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Kolumne: Silicon Beach:Ozean statt Teich

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Helmut Martin-Jung, Jürgen Schmieder und Kathrin Werner im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker.

Die Plattform Bumble ist mehr als eine Dating-App, bei der Frauen den ersten Schritt machen sollen. Sie hinterfragt, wie Menschen heutzutage miteinander umgehen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es ist immer ziemlich einfach, das eigene Leben als Maßstab für die restliche Welt anzulegen - vor allem dann, wenn man versucht, etwas zu verstehen, das sich einem nicht sofort erschließt. Bumble ist in der vergangenen Woche an die Börse gegangen, das Kennenlernportal wird mit mehr als 13 Milliarden Dollar bewertet, Gründerin Whitney Wolfe Herd ist laut Bloomberg die erste Selfmade-Milliardärin der Welt. Ein mittelalter weißer Mann, der seine Ehefrau einst in der Studentendisco kennengelernt hat, dessen bester Freund der Nachbar gewesen ist und der immer noch berufliche Kontakte zu Schulfreunden pflegt, könnte also über das Portal sagen: eine Dating-App, bei der Frauen den ersten Schritt machen.

Die Beschreibung stimmt grundsätzlich, ist aufgrund der Verknappung aber eine völlig falsche Begründung für den erfolgreichen Börsengang - als würde man einen Ozean einen großen Teich nennen. Bumble ist weniger feministische Dating-App denn Kennenlernportal, der Ansatz ist ganzheitlicher. Es geht auch darum, beste Freundinnen ("BFF Mode") zu finden oder Geschäftspartnerinnen ("Bumble Bizz"), und es ist so beliebt, weil es einem ein paar Einschränkungen aus der analogen Welt vor Augen führt und gesellschaftliche Normen für obsolet erklärt.

Wolfe Herd beschreibt ihr Unternehmen so: "Eine weltweite Frauenmarke, die einen Einfluss darauf hat, wie Menschen einander kennenlernen und wie sie - online und offline - miteinander interagieren." Kurz: Bumble definiert komplett neu, was Beziehungen heutzutage sein können.

Frauen warten nicht mehr auf Prince Charming

Dieser erste Schritt, der nun oft als einziges Alleinstellungsmerkmal angeführt wird, ist bei Bumble deshalb nicht mehr und nicht weniger genau das: ein erster Schritt. Nein, Frauen warten heutzutage nicht mehr auf Prince Charming. Die beste Freundin muss man nicht in der Schule oder auf dem Elternabend kennenlernen, sondern überall - und per Videotelefonie kann man mit jedem reden, der mit dem Internet verbunden ist. Vor allem muss die Person, die beruflich an einen glaubt, nicht mehr einem Investoren-Männerklub angehören, von denen es im Silicon Valley so viele gibt. Zu den Investorinnen des Bumble Fund, der von Frauen gegründeten Firmen helfen soll, gehören Tennisspielerin Serena Williams und Schauspielerin Priyanka Chopra Jonas.

Vieles von dem, was Bumble nun einzigartig macht, ist auf die 31 Jahre alte Gründerin Wolfe Herd zurückzuführen. Nach dem Studium arbeitete sie im Start-up-Inkubator IAC gemeinsam mit Sean Rad an mehreren Projekten - aus einem wurde die Dating-App Tinder. Sie wurde Marketingchefin, verließ das Unternehmen jedoch im Jahr 2014 und verklagte es wegen sexueller Nötigung; es kam zu einer außergerichtlichen Einigung, bei der sie Tinder-Anteile und eine Million Dollar bekommen haben soll.

Die Tinder-Idee war grundsätzlich brillant und wurde zu einem popkulturellen Phänomen, doch passierte der Plattform, was vielen passiert: Es wurde 2015 zu einem Portal, auf dem vor allem Männer übergriffig wurden und das Versenden eines Penisbildes für einen tollen ersten Schritt beim Flirten hielten - nur langsam besserte sich das, was nun auch zur Frage führt: Wird Twitter irgendwann wieder zu einem Portal, auf dem sich die Leute nicht nur gegenseitig beschimpfen? Oder Instagram zu einer Plattform, auf der nicht nur Selbstdarsteller irgendwas anpreisen?

Am Anfang stand eine Plattform für Teenager als Idee

Es führt aber vor allem zu Bumble. Wolfe Herd wollte zunächst eine Plattform für Teenager erstellen, die ausschließlich über Komplimente miteinander kommunizieren sollten. Es wurde daraus ein ganzheitlicher feministischer Ansatz und Tinder-Konkurrent, wie der offene Brief im Jahr 2018 an den Tinder-Mutterkonzern Match Group zeigte: "Wir sind mehr als dieses Feature, bei dem Frauen den ersten Schritt machen. Wir sagen Nein zu all den vielen Versuchen, uns zu kaufen, uns zu imitieren und uns einzuschüchtern. Wir, eine Firma, die von Frauen gegründet und geleitet wird, haben keine Angst vor dieser aggressiven Firmenkultur."

Es wäre ein gewaltiger Fehler, Bumble für eine Dating-App zu halten, von denen es fast so viele gibt wie Fische im Ozean - wäre es das, wäre Bumble ein Delfin, der gegen eine ganze Gruppe gefährlicher Haie kämpft. In den neun Monaten vor dem Börsengang erwirtschaftete die Firma einen Umsatz von 376,6 Millionen Dollar und musste dabei einen Verlust von 84,1 Millionen Dollar hinnehmen.

Zum Vergleich: Match, zu dem neben Tinder die Plattformen Hinge, OkCupid und Match.com gehören, schaffte allein im dritten Quartal 2020 132,1 Millionen Dollar Gewinn bei Einkünften in Höhe von 640 Millionen Dollar.

Bei Bumble gehen acht der elf Vorstandsposten an Frauen

Bumble hat den Teich zum Ozean gemacht und neu definiert, was Beziehungen sein können; die Coronavirus-Pandemie war dabei freilich ein Katalysator. Also: Man kann Freunde überall auf der Welt finden, nach eigenen Vorstellungen von dem, was eine Freundschaft sein soll. Man muss eine Idee nicht mehr an einem Tisch im Silicon Valley präsentieren, an dem ausschließlich Männer sitzen und Investmentgelder verteilen; man kann auch auf Onlineportalen Geschäftskontakte knüpfen. Nur 13 Prozent der Entscheidungsträger bei Risikokapitalgebern in der Tech-Branche sind Frauen, bei Bumble werden acht der elf Vorstandsposten an Frauen vergeben.

Wolfe Herd ist die jüngste Firmengründerin, die ihr Unternehmen an die Börse gebracht hat, und sie will auch das als Botschaft verstanden wissen: "Es ist ein Zeichen, was möglich ist - und ich freue mich jetzt schon darauf, das Zepter weiterzugeben an die Frau, die mich als Jüngste ablösen wird." Frauen machen auf Bumble nicht nur den ersten Schritt, sondern viele weitere Schritte, und das ist spätestens seit dem erfolgreichen Börsengang etwas, das auch ein mittelalter weißer Mann verstehen sollte.

© SZ/shs
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