Deutsche-Bank-Prozess:Jeder gegen jeden? Von wegen

Strafprozess gegen Top-Manager der Deutschen Bank

Neue Taktik im Verfahren um Prozessbetrug? Die Angeklagten mit ihren Anwälten im Gerichtssaal.

(Foto: dpa)
  • Im Deutsche-Bank-Prozess in München reden fast alle Angeklagten. Einige sagen aber längst nicht alles, was sie zuvor der Staatsanwaltschaft gesagt haben.
  • Die prominenten Banker wollen sich offenbar, anders als bei den Ermittlungen, nicht länger gegeneinander ausspielen lassen.
  • Davon profitiert vor allem Ex-Chef Rolf Breuer, der im Fall Kirch von einigen seiner früheren Kollegen jetzt sogar in Schutz genommen wird. Aus Eigennutz.
  • Nur einer der Angeklagten, ein Banker der alten Schule, tanzt aus der Reihe und findet nicht gut, wie das Geldinstitut mit dem Kunden Kirch umging.

Von Klaus Ott

Es ist immer dasselbe Bild: Rolf Breuer, Ex-Chef der Deutschen Bank, lässt die Vorwürfe über sich ergehen und verzieht kaum eine Miene. Er sitzt einfach nur da und schweigt. Selbst dann, als er sich beim Deutsche-Bank-Prozess vor dem Landgericht München I nicht nur Vorwürfe der Staatsanwaltschaft anhören muss, sondern auch von einem seiner Ex-Kollegen und Mitangeklagten angegangen wird.

Breuer bleibt ruhig und still, als alle anderen vier Angeklagten reden am dritten Prozesstag im Fall Kirch. Vielleicht wirkt der langjährige Banker aus Frankfurt an diesem 18. Mai 2015 in München ja auch deshalb so gelassen und unberührt, weil er aus den Ermittlungsakten längst weiß, was einige seiner Ex-Kollegen über ihn denken. Und weil es vor Gericht für ihn, den einstigen Chef, jetzt viel besser läuft als während der Ermittlungen.

Im Januar 2014 hatten Breuer-Nachfolger Josef Ackermann und die anderen Mitbeschuldigten der Staatsanwaltschaft viel erzählt. Einige von ihnen haben damals mehr oder weniger versucht, sich auf Breuers Kosten herauszureden, um einer Anklage wegen versuchten Prozessbetrugs im Fall Kirch zu entgehen. Doch das ging nicht auf - jetzt sitzen alle fünf gemeinsam auf der Anklagebank. Bis hin zum aktuellen Co-Vorstandschef der Bank, Jürgen Fitschen.

Bei der Staatsanwaltschaft hatte vor allem Clemens Börsig, Ex-Vorstand und Ex-Aufsichtsratschef, heftig über Breuer hergezogen. Über den alten Kollegen Breuer, der in der Bank hauptsächlich für das Kreditengagement bei dem Medienmagnaten Leo Kirch zuständig gewesen war. Und der das ganze Schlamassel ausgelöst hatte - im Februar 2002 mit einem TV-Interview über Kirchs Finanznöte.

Der Film- und Fernsehunternehmer ging wenig später pleite und verklagte Breuer und die Bank. Nach dem Tod des Medienmagnaten bekamen die Kirch-Erben und -Gläubiger im Rahmen eines Vergleichs schließlich 925 Millionen Euro Schadensersatz von dem Geldinstitut zugesprochen. Die Bank zahlte.

"Aus allen Wolken" gefallen

Als die Staatsanwaltschaft Börsig zu dem Vorwurf vernahm, er und seine alten Kollegen hätten beim letzten großen Schadensersatzprozess von Kirch die Justiz täuschen wollen, rechnete der Ex-Aufsichtsratschef mit Breuer ab. Börsig sagte, er sei "aus allen Wolken" gefallen, als er durch die Ermittlungen erstmals erfahren habe, welche Pläne es Anfang 2002 in der Bank für eine Zerschlagung des Kirch-Konzerns gegeben habe.

Ihm und seinen Vorstandskollegen, so Börsig, sei in dieser Causa ein "Theater vorgespielt" worden. Breuer sei im Fahrersitz gesessen und habe kein Interesse gehabt, intern seine tatsächlichen Pläne zu erklären. Ackermann sei Beifahrer gewesen und habe auch keinen Anlass gehabt, den Kollegen seine Absichten zu schildern.

Börsigs Verteidiger ergänzen später, ihrem Mandanten sei eine falsche Erinnerung an die Vorgänge Anfang 2002 "untergeschoben" worden. Aus Verbundenheit und Vertrautheit zu Breuer seien dessen Angaben unbewusst als wahr übernommen worden.

Doch jetzt, als Börsig vor Gericht redet, nur wenige Meter von Ackermann und Breuer entfernt, wiederholt er diese Passagen über seine Ex-Kollegen nicht. Stattdessen attackiert Börsig die Staatsanwaltschaft. Deren Vorwurf, dass die Bank und die Banker ihre Zerschlagungspläne für den Kirch-Konzern verheimlichen und vertuschen wollten, seien falsch.

Börsig nimmt Breuer sogar in Schutz. Durch Breuers TV-Interview über Kirch sei dem Medienmagnaten "kein Schaden entstanden". Nach seiner, Börsigs, Überzeugung habe Kirch keine Ansprüche gehabt.

Vor dem Prozess am Landgericht hatte es noch so ausgesehen, als kämpfe jeder der fünf Angeklagten für sich - und als kämpften einige gegen Breuer. Inzwischen sieht es eher so aus, als wolle man sich nicht mehr von der Staatsanwaltschaft auseinanderdividieren lassen.

Die Deutschbanker halten sich vor Gericht erkennbar zurück

Auch Josef Ackermann verzichtet jetzt vor Gericht darauf, aus seiner staatsanwaltschaftlichen Vernehmung vom Januar 2014 einige für Breuer unangenehme Passagen zu wiederholen. Den Ermittlern hatte Ackermann gesagt, er und Breuer hätten ein "ziemlich distanziertes, wenn auch korrektes Verhältnis" gehabt. Damals, als es um den Fall Kirch ging.

Bei den Ermittlern erzählte Ackermann auch, er habe in der Bank bestimmte Informationen in der Causa Kirch erst gar nicht bekommen. Er glaube, er sei bei dieser Sache einfach außen vor gewesen. Offenbar habe es zu diesem Zeitpunkt, Anfang 2002, eine "Media-Gruppe um Breuer" gegeben, die mit dem damaligen Bankchef über Kirch diskutiert habe. Wahrscheinlich habe dies intern der "Geheimhaltung" unterlegen.

Auch Ackermann hält nun, bei Gericht, zu Breuer. Dass die Deutsche Bank mit Breuers TV-Interview den Kunden Kirch angeblich unter Druck setzen wollte, um von ihm dann einen Auftrag zum Verkauf von Teilen seines Film- und Fernsehimperiums zu erhalten und daran verdienen zu können, das sei unsinnig und widersinnig. Ackermann sagt, er habe in seinen 40 Jahren im Bankgeschäft noch nie erlebt, "dass ein Kunde schlechtgeredet wird, um ein Mandat zu bekommen".

Einer tanzt aus der Reihe

Dass Ackermann und Börsig nicht mehr von ihrem alten Kollegen Breuer abrücken, sondern nun eher den Schulterschluss proben, ist leicht zu erklären. Hat Breuer mit seinem TV-Interview keinen Fehler gemacht, hat es trotz der Millionenzahlung der Bank an die Kirch-Seite eigentlich gar keinen Schadensersatzanspruch gegeben, dann kann auch kein versuchter Prozessbetrug vorlegen haben. Alles wäre gut für alle Angeklagten.

Nur einer tanzt weiterhin etwas aus der Reihe. Ex-Personalvorstand Tessen von Heydebreck, ein Banker der alten Schule, dem das Vertrauen der Kunden wichtiger war als schnell verdientes Geld mit dem Fusionieren und Filetieren von Unternehmen. In dem zunehmend vom Investmentbanking geprägten Geldinstitut galt Heydebreck eher als Außenseiter.

Den Vorwurf des versuchten Prozessbetrugs im Fall Kirch weist der Ex-Vorstand genauso vehement zurück wie seine einstigen Kollegen. Aber er macht auch deutlich, was er von Breuers damaligem Umgang mit Kirch hält. Breuer hatte im Januar 2002 eine Einladung von Bundeskanzler Gerhard Schröder zu einem Essen angenommen, bei dem der seinerzeitige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und einer der Chefs der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) mit am Tisch saßen. Beides Konkurrenten von Kirch, um den es bei dem Essen ging.

Für Heydebreck ein Unding. "Ich hielt es nicht für richtig, mit Dritten ein Gespräch über einen Kreditkunden zu führen, auch nicht mit dem Bundeskanzler." Zu Breuers TV-Interview über Kirch hat Heydebreck ebenfalls eine klare Meinung. Ihm sei sofort bewusst gewesen, dass das problematisch sei. "So spricht man nicht über Kunden."

Heydebreck ist auch der Einzige, der vor Gericht erklärt, er habe sich vor seiner Aussage bei der Justiz im Schadensersatzstreit mit Kirch "dummerweise" auf ein Vorbereitungsgespräch mit Bank-Juristen eingelassen.

Den Vorwurf, er habe die Justiz täuschen wollen, weist aber auch Heydebreck zurück. Die These, man habe Kirch mit Breuers TV-Interview öffentlich unter Druck setzen wollen, um mit ihm dann Geschäfte machen zu können, sei "bar jeder kaufmännischen Lebenserfahrung".

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