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Deutsche Bahn:Powerpoint am Gleis

Blick ins Bahn-Büro: Welche App wird denn hier programmiert?

(Foto: oh)

Die Bahn eröffnet eine erste Coworking-Fläche für Pendler. Der Zeitpunkt ist allerdings problematisch.

Von Markus Balser

Zwei Stunden Zeit, bis der nächste Zug fährt, und noch dringend etwas zu tun? Wer bislang am Hauptbahnhof in Berlin strandete, hatte Mühe, einen ruhigen Platz zum Arbeiten zu finden. Das soll sich nun ändern. Von Montag an will die Deutsche Bahn Pendlern und Geschäftsreisenden im Berliner Hauptbahnhof Arbeitsplätze anbieten. Im zehnten Stock des Bahnhofsbaus mit Blick über das Zentrum Berlins kann man sich für eine halbe Stunde oder auch einen ganzen Tag einmieten.

Wer die Räume betritt, landet in einem quietschbunten Großraumbüro im Stil eines Start-ups. Mit der App "Everyworks" kann jeder einen der 300 Arbeitsplätze auf der 1500 Quadratmeter großen Fläche buchen. Nutzer bekommen einen QR-Code und erhalten so Zugang zu den Büroräumen in einem Seitenflügel des Bahnhofs. Anders als bei den Lounges des Konzerns geht es hier allerdings nicht um ein kostenloses Angebot. Knapp zehn Euro pro Stunde werden für einen Platz im Sessel, am Schreibtisch oder in einer Besprechungsecke fällig, inklusive Strom, Internet und Kaffee. Abgerechnet wird nach Minuten und per Kreditkarte.

Ein Meetingraum kostet mindestens 59 Euro pro Stunde, und wer gleich einen ganzen Monat buchen will, zahlt 650 Euro. Spontane Nutzer können sich zwischen 8.30 Uhr und 18.30 Uhr einen Platz mieten.

Für die Bahn soll der Berliner Hauptbahnhof erst der Anfang sein. Der Konzern wolle Coworking-Angebote auch an anderen Standorten schaffen, kündigt Meike Niedbal, Leiterin des Bereichs Smart-City bei der Bahnhofstochter Station & Service, an. Zuletzt hatte der Konzern das Konzept in Münster getestet. Auch im Einzugsbereich großer Städte sei ein solches Angebot möglich, sagte sie.

Die Bahn nimmt das neue Geschäft mit einiger Verspätung auf. Es sollte ursprünglich schon im vergangenen Jahr eingeführt werden. Der zweite Versuch sollte im März starten, wurde aber wegen der Corona-Maßnahmen verschoben. Auch der neue Anlauf kommt zu einem problematischen Zeitpunkt. Die Corona-Krise hat die Passagierzahlen der Bahn einbrechen lassen. Viele Beschäftigte arbeiten von zu Hause aus, Dienstreisen fallen aus. Gerade die Anbieter von Büroflächen geraten deshalb unter Druck. Die Bahn hofft dennoch auf einen guten Start. Das Coworking-Angebot sei die Antwort der Bahn auf sich verändernde Büromodelle. Um Abstandsregeln einhalten zu können, werden zunächst allerdings nur etwa die Hälfte der Plätze vermietet.

Bislang können Reisende die sogenannten DB Lounges zum Arbeiten nutzen. Die bleiben bestehen. Sie sind allerdings vor allem für den Aufenthalt gedacht und Kunden des Konzerns vorbehalten. Die Coworking-Fläche dient vor allem dem Arbeiten und steht allen offen. Die Pläne der Bahn für den Aufbau eines Coworking-Netzes an deutschen Bahnhöfen waren im Herbst 2018 bekannt geworden. Sie waren das Ergebnis eines Modellversuchs am Berliner Bahnhof.

© SZ vom 27.08.2020

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