bedeckt München
vgwortpixel

Christliche Gewerkschaften:"Kollegen kommen krank zur Arbeit"

Die DHV hat nach Angaben der IG Metall mit privaten Kliniken und dem Roten Kreuz zahlreiche Dumping-Tarifverträge abgeschlossen. Diese Rolle scheint nun der Berufsverband medsonet zu übernehmen, nachdem das Landesarbeitsgericht Hamburg der DHV die Tarifzuständigkeit im Sozial- und Gesundheitswesen absprach. Auch medsonet macht Arbeitgeberwünsche wahr, heißt es bei der Konkurrenz. Verdi hält die Mini-Organisation schlicht für eine "Billig-Gewerkschaft".

Die Verbände mit dem "C" im Namen profitieren von einer Gesetzgebung, die ihnen kaum Vorschriften macht. In Deutschland können sich im Prinzip Herr Hinz und Frau Kunz einen Gewerkschaftsnamen ausdenken und sogleich den nicht-eingetragenen Verein "Hinz- und Kunz-Gewerkschaft" gründen. Sie müssen damit nicht einmal beim Vereinsregister antreten - rechtsfähig ist die Gewerkschaft trotzdem.

Ob diese Gruppe zwei oder zweitausend Mitglieder hat, überprüft niemand; auch die Finanzen bleiben der Öffentlichkeit verborgen. "Das Tarifrecht knüpft nicht an irgendwelche Voraussetzungen an", sagt der Arbeitsrechts-Professor Peter Schüren von der Universität Münster. "Der Grundgedanke ist: Das ist nicht nötig, weil ein Arbeitgeber nur mit Starken verhandelt."

Früher war dies auch so: Im 19. Jahrhundert ließen sich Chefs nur auf Tarifgespräche ein, wenn Arbeiter darauf drängten und sich organisiert hatten. Heute ist dies anders.

Es kann für Unternehmen von großem Vorteil sein, einen Tarifvertrag zu haben. Die Leiharbeits-Branche ist da ein extremes Beispiel: Das Hartz-Gesetz Nr. 1 ist so formuliert, dass Leiharbeiter nur dann schlechter bezahlen werden dürfen als die Stammbelegschaft, wenn dazu ein Tarifvertrag abgeschlossen ist. Was Arbeitgebern im 19. Jahrhundert vielfach ein Graus war, kann im 21. Jahrhundert als Basis für Mini-Löhne dienen.

Rätselhaft bleibt, wie viele Mitglieder die christlichen Gewerkschaften haben. Gunter Smits, Generalsekretär des CGB, sagt, es seien aktuell 280.000, davon 90.000 in der Metall-Gewerkschaft CGM und 80.000 im DHV. Doch stimmen diese Zahlen? Die IG Metall hält sie für viel zu hoch. Smits kennt die Bedenken, die er wie alle anderen Vorwürfe scharf zurückweist. Die Zahlen anzuzweifeln, sei ungefähr so wie zu behaupten, Verdi-Chef Frank Bsirske "trägt keinen Schnurrbart", sagt er. Und den Vorwurf, christliche Gewerkschaften würden Dumping-Tarifverträge abschließen, hält er schlicht für "Unsinn".

Dietmar Eckert hat da Zweifel. Er ist Betriebsrat in einer Elektrofirma im niedersächsischen Seelze; im Jahr 2007 war er Mitglied der CGM. Schnell rückte er in die Landestarifkommission auf. Und stellte fest, wie viele Mitglieder die CGM in dem 240-Mann-Betrieb in Seelze hatte: ganze zwei - und auch die nur solange, bis er und sein Kollege austraten. Dennoch: Juristisch gültig sind

die Tarifverträge, die die CGM geschlossen hat, nachdem die Elektrofirmen der Region lieber mit der christlichen Gewerkschaft als mit der IG Metall reden wollten. Weihnachts- und Urlaubsgeld sind darin nicht vorgesehen; stattdessen erhalten Beschäftigte einen "Jahresbonus" sowie einen "Gesundheitsbonus" von drei Prozent des Jahresgehalts, sofern sie das ganze Jahr nicht krank werden. Sollten sie doch ausfallen, wird der Bonus gekürzt, pro Krankheitstag um ein Zwanzigstel. "Bei uns kommen Kollegen krank zur Arbeit, damit sie keinen Abschlag bekommen", sagt Eckert.