Quartalszahlen:Commerzbank macht wieder Verlust

Der Commerzbank Tower in der Bankencity. Frankfurt, 20.10.2019 *** The Commerzbank Tower in the Bankencity Frankfurt, 2

Der Commerzbank-Tower in Frankfurt am Main

(Foto: Christoph Hardt/Imago Images/Future Image)

Ein gescheitertes Großprojekt, der Konzernumbau und teure Abfindungen kosten die Commerzbank viel Geld. Der Vorstand aber findet: Läuft doch.

Von Jan Diesteldorf, Frankfurt

Zwischen Überraschung und Enttäuschung liegen bei der Commerzbank oft nur wenige Monate. Mal verbreitet der Vorstand Aufbruchsstimmung, so wie nach den ersten drei Monaten des Jahres 2021, als das Institut nach einem schmerzhaften Jahresverlust im Vorjahr wieder einen Gewinn zu vermelden hatte. Wenig später muss die Konzernspitze wieder auf das Vokabular zurückgreifen, das für magere Zeiten reserviert ist, so wie an diesem Mittwoch. "Wir haben im ersten Halbjahr ein solides operatives Ergebnis erzielt", kommentierte Vorstandschef Manfred Knof die Vorlage der Quartalszahlen. Die Umsetzung der Strategie sei "voll auf Kurs".

Solide, das bedeutet in der Sprache börsennotierter Konzerne mindestens so etwas wie: es könnte besser sein. Oder auch: mehr als Mittelmaß haben wir nicht geschafft.

Mit einem Verlust von 527 Millionen Euro hat die Commerzbank im zweiten Quartal die Erwartungen von Analysten noch unterboten. Der Konzernumbau soll die Bank wieder in die Spur bringen, kostet aber erst einmal sehr viel Geld: "Restrukturierungsaufwendungen" nennt die Bank diese Umbaukosten, sie allein schlugen mit 511 Millionen Euro zu Buche. Teuer sind zum Beispiel die Abfindungen für viele gut bezahlte Arbeitskräfte. Bis Ende 2024 soll die Zahl der Vollzeitstellen im Konzern von 39 500 auf 32 000 sinken; dazu hat das Institut gerade ein Freiwilligenprogramm gestartet. Im selben Zeitraum will das Management die Kosten um etwa ein Fünftel drücken, von 790 Filialen sollen nur noch 450 übrigbleiben. Eine "digitale Beratungsbank" soll Deutschlands zweitgrößtes privates Geldhaus irgendwann werden, also eine Art Direktbank mit ein bisschen Kundenbetreuung.

Ein Richterspruch zulasten der Bankbilanzen

Knof hat von der Strategie seiner Vorgänger vieles übernommen, das aber ist ein deutlicher Bruch mit den Plänen des früheren Vorstands um Ex-Konzernchef Martin Zielke. Der hatte noch stark auf Filialen und deren Modernisierung gesetzt. Im Juli sagte Knof noch ein Großprojekt aus der Zielke-Ära ab: 2017 hatte die Bank beschlossen, ihre Wertpapierabwicklung auszulagern. Der schon fortgeschrittene Verkauf an die britische Großbank HSBC wird jetzt rückabgewickelt. Das deutlich gewachsene Handelsvolumen und die technologische Weiterentwicklung ermöglichten es der Commerzbank, die Wertpapierabwicklung profitabel fortzuführen, hieß es zur Begründung. Der Schritt kostet die Bank jetzt aber erst einmal 200 Millionen Euro extra, was das Ergebnis zusätzlich belastete.

Deutliche Spuren in der Bilanz hinterließ auch ein Richterspruch am obersten deutschen Zivilgericht. Im April hatte der BGH entschieden, dass Banken bei Änderungen von Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) die Zustimmung ihrer Kunden nicht einfach voraussetzen dürfen, sondern sie aktiv einholen müssen. Für die Branche war das ein Schock, denn in der Niedrigzinsära waren Preis- und Gebührenerhöhungen für zahlreiche Banken zum Standardrezept geworden. Viele Bankkunden können jetzt einen Teil zu viel gezahlter Gebühren zurückfordern - im Netz kursieren Musterbriefe, die Verbraucherzentralen geben Rat. 66 Millionen Euro an Rückstellungen hat die Commerzbank im zweiten Quartal wegen des BGH-Urteils gebildet. Auch in diesem Fall war das Geld, das man im operativen Geschäft gut hätte gebrauchen können.

Vorstand hält an der Prognose für das Gesamtjahr fest

Das Geschäft an sich läuft aus Sicht des Vorstands allerdings. Das operative Ergebnis lag bei 32 Millionen Euro. Den Sondereffekten zum Trotz hält die Führungsmannschaft deshalb an ihrer Prognose fest: Die Erträge, also die gesamten Einnahmen der Bank, sollen im Vergleich zum Vorjahr steigen. Im ersten Halbjahr lagen sie mit 4,4 Milliarden Euro um 5,5 Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums. Nach Analystenschätzungen könnte das Institut im Gesamtjahr auf 8,3 Milliarden Euro kommen, nach 8,2 Milliarden im Vorjahr. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank schaffte im Jahr 2020 Erträge von gut 24 Milliarden Euro. An der Börse kamen die Nachrichten der Commerzbank am Mittwochmorgen schlecht an. Der Aktienkurs notierte zum Börsenschluss um 5,7 Prozent tiefer.

Mit einem gleichzeitigen Sanierungs- und Modernisierungsprogramm versucht der seit Januar amtierende Konzernchef Knof die Bank wieder "nachhaltig profitabler" zu machen. Er war zur Commerzbank gewechselt, nachdem Vorstandschef Martin Zielke und Chefkontrolleur Stefan Schmittmann im Juli 2020 ihren Rücktritt angekündigt hatten. Wegen eines internen Streits um die zunehmende Einflussnahme der seit der Finanzkrise mit rund 15 Prozent an der Bank beteiligten Bundesregierung waren im April drei weitere Aufsichtsratsmitglieder zurückgetreten. Immerhin: Dieses Führungschaos scheint die Bank fürs Erste überwunden zu haben.

© SZ
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