bedeckt München

Alternative zum US-Konzern:Buch 7 gegen Amazon

"Der Onlineshop ist etwas Virtuelles, wir haben die Chance gesehen, hier etwas Greifbares zu machen, bei dem wir viel anpacken können", sagt Benedikt Gleich.

(Foto: Frank Müller/Buch 7)

Benedikt Gleich hat mit seinem Team mitten in der Pandemie ein historisches Gebäude in einen Buchladen mit Kulturzentrum verwandelt.

Von Dieter Sürig

Der Buchhandel ist spätestens seit dem Teil-Lockdown im Frühjahr bekannt dafür, dass er mit kreativen Ideen auch durch schlechte Zeiten kommt. Buchhändler kann anscheinend so schnell nichts erschüttern, das Internet-Unternehmen Buch 7 hat es nun aber auf die Spitze getrieben. Mitten in der Pandemie und kurz vor dem Lockdown im Dezember hat die kleine Firma das rund 100 Jahre alte Bahnhofsgebäude im Augsburger Vorort Langweid als Kulturzentrum mit Buchladen, Café und Veranstaltungsräumen eröffnet. "Wir wollten ein historisches Gebäude vor dem Abriss bewahren und gleichzeitig einen Treffpunkt und ein Schaufenster für gesellschaftlich interessierte und engagierte Menschen schaffen", sagt Buch-7-Chef Benedikt Gleich. Die Zeit hätte wohl nicht ungünstiger sein können, doch er ist zuversichtlich, dass das neue Kulturzentrum im Frühjahr mit Leben gefüllt werden kann.

Für den 38-Jährigen und sein Team erfüllt sich damit ein jahrelanger Traum, der viel Arbeit, Herzblut und Geld erforderte. Buch 7 ist vor 13 Jahren aus einer Initiative ehemaliger Studenten hervorgegangen. Sie wollten eine Alternative zum US-Internetkaufhaus Amazon aufbauen - mit gerechten Arbeitsbedingungen, CO2-neutralem Versand, Ökostrom-Nutzung. 75 Prozent des Gewinns sollen auch noch an soziale, kulturelle und ökologische Projekte gespendet werden. Was mit 10 000 Euro Jahresumsatz im heimischen Wohnzimmer begann, hat sich zu einem mittelständischen Buchversender mit einem Dutzend Mitarbeitern und rund zwei Millionen Euro Jahresumsatz entwickelt. "Wir brauchten dringend Büros, aber nicht in einer anonymen Halle auf der grünen Wiese", erzählt Benedikt Gleich.

Da gab es die Gelegenheit, den Bahnhof für 99 Jahre in Erbpacht von der Kommune zu übernehmen. "Die Gemeinde Langweid am Lech war sehr aufgeschlossen und hat uns immer unterstützt." Etwa zwei Jahre hat es gedauert, das Haus zu sanieren: Elektrik und Wasserleitungen mussten erneuert werden, Wände, Böden - eigentlich fast alles. Und eine ökologische Grundwasser-Wärmepumpe versorgt das Gebäude energiesparend mit Umweltwärme und Ökostrom. "Der Onlineshop ist etwas Virtuelles, wir haben die Chance gesehen, hier etwas Greifbares zu machen, bei dem wir viel anpacken können." Im Nachhinein habe er vieles zu blauäugig gesehen, sagt Gleich, aber andererseits sei es ein "Luxus, diesen historischen Bahnhof nutzen zu können". Und neben dem Buchladen gibt es Büros ein Café mit selbst gebackenem Kuchen sowie für den Sommer eine Terrasse.

Bis es soweit kam, musste das Team etwa 600 000 Euro investieren, teils per Kredit, teils mit einer Spende über rund 300 000 Euro aus dem Gewinn des Internet-Buchladens. "Bei der Gründung von Buch 7 gab es auch den Gedanken, eigene wertvolle Projekte zu fördern, wir waren ja ein engagierter Studentenhaufen. Es war also eine Art Rückkehr zu den Wurzeln", sagt Gleich. Und der gestiegene Umsatz während des Teil-Lockdowns habe geholfen. Er betont aber, dass Buch 7 die 75 Prozent des Gewinns vermehrt wieder für andere Projekte spenden wird.

Nun hofft das Team auf ein Ende der Pandemie, um neben dem Laden auch Veranstaltungen anbieten zu können. "Wir wollen Menschen anziehen, die bei uns gemütlich am Abend zusammensitzen", sagt er. Dabei wolle man sich mehr mit dem Gemeindeleben verzahnen und auch die Ortsgeschichte aufgreifen. "Der Kulturbahnhof ist wirklich eine besondere Chance, auch vor Ort etwas zu bewegen", freut er sich. Nicht zuletzt schließt sich damit auch persönlich ein Kreis für ihn: Sein Großvater hat einst jahrelang in dem Bahnhof gearbeitet.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema