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Forum:Wenn Staatshilfen Innovationen hemmen

Coronavirus - Bayern - 15-Kilometer-Regel

Wirtschaft geschlossen, die Kosten laufen weiter, gesehen im bayerischen Ettal..

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Manche Firmen reagieren sehr kreativ auf den Leidensdruck in der Krise. Was Innovation in der Pandemie treibt - und was nicht.

Von Thomas Clauß und Sascha Kraus

Machen wir uns nichts vor: Covid-19 wird wohl zum deutlichsten Einbruch der Wirtschaftsleistung der Nachkriegszeit und zu einer Vielzahl an Firmenpleiten führen, worauf auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2020 hindeuten. Viele inhabergeführte Kleinunternehmen mit der Rechtsform Einzelunternehmer oder Personengesellschaft tauchen in dieser Statistik nicht einmal auf, da für sie die gesetzliche Insolvenzantragspflicht nicht gilt. Die Auswirkungen für besonders betroffene Sektoren wie das Hotel- und Gaststättengewerbe, die Reise- und die Eventbranche oder den stationären Einzelhandel sind bisher schwer zu taxieren. Drei Viertel der Hotels und Gaststätten bangen laut der Januar-Umfrage des Branchenverbandes Dehoga um ihre Existenz. Schätzungen über die tatsächlichen wirtschaftlichen Konsequenzen variieren beträchtlich, was vor allem daran liegt, dass die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise in ihrer Art bisher einzigartig ist und keine vergleichbaren Referenzen aus der Vergangenheit vorliegen. Im Vergleich zu vorangegangenen Krisen ist die aktuelle in vielen Branchen charakterisiert durch das gleichzeitige Aufeinandertreffen eines Angebots- und eines Nachfrageschocks. Angebotsseitig führen Hygienemaßnahmen und Betriebsschließungen zu Einschränkungen, während gleichzeitig Kurzarbeit, Entlassungen und ein verändertes Konsumverhalten die Nachfrage tangieren.

Um der Krise zu begegnen, wurden umfangreiche Maßnahmenpakete der Bundesregierung beschlossen, welche von Soforthilfen und staatlich abgesicherten Schnellkrediten bis hin zu umfangreichen Staatshilfen für Unternehmen wie Lufthansa und TUI reichen. Eine Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung hat herausgefunden, dass zwei Drittel von 8500 kürzlich befragten Unternehmen irgendeine Form staatlicher Hilfen beantragt haben, also Kurzarbeitergeld, Soforthilfen, Stundung von Steuerzahlungen oder Ähnliches. Kurzfristig helfen diese Maßnahmen sicherlich, Liquidität zu sichern und exogen verursachte Durststrecken zu überstehen.

Thomas Clauß ist Professor für Corporate Entrepreneurship und Digitalisierung in Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke.

(Foto: oH)

Um einen langfristig ineffizienten Einsatz von Ressourcen zu vermeiden, muss jedoch verhindert werden, dass Unternehmen, die bereits vor der Corona-Krise in Schwierigkeiten waren, dauerhaft künstlich am Leben gehalten werden, zu sogenannten "Zombie-Unternehmen" werden. Im Zuge der Finanzkrise hat der damalige EZB-Präsident Mario Draghi einmal gesagt, man müsse die Märkte unterstützen, "whatever it takes". Hierbei ist allerdings zu beachten, dass damit nicht die positiven Effekte von Markt- und Wettbewerbskräften unterwandert werden. Insbesondere aus Sicht der Innovationsforschung sind finanzielle Unterstützungen und Subventionen nicht zwangsläufig der beste Weg.

Sascha Kraus ist Professor für Unternehmensführung an der Freien Universität Bozen.

(Foto: oh)

Exogene Veränderungen aufgrund neuer Technologien, gesellschaftlichen Wandels oder von Krisen sind stets auch Triebfeder kreativer Lösungen und Innovation, da Unternehmen gezwungen sind, auf neue Marktbedingungen zu reagieren. Durch diesen Prozess der schöpferischen Zerstörung verschieben sich naturgemäß auch Wettbewerbsverhältnisse: Adaptive, agile und innovative Unternehmen bleiben bestehen und gewinnen an Bedeutung, andere verlieren Marktanteile oder verschwinden. Die Wirtschaftswissenschaften betrachten solche Marktbereinigungen daher auch grundsätzlich erst einmal nicht negativ, auch wenn sie im Einzelfall selbstverständlich tragisch sein können.

Wer jetzt neue Geschäftsmodelle erschließt, kann auch nach der Pandemie profitieren

Die Ergebnisse unserer empirischen Untersuchungen aus sechs europäischen Ländern aus der Zeit des ersten Lockdowns von Frühjahr bis in den Herbst des letzten Jahres verweisen auf zwei zentrale Punkte. Einerseits können externe Unterstützungen wie zum Beispiel staatliche Hilfen innovationshemmend wirken. Andererseits erschließen jedoch Unternehmen mit einem höheren Leidensdruck durch innovative Maßnahmen aktiv bisher ungenutzte Umsatzpotenziale, die auch nach der Krise noch von Bedeutung sein können.

Die wesentliche Frage, die sich Unternehmen jetzt stellen müssen, ist die der Zukunftsfähigkeit ihres eigenen Geschäftsmodells. Kann die Krise vielleicht sogar eine Chance darstellen? Für einige Unternehmen bestimmt, und zwar insbesondere für jene, die auf Innovationen setzen. Diese waren innerhalb der von uns untersuchten Unternehmen interessanterweise diejenigen, deren Branche am stärksten unter Druck geriet: die Gastronomie. Das Ausmaß an Adaptionen und Innovation oder sogar völlig neuen Geschäftsmodellen war hier mit Abstand am größten.

Wer beispielsweise Miete zahlen musste und viele Angestellte hatte, war viel einfallsreicher als jemand, der geringe Fixkosten oder hohe Liquiditätsreserven hatte oder öffentliche Transferzahlungen erhielt. Während solche Betriebe einfach abwarteten, nutzten andere die Krise, um alles, was sie jahrelang zuvor erfolgreich gemacht hatte, mit einem Mal komplett zu hinterfragen. Manche richteten neue Lieferangebote ein, andere produzierten Fertiggerichte und vertrieben diese an Risikogruppen. Manche verlagerten die eigene Betriebstätigkeit räumlich und zeitlich: Ein Lokal betrieb im Sommer tagsüber eine mobile Bar in einem umgebauten Wohnwagen in einem Strandbad, statt abends im eigenen Geschäft weiterzuarbeiten. Auch wenn diese Maßnahmen zunächst temporär konzipiert waren, haben sie vielen Unternehmen doch langfristige Potenziale zur Erschließung neuer Umsatzquellen aufgezeigt.

Neben den Effekten auf neue Angebote von Unternehmen zeigt unsere Forschung deutliche positive Effekte der Krise auf Innovationen interner Prozesse. Insbesondere Familienunternehmen meistern die Krise durch hohe Solidarität und Zusammenhalt innerhalb der Belegschaft, wodurch gemeinsam Lösungen für Herausforderungen gefunden wurden. Diese reichen von fundamental unterschiedlichen Arbeitsabläufen inklusive des Home-Office, der spontanen Adaption digitaler Technologien bis hin zur kollektiven Identifikation von Einsparpotenzialen.

Natürlich stehen den genannten positiven Effekten auch erhebliche negative wirtschaftliche Effekte sowie deren soziale Konsequenzen gegenüber, die bei Weitem nicht durch temporäre Innovationen kompensiert werden können. Dennoch sollten staatliche Unterstützungen vor dem Hintergrund ihrer potenziell innovationshemmenden Wirkung auch differenziert betrachtet werden. Wenn Unternehmen es bewerkstelligen, aus der Not eine Tugend zu machen und ihre temporären Geschäftsmodellinnovationen teilweise oder vollständig in die Nach-Corona-Zeit hinüberzubringen, dürften sie mittelfristig sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen.

© SZ
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