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Gesundheit:Trügerische Sicherheit bei Corona-Schnelltests

Coronavirus - Nürnberg

Ein Corona-Testzentrum in Nürnberg: Patienten werden dort nach ärztlicher Veranlassung getestet. Schnelltests aus dem Internet bieten dagegen oft nur trügerische Sicherheit.

(Foto: dpa)
  • Viele Firmen verkaufen Schnelltests, die zeigen sollen, ob sich jemand schon mit dem Coronavirus infiziert hat.
  • Doch diese sogenannten Antikörper-Tests funktionieren oft nur unzuverlässig.
  • Forscher und Behörden warnen deshalb vor diesen Tests. Wegen der aktuellen Rechtslage können sie aber nicht einschreiten.

Es ist, auf den ersten Blick, genau die richtige Hilfe für all jene, die wissen wollen: Habe ich mich schon mit dem Coronavirus infiziert? Eine Medizinfirma aus Österreich bietet via Internet Privatleuten wie Ärzten Schnelltests an. Wenige Tage Lieferzeit. Der Test auf Antikörper im Blut sei ganz einfach, das Ergebnis liege in 15 Minuten vor. Kosten: Etwas mehr als 30 Euro für einen Test; bei einer größeren Bestellung gibt es Mengenrabatt.

Solche Angebote gibt es viele im Netz, das zeigen Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR. Auf Alibaba, einer der weltweit größten Handelsplattformen, tummeln sich laut Bundesgesundheitsministerium viele Firmen aus Asien, die Schnelltests verkaufen.

Das Geschäft mit der Corona-Angst floriert offenbar. Der Nutzen solcher Tests indes ist eher gering, der mögliche Schaden hingegen groß. Daniela Huzly vom Institut für Virologie der Uniklinik Freiburg hält von den Schnelltests nichts. Wer mit Corona infiziert sei, bilde in seinem Blut frühestens in der zweiten Woche Antikörper. "Wer also Halskratzen hat und ein bisschen Husten und denkt, das könnte jetzt Corona sein, und sich so einen Test kauft und den dann schnell mal aus dem Blutstropfen macht, der wird in jedem Fall auch bei einem positiven Corona-Befund eigentlich einen negativen Schnelltest haben", sagt Huzly. Selbst von der zweiten Woche an gebe es Fehlerquoten bei diesem Test, in beide Richtungen. Hinzu komme: Bislang sei keine Studie mit "irgendwie saubere Ergebnissen" veröffentlich worden.

Auch das Bundesgesundheitsministerium warnt vor den Antikörper-Tests. Es bestehe ein "nicht geringes Risiko, dass der Schnelltest ein negatives Resultat zeigt, die getestete Person jedoch bereits hochinfektiös ist und sich in falscher Sicherheit wiegt". Das kann fatale Folgen haben. Wer infiziert ist, aber vom Gegenteil ausgeht, könnte unvorsichtig werden. Könnte seine Eltern oder Großeltern besuchen und das Virus dorthin tragen, wo es am gefährlichsten ist. Forschungszwecke sind etwas anderes, für sie können Schnelltests eine Funktion erfüllen (siehe Kasten)

. Das Gesundheitsministerium, Virologen und wissenschaftliche Institute verweisen auf den PCR-Test mit Abstrichen aus Rachen und tieferen Atemwegen. Dieser Test ist aufwendiger und dauert länger, ist aber weitgehend sicher. Die einfachste Lösung liegt auf der Hand: Nur die PCR-Tests und ähnlich sichere Verfahren werden für Selbstzahler zugelassen. Alles Unausgereifte wird einstweilen untersagt, damit die Menschen nicht noch mehr verunsichert werden. Und nicht noch mehr Firmen mit übertriebenen Versprechungen Geschäfte mit der Angst machen. "Wer wann von wem getestet wird", müsse im Rahmen der Epidemiestrategie der Bundesregierung entschieden werden, fordert der Spitzenverband der Kranken- und Pflegekassen. Dabei dürfe es ausschließlich um medizinische und epidemiologische Gesichtspunkte gehen. Also darum, was aus ärztlicher Sicht in Zeiten einer Epidemie richtig sei. Nötig seien Tests, die keine falschen Ergebnisse brächten, so der Verband.

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Doch so einfach ist es eben nicht. Nach den derzeit gültigen Regeln in der EU können Firmen, die Corona-Tests entwickeln, diese Verfahren "selbst zertifizieren und auf eine unabhängige Überprüfung der Tests verzichten, bevor sie auf den Markt gebracht werden". So ist es beim Paul-Ehrlich-Institut nachlesbar, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Das dem Gesundheitsministerium zugeordnete Institut geht davon aus, dass die im Internet und in Apotheken angebotenen Schnelltests nicht ausreichend zuverlässig seien. "Nachweislich gibt es hier auch Fälschungen." Erst von Mai 2022 an sei in der EU eine unabhängige Überprüfung vorgeschrieben.

Bis dahin müssen die Ämter die Schnelltests zwangsläufig dulden. Die Gesundheitsbehörde in Hamburg teilt mit, in der Hansestadt bringe eine Firma aus China einen Antikörper-Test auf den Markt. Dafür bestehe eine Anzeigepflicht. Eine Prüfung seitens des Staates, ob der Test "allen Vorschriften" entspreche, sei "nicht vorgesehen", so die Behörde. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen kritisiert, der Markt sei ziemlich unkontrolliert.

Diese Lücke nutzen viele Firmen, um groß für Schnelltests zu werben, wie der Anbieter aus Österreich. Dass die Tests nur eingeschränkte Aussagekraft haben, steht dann erst im Kleingedruckten.

© SZ vom 04.04.2020/vd
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