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Thomas Pikettys Buch über Kapitalismus:Piketty nutzt Honoré de Balzac, um Renten und Erbschaften zu erklären

Pikettys Werk ist, gemessen an anderen ökonomischen Fachbüchern, leicht zu lesen. Es ist in kurze Kapitel gegliedert, die aufeinander aufbauen und also beim Unterschied von Einkommen und Kapital beginnen, um bei den Staatsschulden aufzuhören. Und es hat einen Wesenszug des "Kapitals" von Karl Marx übernommen: nämlich die Neigung, aus einem großen Fundus philosophischen und vor allem literarischen Wissens zu schöpfen, um so, in einer einzigen großen Bewegung, einen ganzen Weltzustand für das eigene Vorhaben zu mobilisieren. Die berühmten Romane des 19. Jahrhunderts sind es vor allem, die es Piketty angetan haben, die Bücher, in denen fortwährend von Renten und Erbschaften, von Kredit und Schulden die Rede ist.

Bei Honoré de Balzac, in dessen Roman "Vater Goriot" aus dem Jahr 1835, fand er den Dialog, der die These seines eigenen Werks zusammenfasst: das Gespräch zwischen Eugène de Rastignac, einem mittellosen jungen Adligen, und dem Verbrecher Vautrin. Darin versucht Vautrin, sein Gegenüber von dem Gedanken abzubringen, Medizin oder Jura zu studieren, weil er damit in seinem ganzen Leben nicht das Geld verdienen könne, das er sofort erhalte, wenn er die schüchterne Erbin heiratete, die sich in ihn verliebt hatte.

Unbescheiden ist der Titel des Buches - "Das Kapital im 21. Jahrhundert" - dennoch, vor allem, weil er offen das Hauptwerk von Karl Marx zitiert, und zwar keineswegs, um daran anzuschließen, sondern um es zu ersetzen. "Zweifellos", erklärt Thomas Piketty, "fehlte es Karl Marx an statistischen Daten, um seine Vorhersagen zu verfeinern".

Für den französischen Ökonomen ist das ein Einwand, der an die Substanz geht. Denn das Werk, mit dem er die moderne Volkswirtschaft neu begründen will, fußt vor allem auf Empirie, genauer: auf Angaben zur Einkommen- und Vermögensteuer, die er über fünfzehn Jahre hinweg in einer eigenen Datenbank, der "World Top Income Database", sammeln und mit modernem technischen Gerät auswerten ließ. Das Material reicht dabei nicht überall, aber doch etwa für Frankreich, bis ins späte achtzehnte Jahrhundert zurück und umfasst vor allem die westlichen Industriestaaten. Er sei kein Gegner der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, beteuert Thomas Piketty mehrmals in seinem Buch, er habe nichts gegen das Kapital. Er hätte diese Sätze nicht schreiben müssen. Denn es ist ja die Empirie, die ihn, als wäre er ein Naturwissenschaftler, vor dem Verdacht schützt, er hege eine rebellische Absicht.

Marx auf den Müll

Dennoch gäbe es das Aufsehen nicht, das "Kapital im 21. Jahrhundert" gegenwärtig erregt, rührte das Buch nicht an etwas Skandalöses. Da ist zunächst der Umstand, dass es mit einem gigantischen akademischen Aufwand dem landläufigsten aller Vorurteile gegen den Kapitalismus recht gibt: Denn dass die Reichen immer reicher werden, während die Armen meistens arm bleiben, das weiß der resignierende Volksverstand, ohne deswegen Wirtschaftswissenschaften studiert oder Konjunktur-Institute befragt zu haben. In dieser Moral lebt der Gedanke, dass die Klassengesellschaft nie zu existieren aufgehört hat, auch in Zeiten fort, in denen er durch allerlei Schichtenmodelle oder Statusabstufungen abgelöst zu sein scheint. Da ist aber darüber hinaus die Selbstsicherheit, mit der Thomas Piketty seine Kollegen aus derselben Disziplin mit der Begründung abfertigt, sie spekulierten nur, während er über die harten Daten verfüge. Mit diesem Einwand wird dann nicht nur Karl Marx zum Müll der Geschichte gelegt, sondern auch etwa Simon Smith Kuznets, der amerikanische Ökonom, der nach dem Zweiten Weltkrieg behauptet hatte, im fortgeschrittenen Kapitalismus müsse die Ungleichheit der Einkommen schwinden.

Tatsächlich habe die Ungleichheit in und nach dem Zweiten Weltkrieg abgenommen, genauso wie in und nach dem Ersten, sagt Piketty. Er nennt zwei Gründe: Zum einen habe der Krieg eine beträchtliche Zahl großer Vermögen zerstört, zum anderen sei mit dem Wiederaufbau ein Wachstumsschub entstanden, der eine Rückkehr zur historischen Ungleichheit erst einmal verhindert habe - wie überhaupt Ausbildung, technischer Fortschritt und schnelles Wachstum die Faktoren seien, die dem permanenten Drängen des Kapitals entgegenwirkten, sich so schnell wie möglich zu so großen Haufen wie möglich zu versammeln, und zwar in privater Hand.

Anfang der Siebzigerjahre sei es mit der scheinbaren Vergesellschaftung des Reichtums allerdings vorbei gewesen - wobei es beinahe gleichgültig gewesen sei, ob die Rückkehr zur Privatwirtschaft offensiv wie in den USA und in Großbritannien oder zurückhaltend wie in Frankreich, Deutschland oder Schweden betrieben worden sei. Am Ende stehe doch dasselbe Resultat, nämlich eine oligarchische Verteilung des Reichtums, der zufolge etwa zehn Prozent der Amerikaner über siebzig Prozent des nationalen Reichtums verfügen - und das oberste eine Prozent über die Hälfte davon.

Und was ist mit dem klassischen Einwand gegen alle sozialistisch inspirierte Theorie, den Leuten gehe es heute viel besser als vor fünfzig oder gar hundertfünfzig Jahren? "A rising tide lifts all boats", sagte John F. Kennedy im Jahr 1963, "eine Flut hebt alle Boote". Gemeint war damit, dass ein Wirtschaftswachstum zwar die einen mehr, die anderen weniger begünstige, am Ende aber alle etwas davon hätten. Thomas Piketty kann belegen, dass dieser Glaube in die Irre geht: Etwa sechzig Prozent des Zuwachses an Produktivität, der von den frühen Siebzigerjahren bis heute erreicht wurde, kam keineswegs denen zugute, die ihn hervorgebracht hatten, sondern wurde von Investoren und ihren Managern eingezogen. Pikettys Erfolg in den USA geht auf diesen Nachweis zurück: Er argumentiert nicht wie ein linker Moralist, der die Ungleichheit als solche anprangert. Stattdessen nimmt er den Idealismus der Rechten zumindest scheinbar ernst. Und dass sich mehr Leistung für die meisten Menschen nicht lohnen soll: Das rührt an die Grundlagen dieser Gesellschaft.

Pikettys Argument, wer über die Empirie verfüge, sei auch der Souverän der Theorie, hat eine zweite Seite: Denn wenn es nur um die Daten gehen soll, also nur um Zahlen zur Einkommen- und Vermögensteuer, muss die Wirtschaftsform, aus der sie hervorgehen, als etwas zumindest Untergeordnetes erscheinen. Denn dem Finanzamt kann es gleichgültig sein, ob ein Gewinn aus der Rente für eine Verpachtung von Land, aus der Verzinsung von Staatspapieren, aus dem Ertrag einer Investition in einen Industriebetrieb oder aus der Rendite aus einer Spekulation mit Finanzderivaten hervorgeht. Der französische Ökonom denkt in dieser Hinsicht nicht anders als das Finanzamt: Es geht ihm um das Kapital, nicht um den Kapitalismus.