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Debatte über Forderungsverzicht der EZB:Kratzen am griechischen Schuldenberg

Um das Land aus der Krise zu bekommen, müssen die hohen Schulden weg. Nur wie? Griechenlands Wirtschaft schwächelt, Steuereinnahmen bleiben aus. Brüssel denkt nun offenbar darüber nach, Athen anders zu helfen - vielleicht mit einem neuen Schuldenschnitt.

Die Verhandlungen dauerten Monate. Banken-Cheflobbyist Josef Ackermann saß bei Euro-Krisengipfeln mit am Tisch. Im März war es dann soweit: Die privaten Gläubiger Griechenlands erließen dem Land etwa die Hälfte der Schulden. Die öffentlichen Geldgeber, die Rettungsschirme, die Euro-Länder, die Europäische Zentralbank - diese Gläubiger machten damals ausdrücklich nicht mit. Die Steuerzahler sollten geschont werden.

Vier Monate, einige Marktturbulenzen und zwei griechische Wahlen später sind die Schulden des Landes immer noch hoch. Zu hoch, sagen viele Ökonomen. Braucht Griechenland wieder einen Schuldenerlass? Das Land steht kaum noch bei privaten Investoren in der Kreide. Somit ist klar, wer Athen jetzt noch Luft verschaffen könnte: die staatlichen Gläubiger.

Genau dafür gibt es offenbar in der Euro-Zone Planspiele, meldet die Nachrichtenagentur Reuters. Ihre Quellen, ungenannte Beamte der Euro-Zone, betonen aber, alle Überlegungen seien in einem sehr frühen Stadium und noch nicht ansatzweise bereit, von den Staatschefs diskutiert zu werden.

Doch erste Ideen kursieren nun. Eine Reuters-Quelle schätzt die Wahrscheinlichkeit eines neuen Schuldenschnitts auf 70 Prozent.

Es geht um viele Milliarden. Griechenland soll bis 2020 seinen Schuldenstand auf 120 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung minimieren. Doch die Sparprogramme in Griechenland kommen nur schleppend voran, die Wirtschaft ist zusammengebrochen. Ein Erlass in Höhe von 70 bis 100 Milliarden Euro könnte dem Land in dieser Situation sehr helfen.

Vor allem die EZB und die nationalen Zentralbanken der Euro-Zone stehen offenbar im Fokus der Strategen. Sie haben viele griechischen Anleihen gekauft. Athen muss beispielsweise der EZB im August etwa drei Milliarden Euro zurückzahlen. Das Land hat das Geld aber nicht - es sei denn, die Mittel kämen aus dem Rettungsschirm.

Nur die Zentralbanken selbst wissen, wie viel Griechenland-Papiere sie gekauft haben - und zu welchem Preis. Haben die Währungshüter beispielsweise ein Papier mit einem Rückzahlwert von 100 Millionen Euro plus Zinsen für einen Preis von 70 Millionen Euro am Markt aufgekauft, könnten sie eine Abschreibung von 30 Prozent akzeptieren, ohne Verluste zu machen. Bisher macht die EZB sogar Gewinn, wenn Griechenland Schulden zurückzahlt. Dieser Profit fließt in die Haushalte der Euro-Länder.

Zentralbanken können theoretisch alle Verluste der Welt akzeptieren, weil sie ihr eigenes Geld herstellen. Doch eine solche Operation könnte die Steuerzahler auch etwas kosten. Braucht die EZB neues Kapital, das sie nicht selbst erschafft, müssten die Euro-Länder zahlen. Deutschland steht für 19 Prozent des EZB-Kapitals ein.

© Süddeutsche.de/Reuters/bbr/mikö
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