Filialen wird dem Vernehmen nach weiter verkleinert. Wie viele Filialen wegfallen werden, sagte die Bank nicht.

Bereits Gewissheit haben die 500 Mitarbeiter der Kölner Privatbanktochter Sal. Oppenheim. Die Deutsche Bank gibt nicht nur die fast 230 Jahre alte Marke auf, sondern teilt die Kunden und Geschäfte bis 2018 auf andere Bereiche auf. Die Frankfurter hatten die Privatbank 2009 übernommen, weil sie nach Fehlspekulationen beim Handelskonzern Arcandor in Schieflage war. Die Sanierung indes war nie gelungen. Ein böses Omen für wird darin wohl niemand sehen wollen.

Neues Gratis-Konto

In Puncto Digitalisierung sehen sie sich bei der Deutschen Bank stets vorne. Da mögen die IT-Systeme noch so veraltet sein: In Angebote wie die neue Kontoführungsapp, digitale Vermögensplattformen oder einen Zinsmarkt fließt einiges an Energie und Geld.

Im Zuge der Verschmelzung von Postbank und Deutscher Bank soll nun Ende 2018 auch eine "Digitalbank" an den Start gehen. Sie richtet sich "vor allem an junge, digital affine Kunden" und soll dem Angebot von Finanz-Start-ups wie N26 oder etablierten Direktbanken etwas entgegen setzen. Auch das Gratiskonto der Commerzbank wird man dabei im Blick gehabt haben. Im Mittelpunkt des Angebots steht nämlich ein kostenfreies Konto, das "Zugang zu digitalen Marktplätzen" bieten soll. Interessant: Das Gratis-Konto wird dabei nicht nur Studenten und Auszubildenden offenstehen, sondern allen interessierten Kunden angeboten. Anders als bei Direktbanken können diese dann auch auf die Vorteile einer Filialbank zugreifen.

Sorge, dass nun zahlreiche Schnäppchenjäger das Kontomodell wechseln, hat man bei der Deutschen Bank aber offenbar nicht. Für ein Konto zahlt man dort zwar in der Regel 4,99 bis 9,99 Euro im Monat. Das neue Digitalangebot sei aber eine reine Ergänzung der bisherigen Modelle. Meike Schreiber