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Commerzbank:Genau im Blick

Seit zehn Jahren ist der Bund Aktionär der Commerzbank - nolens volens. Nun aber prüft er die Beteiligung genau. Ein Alarmsignal für den Vorstandschef?

Ziemlich genau zehn Jahre und sieben Monate ist es nun her, dass der Bund die Commerzbank vor der Pleite retten musste. Das war auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, und es kostete die Steuerzahler 18,2 Milliarden Euro. Den Großteil davon zahlte die Commerzbank später zurück. Aber längst nicht alles: Noch immer ist der Bund mit 15,6 Prozent Großaktionär der zweitgrößten deutschen Privatbank, und er ist dort scheinbar gefangen: Auf 26 Euro müsste der Aktienkurs steigen, um dem Staat den Ausstieg ohne Verlust zu ermöglich. Davon ist die Bank weit entfernt: Am Freitag fiel der Aktienkurs um mehr als drei Prozent auf zeitweise 5,19 Euro, das war fast ein neues Allzeittief. Einen Tag zuvor hatte die Bank schlechte Quartalszahlen vermeldet. Und ohnehin ist die Stimmung für Banken gerade fast überall schlecht: Handelskrieg, Konjunktursorgen, Nullzinsen - es gab schon bessere Zeiten.

Soll die Commerzbank zukaufen oder alleine wachsen?

Kein Wunder, dass man sich im Bundesfinanzministerium nun offensichtlich Gedanken macht, wie es mit dem Institut weitergeht. Das ist per se nicht neu. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein Staatssekretär Jörg Kukies, früher Goldman Sachs, hatten sich zu Jahresanfang bereits ungewöhnlich deutlich für eine Fusion der Commerzbank mit der Deutschen Bank eingesetzt - was viele in der Finanzbranche für eher unglücklich hielten.

Aus der Fusion wurde nichts, nun aber will Scholz auch die Strategie des Geldhauses näher in Augenschein nehmen. Das hat eine neue Qualität: Wie aus dem Vergabeportal des Bundes hervorgeht, sucht die zuständige Finanzagentur einen Berater, der die Strategie bewerten soll, welche die Bank im September 2019 veröffentlichen will. Es gehe darum, das Geschäftsmodell zu bewerten und "strategische Empfehlungen abzuleiten", heißt es in der ungewöhnlich detaillierten Ausschreibung von Anfang August. Außerdem, so heißt es, soll der Berater Stärken und Schwächen analysieren und prüfen, wie die Commerzbank wachsen kann, ob durch Zukäufe, Kooperationen oder Teilverkäufe. Nicht zuletzt geht es darum, wie der Bund überhaupt mit seiner Beteiligung an dem Frankfurter Geldhaus umgehen soll. Beginnen werde die Beratung zwischen Ende Oktober und Mitte Dezember für maximal ein Jahr.

Den Commerzbank-Turm sieht man fast überall in Frankfurt.

(Foto: Michael Probst/AP)

Nun könnte man meinen, es sei völlig gewöhnlich, dass sich der Bund eine seiner wichtigsten Bankenbeteiligungen näher anschaut. Schließlich geht es um viele Milliarden, und kein Finanzminister wird sich nach den Erfahrungen der Finanzkrise vorwerfen lassen, nicht genau hingeschaut zu haben. Und so wollen es auch alle als normalen Vorgang verstanden wissen; beim Finanzministerium in Berlin und bei der Commerzbank in Frankfurt. Und doch: Keiner kann sich daran erinnern, dass sich der Bund zur Commerzbank schon einmal so genau beraten ließ, auch nicht unter Scholz' Vorgänger Wolfgang Schäuble, der sowieso gerne Abstand vom Finanzplatz Frankfurt hielt. Der Bund ließ sich bislang von seinen zwei Vertretern im Aufsichtsrat unterrichten - und gut war es dann.

So gewöhnlich ist das alles also nicht. Manch ein Entscheidungsträger bei der "Gelb-Bank" befürchtet gar ein Misstrauensvotum für Vorstandschef Martin Zielke. Seit 2016 versucht dieser, das Institut über aggressives Wachstum - also mehr Kredite, mehr Kunden - durch die Unbill der Niedrigzinsphase zu führen. Doch seit die Zinswende ausfällt, ist klar, dass Zielke seine Ertragsziele verfehlt. Hinzu kommt die Sorge vor steigenden Kreditausfällen. Der Aktienkurs spiegelt das bereits wider.

Commerzbank 10 Jahre

"Der Bund prüft angeblich ergebnisoffen, aber zugleich nennt er erstmals Optionen wie Teilverkäufe und Zukäufe", sagt ein Kenner der Bank, der anonym bleiben möchte. Womöglich werde "Berlin" noch zu einem aktivistischen Investor. Noch gebe es keine handfesten Hinweise, dass Zielkes Job gefährdet ist. Sein Vertrag läuft erst in zwei Jahren aus. Allerdings gelang es der Commerzbank unlängst, Roland Boekhout von der niederländischen ING als Firmenkundenchef abzuwerben - mit dem Versprechen, bald Chef zu werden?

In jedem Fall sind die Erwartungen nun hoch, welche neue Strategie Zielke und seine Kollegen im September hervorzaubern werden. Zukäufe sind eigentlich nicht drin; und auch mit Blick auf die Geschäftsfelder wird die Bank die Welt nicht neu erfinden. "Sie können Kosten senken und weiter Erträge steigern, aber das ist es dann", sagt ein Insider.

Wäre es daher nicht konsequent, wenn sich der Bund rechtzeitig von dem Anteil trennen würde? Zumal die Bundesregierung kein strategisches Interesse an der Commerzbank hat? Rein theoretisch wäre das möglich, es würde beim derzeitigen Aktienkurs aber einen Verlust von fast vier Milliarden Euro mit sich bringen, bei Einnahmen von nur knapp einer Milliarde Euro. Mehr noch: Sollte der Bund seinen Anteil über den Aktienmarkt verkaufen wollen, würde das die Bank empfindlich schwächen und könnte eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang setzen. Daran dürfte niemand im Bundesfinanzministerium Interesse haben. "Es wäre natürlich weiterhin denkbar, dass der Bund verkauft, wenn eine andere europäische Bank ein gutes Gebot für die Commerzbank abgibt", sagte ein Insider. Tatsächlich gab es immer wieder Gerüchte, die niederländische ING oder die italienische Unicredit hätten Interesse an einer Übernahme. Allerdings gilt das als zunehmend unwahrscheinlich, auch weil die anderen europäischen Institute mit ähnlichen Problemen kämpfen. "Wenn es einer Bank nicht gut geht, kauft sie keiner", sagt ein weiter Kenner des Geldhauses. Selbst ein Preis von Null könne mit Nachhaftung viel zu teuer sein.