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Britische Supermarktkette Tesco:Der Mann, der Aldi stoppen will

Philip Clarke ist Banker, Gebrauchtwagenhändler und Supermarktverkäufer: Der Chef des britischen Discounters Tesco kennt sich auf dem Billigmarkt aus. Er zaubert immer neue Ideen aus dem Hut und ist bereit, für seinen Erfolg einiges zu tun - Hauptsache, die Kunden kaufen. Doch seine Strategie geht nicht überall auf.

Philip Clarke nimmt sich immer wieder einmal Zeit für eine Chefvisite. Dann geht er mit schnellen Schritten durch die langen Regalreihen, vorbei an Paketen und Konservendosen. Manchmal rückt er hier und da ein Preisschild zurecht. Vorzugsweise aber zieht es ihn zur Wursttheke, wo er sich ein Stück Salami geben lässt. "Hm, hm", sagt der Vorstandsvorsitzende der britischen Supermarktkette Tesco in solchen Momenten mit gespitztem Mund.

Philip Clarke zeigt sich gern als hemdsärmeliger Konzernchef, der die Bodenhaftung nicht verloren hat. Zwar fährt auch er in schnittigen Luxuswagen der Marken Porsche und Bentley durchs Land, doch das ist schon der einzige Luxus, den der verheiratete Vater von zwei Kindern offen zur Schau trägt.

(Foto: AFP)

Man weiß zwar nicht, ob das negativ oder positiv gemeint ist, doch Clarke vermittelt stets den Eindruck: Er kümmert sich. Auch wenn es nur um vermeintliche Details geht, die den Kunden oft gar nicht auffallen. Aber der Tesco-Chef überlässt nichts dem Zufall.

Das mag überraschen. Die Supermarktkette Tesco ist immerhin ein Gigant mit weltweit 4800 Filialen in 14 Staaten, und will sich mit Konzernen wie Wal-Mart und Carrefour messen. Und der Chef checkt da einzelne Läden? Clarke ist davon überzeugt, dass der Unternehmenserfolg nicht in den Büroräumen der Firmenzentrale in Cheshunt, einer gesichtslosen Bürostadt nördlich von London, herbeigezaubert werden kann. Es sind vielmehr die weltweit 500.000 Beschäftigten, die Kassiererin, der Lagerarbeiter, der Wurst- und Käseverkäufer, die den Umsatz in die Höhe treiben.

"Ich werde Tesco nicht von Cheshunt aus führen. Ich mag es, durch die Läden zu gehen, Beschäftigte zu treffen und den Kunden zuzuhören", verkündete der 50-Jährige schon bei seinem Amtsantritt im März.

Ähnlich wie sein Vorgänger Sir Terry Leahy zeigt sich Clarke gern als hemdsärmeliger Konzernchef, der die Bodenhaftung nicht verloren hat. Zwar fährt auch er in schnittigen Luxuswagen der Marken Porsche und Bentley durchs Land, doch das ist schon der einzige Luxus, den der verheiratete Vater von zwei Kindern offen zur Schau trägt. Ansonsten sieht man den gebürtigen Liverpooler am Samstag eher auf der Tribüne sitzen - als Fan des Fußballvereins FC Liverpool. Und das ist genau die Atmosphäre die Clarke in seiner Geburtstadt liebt: der Schweiß und Kohlegeruch von einst, der immer noch in den Mauern der einstigen Industriehochburg des britischen Empire klebt.

Clarkes Werbetour hat aber noch einen anderen Grund: Tesco braucht Sympathiepunkte. Gerade in Mittelengland gibt es starke Aversionen gegen den Konzern, wegen seiner Übermacht. Vor kurzem gab es in Bristol Brandanschläge gegen eine Filiale, ein Vorgeschmack auf die landesweiten Krawalle und Plünderungen von Geschäften Anfang August. "Ist Tesco zu groß und mächtig? Ich habe meine eigene Ansicht. Wir sind es nicht. Wir arbeiten extrem hart, um das Leben unserer Kunden jeden Tag etwas besser zu machen", erklärte Clarke nach den Bristol-Anschlägen.

Der Chef fährt noch nicht immer Porsche

Der Unternehmenschef betont stets, dass er selbst in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist, die Nöte und Sorgen von Menschen am unteren Ende der Einkommensleiter kennt. Diese stellen einen Großteil der Kunden, die jeden Penny beim Einkauf umdrehen müssen. Der Vater hatte einen kleinen Lebensmittelladen, in dem sich der Sohn als Schüler mit dem Packen von Regalen ein paar Pennys hinzuverdiente.

Clarke war ein ehrgeiziger junger Mann, der den Sprung zum Wirtschaftsstudium an der Liverpooler Universität schaffte. 1981 fing er als Management-Trainee bei Tesco an, arbeitete sich in der Hierarchie nach oben. Zuletzt war er im Vorstand für das internationale Geschäft verantwortlich und trieb vor allem die Expansion in Asien und Osteuropa voran - immer im Windschatten von Sir Leahy. Der gab die große Linie vor, und Clarke jettete nach Indien, China und Südkorea, um dort neue Filialen zu eröffnen. Um Maos Erben zum Kaufen zu animieren, sollen zum Beispiel bis 2014 nochmals zwei Milliarden Pfund in den Bau neuer Hyper-Märkte und glitzernder Shopping-Malls investiert werden. Zwar steht der britische Heimatmarkt immer noch für zwei Drittel der Tesco-Umsätze, doch dieses Verhältnis könnte sich bald erheblich ändern.

Der Firmenchef weiß, dass er sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen darf

Er weiß nur zu gut, dass er sich nicht auf den Lorbeeren seines Vorgängers ausruhen kann. Dieser hatte in seiner 14-jährigen Amtszeit aus dem einst von Jack Cohen 1924 in Ost-London gegründeten Geschäft einen global agierenden Konzern gemacht. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Auf dem Heimatmarkt greifen vor allem auch deutsche Discounter wie Lidl und Aldi an. Die Briten schauen ähnlich wie die Deutschen bei Lebensmitteln auf den Preis. Da wird wegen der Wirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosigkeit auf der Insel jeder Penny umgedreht. Kein Zufall, dass Clarke auf eigene Billigmarken mit dem Namen "Market Value" setzt, um den Invasoren vom europäischen Kontinent Paroli zu bieten.

Tesco soll anders sein, als seine Konkurrenz

Andererseits muss Clarke die Diversifizierung vorantreiben, um sich vom margenschwächeren Lebensmittelgeschäft unabhängiger zu machen. Eine Strategie, die sich der Unternehmenschef vom US-Branchenprimus Wal-Mart abgeguckt hat. Dieser legte insbesondere im Nicht-Lebensmittel-Bereich zu, verdiente immer mehr mit Textilien, Compact Discs und Elektrogeräten. Ganz nach dem Geschmack von Clarke war es, dass gerade eine in großer Stückzahl produzierte Kopie des Verlobungskleides von Kate Middleton, der Ehefrau von Prinz William, bei Tesco zum Renner wurde - für den Preis von gerade einmal 16 Pfund.

So zaubert Clarke immer neue Ideen aus dem Hut. Vor kurzem gab er den Startschuss für die Website "Tescocars.com", auf der gebrauchte Autos verkauft werden. Die Wagen stammen vor allem aus den Flotten großer Vermietungsfirmen. Zudem ist Clarke mit der Übernahme der Firma Blinkbox ins Online-Videogeschäft eingestiegen.

Ein Joker des Konzernchefs sind zudem Finanzdienstleistungen. Ein Markt, in dem Tesco sich immer stärker als Konkurrent traditioneller Filialbanken etabliert. Seine Vision ist, Tesco als eine Art Volksbank zu etablieren. In den Chefetagen der großen britischen Kreditinstitute wie Barclays, Royal Bank of Scotland, Lloyds Banking Group und HSBC wächst bereits die Nervosität über den unliebsamen Konkurrenten. Clarke greift die Branche zu einem Zeitpunkt an, wo ihr Kundenimage infolge der Kreditkrise und der Debatte über viel zu hohe Gehälter für die Top-Banker nicht schlechter sein könnte. Etwa sechs Millionen Briten wickeln ihre Geldgeschäfte bis hin zur Kreditkarte bereits bei Tesco ab. Nun sollen in den großen Supermarktfilialen noch mehr Bankschalter eingerichtet werden.

Doch nicht alles läuft rund für Clarke. In den USA entwickelt sich das Geschäft für Tesco alles andere als zufriedenstellend. Der Auftritt unter dem Namen "Fresh & Easy" lockt weit weniger Kunden an als erhofft. Die Verluste häufen sich. Die Briten sind Meilen von ihren ursprünglichen Zielen entfernt, Hunderte von kleineren Nachbarschaftsmärkten zu eröffnen. Ein Rückzug vom amerikanischen Markt wird für Clarke aber kaum in Frage kommen, denn das würde den neuen Vorstandschef schnell als Verlierer abstempeln. Nun muss er weiter investieren, um das Produktangebot attraktiver zu machen. Ganz nach dem Werbemotto des Supermarktgiganten: "Every little helps", jedes bisschen hilft.