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Deutsche Bank-Aufsichtsratschef Clemens Börsig:In Josefs Schatten

Der scheidene Vorstandschef Josef Ackermann kann die große, gefühlige Abschiedsshow zelebrieren - mit Wehmut, Tränen und guten Ratschlägen für seine Nachfolger. Für Aufsichtsratschef Clemens Börsig dagegen könnte die Hauptversammlung der Deutschen Bank ungemütlich werden. Einige angelsächsische Investoren und deutsche Aktionärsvertreter wollen dem Kontrollgremium die Entlastung verweigern.

"Dies ist eine Bilanz, die allergrößten Respekt verdient", sagt Aufsichtsratschef Clemens Börsig und lobt damit Josef Ackermanns Leistungen in den vergangenen zehn Jahren an der Spitze der Deutschen Bank. Das Institut sei als Gewinnerin aus der Finanzkrise hervorgegangen. "Dieser Erfolg wird immer mit ihrem Namen verbunden bleiben", so Börsig, dessen Verhältnis zu Ackermann nicht immer ungetrübt war.

Josef Ackermann Ackermann - eine Bilanz Video
Führungswechsel bei der Deutschen Bank

Ackermann - eine Bilanz

Wenn die Deutschen nach einem Namen suchten, der stellvertretend für die Gier der Finanzwelt stand, fiel ihnen sofort einer ein: Josef Ackermann. Chef der Deutschen Bank. Doch wurden sie damit Ackermann gerecht? An diesem Donnerstag hat er seinen letzten Arbeitstag bei der Frankfurter Großbank.

Anschließend langer Applaus der Aktionäre. Viele stehen sogar auf. Ackermann wirkt zunächst etwas verlegen, steht dann auch auf, weiß nicht recht, wohin mit seinen Händen, strahlt und wischt sich schließlich Tränen der Rührung aus den Augen.

Es ist die große Ackermann-Show auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank, es ist nicht die Show des Clemens Börsig. Nachdem Aufsichtsratsmitglied Tilman Todenhöfer die Arbeit des Chef-Kontrolleurs gewürdigt hat, kommt nur zögerlicher und kurzer Applaus der Aktionäre. Kein Vergleich zu den stehenden Ovationen für Ackermann. Im Kreise der Anteilseigner herrscht großer Unmut wegen der langwierigen Suche Börsigs nach einem neuen Vorstandschef in den vergangenen Jahren. Viele werfen ihm vor, keinen guten Job gemacht zu haben.

Börsig muss deshalb mit einer ungemütlichen Hauptversammlung rechnen. Einige angelsächsische Investoren und auch deutsche Aktionärsvertreter wollen dem Aufsichtsrat der Bank deshalb die Entlastung verweigern. Ihm lägen mehr als 60 Wortmeldungen vor, sagt Börsig gegen Mittag - schon sichtbar genervt. Daher müsse die Redezeit auf fünf Minuten pro Redner begrenzt werden. Doch schon jetzt sit kalr: Auch diese Hauptversammlung der größten deutschen Bank dürfte sich bis in den Abend hineinziehen. Es sind 7000 Aktionäre und Besucher anwesend - so viele wie noch nie.

Der scheidende Chef übt sich in Selbstkritik

Ackermann kann dagegen bei seiner Rede das Gefühlige zelebrieren: "Ich empfinde Wehmut beim Abschied von einem Land, das mich mit offenen Armen empfangen und stets mit großer Offenheit begleitet hat", betont der scheidende Vorstandschef, der es sich zu seinem Abschied sogar leisten kann, in ungewohnt offenen Worten Selbstkritik zu üben.

Mit Blick auf zahlreiche Klagen, mit denen sich die Bank wegen ihrer Hypothekengeschäfte in den USA konfrontiert sieht, räumt er ein, dass man manche Geschäfte lieber nicht gemacht hätte. Auch auf die angestrebte Eigenkapitalrendite von 25 Prozent vor Steuern, für die Ackermann in der Vergangenheit gerade in der Öffentlichkeit viel Kritik einstecken musste, ging der Schweizer ein. Die 25 Prozent, die oft "als Ausdruck der Gier" kritisiert worden seien, seien "nie Selbstzweck" gewesen, betonte er. Vielmehr gehe es darum, sich mit den besten Banken der Welt zu messen.

Ackermann versucht in seiner Abschiedsrede auch Sorgen vor einem Abdriften des Instituts aus dem Stammland Deutschland zu zerstreuen: "Die Deutsche Bank ist eine globale Bank. Aber wir haben tiefe Wurzeln in unserem Heimatmarkt, und wir pflegen diese Wurzeln", sagt der Vorstandschef in der Frankfurter Festhalle.

Nur mit einer starken Heimatbasis könne eine Bank global erfolgreich sein. "Deswegen hat diese Bank immer zu Deutschland gestanden." Seit der Entscheidung für eine Doppelspitze aus dem Investmentbanker Anshu Jain und dem bisherigen Deutschland-Chef Jürgen Fitschen halten sich Sorgen, die Bank könnte stärker als bisher international riskante Geschäfte eingehen.

Seine Nachfolger sieht Ackermann vor schweren Aufgaben. "Mit Blick auf den weiteren Jahresverlauf müssen wir Vorsicht walten lassen", so Ackermann. "Insbesondere die konjunkturelle Lage, die Schuldensituation und mangelnder Reformwille in einigen Ländern der Eurozone geben Anlass zur Sorge, und die Arbeitslosigkeit dort, gerade bei jungen Menschen, ist beunruhigend."

Die Deutsche Bank sei aber in guter Verfassung und im vergangenen Jahr "noch stärker und stabiler geworden, als sie es ohnedies schon war". Seine Nachfolger Jürgen Fitschen und Anshu Jain, die an diesem Freitag die Leitung der Bank übernehmen, könnten auf dem gemeinsam Erreichten aufbauen und die "traditionsreiche Geschichte dieser großartigen Bank" erfolgreich fortführen, sagt Ackermann.

Jain leitete bislang das Investmentbanking, Fitschen das weltweite Regional-Geschäft. Mittlerweile zeichnen sich Bankkreisen zufolge die künftigen Verantwortlichkeiten ab: Fitschen bekommt die Verantwortlichkeit für das von Vorstand Rainer Neske geleitete Privatkundengeschäft. Er soll zudem für das Deutschlandgeschäft zuständig bleiben und eine Art "Außenminister" für den Dialog mit der Politik sein. Der gebürtige Inder Jain wird neben dem Investmentbanking und dem Transaktionsbanken-Geschäft auch die Erstverantwortlichkeit für die Vermögensverwaltung bekommen.

Aufsichtsratschef Börsig fällt es dann noch zu, eine der spannendsten Aktionärsfragen des Tages zu beantworten - nämlich die, ob der neue Vorstandschef Anshu Jain Deutsch lerne. "Herr Jain lernt Deutsch, aber wie Sie alle bestätigen können, ist die deutsche Sprache keine einfache Sprache", sagt Börsig.