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Deutsche Bahn:Bahn bringt Arriva 2020 an die Börse

Eigentlich wollte die Bahn ihr Auslandsgeschäft verkaufen, aber das hat nicht geklappt. Nun soll ein Börsengang dringend benötigtes Geld bringen. Und ein Spitzenbeamter der Regierung soll neuer Finanzchef werden.

Von Markus Balser, Berlin

Die Deutsche Bahn will ihre Auslandstochter Arriva im nächsten Jahr an die Börse bringen. Nach kürzlich geplatzten Komplettverkauf verfolgt die Bahn-Spitze damit Plan B. Die Tochter solle frühestens im Mai an die Börse gehen, kündigte Bahnchef Richard Lutz am Mittwoch in Berlin an. Dann solle zunächst ein Minderheitsanteil angeboten werden. Über eine Zeitraum von drei Jahren sollen dann weitere Anteile folgen. "Wir wollen auf jeden Fall nächstes Jahr in den Börsengang gehen und dann etwas gestreckter verkaufen", sagte Lutz. Die in 14 Ländern tätige Bahntochter mit 53 000 Beschäftigten, zuletzt 5,4 Milliarden Euro Umsatz und einem Firmensitz im englischen Sunderland ist zwar einer der wenigen Bereiche der Bahn, die Gewinne erwirtschaften. Doch die Bahn braucht dringend Geld. Der eigentlich geplante Gesamtverkauf sollte dem Konzern schon in diesem oder spätestens dem nächsten Jahr bis zu vier Milliarden Euro bringen. Investoren sprangen jedoch nach Problemen ab. Der gewünschte Verkaufspreis rückte in weite Ferne. Die Bahn stoppte den Verkauf deshalb Anfang des Monats vorerst. Die Tochter soll nun im kommenden Jahr in Amsterdam an die Börse gehen. Weil deshalb dringend benötigte Einnahmen fehlen, will die Bahn mit einer weiteren Anleihe bis zu drei Milliarden Euro an neuen Schulden aufnehmen. Die Deutsche Bahn ist bereits hoch verschuldet, will aber stark in den Ausbau des Netzes und der eigenen Zugflotte investieren. Die deutschen Bahnkunden würden von der geplanten Trennung von Arriva wohl wenig spüren - es geht um die Regionalverkehre, die der Konzern per Bus und Bahn zum Beispiel in Schweden, den Niederlanden, Italien oder Spanien betreibt. Insgesamt hat Arriva in Europa 17 000 Busse und 1100 Züge im Einsatz. Die Bahn hatte Arriva 2010 für rund 2,8 Milliarden Euro erworben.

Die schwierige Finanzlage steuern soll möglichst bald ein neuer Finanzchef. Nach Informationen aus Regierungskreisen steht fest, dass ein Spitzenbeamter aus dem Finanzministerium den einflussreichen Vorstandsposten übernehmen soll. Levin Holle, derzeit Abteilungsleiter im Finanzministerium, könnte bereits Anfang des nächsten Jahres in die Chefetage der Bahn einziehen, hieß es weiter. Holle kennt den Konzern gut. Er sitzt bislang im Aufsichtsrat der Bahn. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte eine schnelle Besetzung vorangetrieben. Er wolle nach dem Abgang des bisherigen Finanzvorstands Alexander Doll keine lange Vakanz im Vorstand der Bahn. Doll hatte seinen Posten nach einem Zerwürfnis mit weiteren Vorständen geräumt. Ihm waren Fehler beim Verkauf von Arriva vorgeworfen worden.

Holle wird damit auch eine neue Strategie der Bahn gegenüber der Regierung vertreten müssen. Der Konzern leite einen Paradigmenwechsel ein, sagte Lutz. Investitionen in das eigene Angebot hätten künftig Vorrang vor der Rendite des größten deutschen Staatskonzerns. Was das konkret heißt, rechnete Lutz am Mittwoch gleich vor. Für 2020 rechnet die Bahn nur noch mit einem Gewinn (Ebit) von 1,3 Milliarden Euro. In diesem Jahr erwartet die Bahn noch 1,8 oder 1,9 Milliarden Euro. Kunden und Qualität stünden künftig im Vordergrund. Über einige Jahre werde der Konzern eine geringere Dividende an den Bund zahlen. Die allerdings kann der Bund ohnehin nicht behalten. Sie fließt nach einem komplizierten System zurück an die Bahn.

Größtes Problem des Konzerns bleibt die Güterverkehrstochter Cargo. Deren Verluste werden in diesem Jahr auf 290 Millionen Euro steigen. Als neue Chefin der Sparte hat die Bahn Sigrid Nikutta, die bisherige Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG, verpflichtet. Sie soll die Tochter von Januar an sanieren.

© SZ vom 05.12.2019
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