Thomas Pikettys Buch über Kapitalismus Was ist, wenn sich Leistung nicht mehr lohnt?

Seine Überheblichkeit gegenüber Thomas Malthus, David Ricardo oder Karl Marx hat deshalb etwas grundsätzlich Unangemessenes: Denn diese hatten sich darum bemüht, eine bestimmte Wirtschaftsform zu erklären, anstatt nur deren Wirkungen zu addieren. Sie wollten wissen, wie die Werte entstehen, die da angeblich verteilt werden, zu welchem Zweck sie produziert werden, mit welchen Mitteln, von wem und auf wessen Kosten. Thomas Piketty verhält sich dagegen wie ein utopischer Sozialist des neunzehnten Jahrhunderts. Er zeigt die soziale Ungleichheit und ihr exorbitantes Maß auf, um zu dem Schluss zu kommen, sie müsse grundsätzlich reglementiert werden - wobei es vermutlich dieses Ansinnen ist, das ihm die Einladung ins amerikanische Finanzministerium verschafft.

So sehr Thomas Piketty nämlich darauf insistiert, von nichts als von Fakten zu sprechen: Die Kategorie, auf der sein ganzes Unternehmen gründet, nämlich die Ungleichheit, gehört selber nicht zur empirischen Welt, sondern sie ist eine idealistische Setzung. Man merkt, dass sie ihrem Autor Schwierigkeiten bereitet: Denn eigentlich will er sich ja, den eigenen empiristischen Ansprüchen treu, aller Spekulationen und, entschlossener noch: aller Vorhersagen, enthalten. Aber dann erscheinen im Text immer wieder seltsam bedrohliche Sätze wie der, es sei nicht auszuschließen, dass eine allzu deutliche Abkehr von meritokratischen Maßstäben "schreckliche" Folgen für den Zusammenhalt der Gesellschaft haben könne.

Doch einmal abgesehen davon, dass die persönliche Leistung allenfalls einer der Faktoren ist, die der Kapitalismus honoriert - da spielen das Glück, die Größe des zur Verfügung stehenden Kapitals oder die schlichte Rücksichtslosigkeit eine nicht minder große Rolle -, so ist es mehr als zweifelhaft, dass die Verteilung von Reichtum überhaupt ein Anliegen dieser Wirtschaftsform ist. Thomas Piketty, ein Mann, der als französischer Bürger den Sozialisten nahesteht und im Jahr 2007 Ségolène Royal bei ihrer Bewerbung um die Präsidentschaft unterstützte, tut aber in seiner wissenschaftlichen Arbeit so, als wäre Verteilung etwas so Selbstverständliches, dass darüber gar nicht nachgedacht werden müsste.

Dieser Idealismus hat Folgen. Denn er führt zu der Forderung, mit der Thomas Piketty das "Kapital im 21. Jahrhundert" abschließt: dass es eine progressive Vermögensteuer geben sollte, überall auf der Welt, um den jüngsten "auf Vererbung beruhenden Kapitalismus" ("patrimonial capitalism") zu beschränken. Bei Vermögen von über hundert Millionen Euro, die in der Regel eine Rendite von sechs oder sieben Prozent abwürfen, sei dabei durchaus an zwei Prozent jährlich zu denken, vielleicht sogar an mehr. Vielleicht könne die Europäische Union, die ja schon über die institutionellen Voraussetzungen für eine solche Steuer verfüge, das Modell dafür liefern.

Sie wird es nicht tun, weil auch in der Europäischen Union lauter Nationalstaaten darum konkurrieren, das international erfolgreichste Kapital an sich zu binden - etwa mit niedrigen Steuern oder mit geringer Regulierung. Pikettys Utopie indessen ist auch ein Urteil über das "Kapital im 21. Jahrhundert". Denn was ist von so viel Empirie zu halten, wenn die Konsequenz daraus nur ein wenig Empörung ist - und ein Vorschlag, über dessen illusionären Charakter man sich sofort einigen kann?

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