bedeckt München 17°
vgwortpixel

Schutzausrüstung:Unternehmen können es besser

Health Minister Spahn Visits Distribution Center For Protective clothing During The Coronavirus Crisis

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU, rechts) in einem Verteilzentrum für Schutzmasken.

(Foto: Getty Images)

Beamte und Politiker sollten nicht in der Welt herumtelefonieren und versuchen, Gesichtsmasken oder Beatmungsgeräte zu beschaffen. Dadurch geht nur wertvolle Zeit verloren. Sie sollten diese Aufgabe der Wirtschaft übertragen.

Die Corona-Krisenzeit ist die Zeit der Politiker. Sie müssen die Menschen vor den Folgen des Virus schützen und die Volkswirtschaften am Leben halten. Sie müssen Firmen retten, und es gilt längst wieder als normal, wenn Regierungen in dieser Krise Fluggesellschaften oder Eisenbahnen verstaatlichen wollen. In seiner Rolle als Retter ist der Staat gefragter als je zuvor.

Jetzt übernehmen Politiker auch noch die Rolle als Materialbeschaffer und Versorger, die den Bürgern dringend benötigtes medizinisches Material an die Hand geben wollen. In Deutschland steigt Gesundheitsminister Jens Spahn in die Beschaffung von Gesichtsmasken "und Schutzausrüstung aus aller Welt" ein. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder verlangt im Chefton, die Produktion von Schutzkleidung und Beatmungsgeräten müsse in Deutschland aufgestockt werden. In den USA versucht das Weiße Haus, ein deutsches Biotech-Unternehmen zu kaufen, das an einem Corona-Impfstoff arbeitet. Der Präsident verdonnert den Autokonzern General Motors, Beatmungsgeräte zu produzieren.

Es ist traurig, wie die größten Industrienationen vor dem Coronavirus in die Knie gehen. Aber sind Regierungen die richtige Adresse, um Versorgungsmängel in Kliniken oder Pflegeheimen zu beheben? Hier sind Zweifel angebracht. Beamte und Politiker können nicht mal eben in der Welt herumtelefonieren und irgendwelche Waren beschaffen. Dazu fehlt ihnen die Erfahrung. Erstaunt musste Minister Spahn feststellen, der Weltmarkt für Gesichtsmasken sei "extrem umkämpft und undurchsichtig". Selbst den Beschaffungsämtern zugesagte Lieferungen kämen "überwiegend nicht an". Der Bundeswehr, die Gesichtsmasken in China bestellt hatte, wurden in Kenia Millionen dieser begehrten Schutztücher gestohlen. Berlins Innensenator Andreas Geisel warf den USA einen "Akt moderner Piraterie" vor, nachdem eine Lieferung von 200000 professionellen Schutzmasken in Bangkok "konfisziert" worden war. Regierungen können mit Geld um sich werfen, aber nicht einmal das hilft.

Es muss anders gehen. Regierungen und Ministerien haben wertvolle Kompetenzen, die sie gerade unter Beweis stellen. Aber auf dem Weltmarkt für Medizinprodukte kennen sie sich nicht aus. Woher auch? Wenn Politiker versuchen, sich als Einkäufer zu betätigen, geht wertvolle Zeit im Kampf gegen Corona verloren. Und der Zeitfaktor ist entscheidend.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Es gibt in Industrieländern viele Experten für die weltweite Beschaffung von Produkten jeder Art. Die sitzen in den Unternehmen. Es ist beruhigend, wenn jetzt Firmen wie Volkswagen ihre guten Kontakte in China spielen lassen und dort mit professionellen Methoden die Dinge kaufen, die in Deutschland gebraucht werden. Die kriegen das am ehesten hin.

Siemens, BMW, Bosch und zahllose kleinere Firmen haben bereits ihre Hilfe angeboten. Sie müssen allerdings koordiniert werden. Dabei könnten Politiker eine Rolle spielen. Dazu ist auch keine neue Bürokratie nötig, die ohnehin den Erfolg nur behindern würde. Es würde reichen, wenn sich Politiker und Beamte mit den in der Hauptstadt angesiedelten Wirtschaftsverbänden unbürokratisch zu Videokonferenzen zusammenschalten, um die nötige Koordinierung voranzubringen. Der Zeitpunkt ist günstig. Das üblicherweise verkrampfte Verhältnis von Wirtschaft und Politik ist in diesen Zeiten von breiter Bereitschaft zur Kooperation geprägt. Das müsste sich doch nutzen lassen. Beide Seiten könnten einander zuhören und Ideen zur Abhilfe liefern. Das hilft den 80 Millionen Deutschen mehr als ein Gesundheitsminister, der mit besten Absichten bei dubiosen Organisationen anruft, um Gesichtsmasken zu ergattern.

© SZ vom 04.04.2020/vd
Corona Simulation Teaser Storytelling grau

SZ Plus
Coronavirus
:Der lange Weg durch die Pandemie

Ausgangsbeschränkungen bis Ostern können die Corona-Krankheitswelle verzögern, aber nicht aufhalten. Wir stehen vor einer monatelangen Bewährungsprobe, sagen Wissenschaftler. Die SZ zeigt verschiedene Szenarien.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite