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Deutsche Bank:Der Chef gerät unter Druck

Hauptversammlung Deutsche Bank; WIR

Zweifel an seiner Visionsfähigkeit: Aktionäre sind mit Deutsche-Bank-Chef John Cryan unzufrieden.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Seit das Finanzinstitut vor einem Jahr am Abgrund stand, hat es sich wieder ein wenig berappelt. Trotzdem fragen sich nun einflussreiche Aktionäre: Ist John Cryan auf Dauer der Richtige an der Spitze?

Als John Cryan vor gut zwei Jahren den Chefposten der Deutschen Bank übernahm, war es allen klar - den Mitarbeitern, Aktionären und sicherlich auch ihm selbst: Der Brite stabilisiert das größte deutsche Geldhaus, drückt die Kosten, räumt die IT auf und überlässt spätestens 2020 einem Banker die Führung, der mitreißt, anpackt und der - auch das - Visionen hat. Cryans Zeit bei der Deutschen Bank wäre dann die Krönung einer respektablen Karriere gewesen.

Inzwischen gefällt sich der grummelige Brite aber in der Rolle desjenigen, der länger bleiben will. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, nach Ablauf seines Vertrags weiterzumachen, sagte er öffentlich: "Das kann gut sein. Wenn es uns gelingt, attraktive Renditen zu erreichen und eine sehr erfolgreiche Bank zu schaffen, warum nicht?" Ja, warum nicht?

Vielleicht weil das einigen Großaktionären nicht gefallen würde, vor allem den einflussreichen. Sie sind erkennbar irritiert. "Cryan sollte sich besser nicht als Dauerläufer positionieren", heißt es nun im Umfeld eines großen Anteilseigners. Man habe Zweifel an seiner Visionsfähigkeit und sei unzufrieden mit der Entwicklung der Bank. Ein anderer mächtiger Aktionär sagte, die EDV-Kosten des Geldhauses seien immer noch viel zu hoch. John Cryan erzeuge keine Aufbruchsstimmung im Konzern. Keine Aufbruchsstimmung also; und keine Visionen. Mehr noch: Es sieht so aus, als käme die Bank noch nicht einmal zur Ruhe, als stünden wieder Personaldebatten an. Dabei hat sich das Geldhaus gerade erst von der Nahtoderfahrung im vergangenen Herbst berappelt.

Eine Bank im Dauerkrisenmodus: Der Aktienkurs näherte sich zuletzt wieder bedrohlichen Tiefs

Namentlich zitieren lassen will sich mit solchen heiklen Äußerungen freilich niemand. Es ist aber deutlich zu spüren, dass Cryan zunehmend in Ungnade fällt, vor allem bei den Großaktionären, den Scheichs aus Katar, die knapp zehn Prozent an der Bank halten. Über den wachsenden Unmut hat am Donnerstag als Erstes das Handelsblatt berichtet. Auch andere Investoren wollen dem Vernehmen nach irgendwann Rendite sehen, etwa der chinesische Mischkonzern HNA, der zweite Großaktionär.

Er war als freundlicher Ankeraktionär im Frühjahr mit 9,9 Prozent eingestiegen. Damals hieß es, man habe "vollstes Vertrauen in das Management der Deutschen Bank". Ob davon noch die Rede sein kann? Noch immer ist das Institut gefangen in einer Abwärtsspirale aus Sparprogrammen, sinkenden Erträgen und wieder neuen Sparprogrammen. Cryan hat versucht, das Geldhaus als simple europäische Investmentbank zu positionieren. In Wahrheit aber wirkt das Institut weiterhin wie ein komplexes und kaum steuerbares Gebilde, das sich auf allen möglichen Märkten verkämpft, allen voran auf dem schwierigen und kostenfressenden US-Markt.

Seit Wochen nähert sich der Aktienkurs erneut bedrohlich jenen Tiefstständen aus dem vergangenen Herbst, als er zeitweise unter zehn Euro gefallen war. Hedgefonds, die auf den Absturz von Aktien wetten, nehmen bereits wieder Witterung auf. An der Börse notiert die Deutsche Bank deutlich schlechter als andere europäische Großbanken. Im zweiten Quartal fielen die Erträge um zehn Prozent; das dritte wird wohl auch nicht besser. Das Geldhaus brauche sogar noch mal drei Milliarden Euro frisches Kapital, verdiene zu wenig, meinen die Analysten der Société Générale, die mit ihre Prognosen oft richtig lagen.

Vor der Brust hat Cryan nun weitere Operationen: Die Integration der Postbank sowie den Börsengang der Vermögensverwaltung. Beides sind keine Selbstgänger. An der Eingliederung der Postbank jedenfalls ist die Bank schon einmal gescheitert.

Die Frage ist nur: Was soll man anders machen? Und wer soll das tun? "Eine weitere Strategieänderung, selbst eine Justierung, ist unmöglich, das kostet jegliche Glaubwürdigkeit", heißt es aus der Bank. Und nun schon wieder die Führung austauschen, nachdem Cryans Vorgänger Anshu Jain (und später Jürgen Fitschen) auf Druck von Aktionären und Aufsicht bereits im Sommer 2015 gehen musste?

Immerhin: Kandidaten wären verfügbar. Schließlich hat Aufsichtsratschef Paul Achleitner dem Briten Anfang des Jahres zwei Stellvertreter zur Seite gestellt: Privatkundenvorstand Christian Sewing und Investmentbanking-Chef Marcus Schenck. Doch dass die jüngeren Kollegen schon bald bereit wären, die Führung zu übernehmen, das bezweifeln viele in den Türmen.

Andere große Aktionäre fordern daher Geduld für Cryan ein. Der Brite sei nach wie vor "der richtige Mann", sagt etwa Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment. Zwar sei noch nicht bewiesen, dass das Geschäftsmodell der Bank trüge, sie stünde heute aber viel stabiler da als noch vor einem Jahr. Kosten und Rechtsrisiken seien gesunken, das Kapital gestärkt. Bei einem anderen großen Fonds hieß es, Cryan müsse liefern, brauche aber auch die Zeit, die Sachen "aufzuräumen".

Die kleineren Investoren fragen sich daher auch, was die beiden Großaktionäre mit der Bank vorhaben. Mit zusammen knapp zwanzig Prozent können sie fast jede Hauptversammlung lenken. Die Aufsicht prüft bereits routinemäßig, ob sie sich verbotenerweise abstimmen. Zugleich stehen sowohl HNA als auch Katar selber unter Druck. HNA wegen seiner undurchsichtigen Eignerstruktur, das Emirat wegen der Blockade Saudi-Arabiens. Das alles wird in der kommenden Woche wohl zur Sprache kommen. Dann trifft sich der Aufsichtsrat der Bank in Berlin - zur jährlichen großen Strategiesitzung.