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Autoindustrie:Dieser BMW ist ein bisschen anders

Pressebild BMW iX

Souverän soll der Wagen wirken, wünschen sich die Designer, aber nicht aggressiv. Ob es gelingt?

(Foto: Günter Schmied/oH)

600 Kilometer Reichweite und der Wischwassereinlass unter dem Logo: BMW stellt den elektrischen SUV iX vor. Das Auto sollte komplett automatisiert fahren - das hat nicht geklappt.

Von Max Hägler

Es ist eine durchaus lustige Umschreibung Bayerns: "Das deutsche Silicon Valley, Heimat von Mensch-ärgere-dich-nicht, Pumuckl, dem modernen Fußballschuh und vielen anderen Innovationen, von denen im echten Silicon Valley noch niemand jemals gehört hat." Besonders zitierbar wird dieser Satz und das ganze Video, dem er entnommen ist, weil er von jemandem kommt, der bislang nun nicht unbedingt als humorbegabt galt: BMW, eines der konservativsten Unternehmen im Lande. Wer den sogenannten Vierzylinder, die Zentrale, betritt, den fröstelt beinah, so kühl und nüchtern ist es hier.

Aber die Zeiten sind eben anders geworden, man kann sagen härter, angesichts starker Konkurrenten, zumal während der Seuche. Und so bedient man sich bei dem Traditionsunternehmen der Selbstironie, um gut durchzudringen. Die Botschaft: Wir machen alles anders. Zumindest ein bisschen. Das Mittel: Ein Auto natürlich, das sie iX getauft haben. Dieser zweieinhalb Tonnen schwere Elektro-SUV wird erst in einem Jahr wirklich auf die Straßen kommen - wohl zur Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA), die dann erstmals in München stattfindet.

An diesem Mittwoch hat der Wagen immerhin schon Vorpremiere, es gab auch schon einmal eine Vorvorpremiere, was wohl angemessen ist: Es soll ja auch mehr als ein Auto sein, sagen sie bei BMW, ein "Projekt" für eine neue Ära, was recht dynamisch klingt. Oliver Zipse, der Vorstandschef, spricht von einem "Technologieträger der Zukunft", aus dem in den kommenden Jahren viele Modelle abgeleitet werden sollen. Das Prinzip beim iX, so Zipse: "Wir packen mal alles, was BMW drauf hat, in ein Fahrzeug." Das i steht für das ganze Elektrische und Digitale und das X für die SUV-Haftigkeit.

Es gilt, keine Zeit zu verlieren, das gestehen sie ein, zumindest in dem begleitenden Film: "Tesla ist mittlerweile mehr wert als BMW, Daimler und Volkswagen zusammen", erzählt darin Joachim Król sehr treffend, die Lagerfeuerstimme aus dem Off. Wobei sie, fährt er fort, auch bei BMW unglaublich viel Know-how und Erfahrung haben. Der sehr bayerische iX-Projektleiter Johann Kistler wird nun eingeblendet, der an sich schon ein sehr darstellenswerter Charakter ist. Und später auch noch wuschelige Marsmännchen, die mit ihrem Golfwägelchen liegen bleiben - weil die Batterie leer ist.

BMW

Auch Marsmännchen fahren elektrische Wägelchen, zumindest im aktuellen Werbevideo von BMW, das durchaus Unterhaltungswert hat.

(Foto: BMW)

Die Konkurrenz beim Namen nennen? Das ist ungewöhnlich. Aber der US-Autobauer wird immer relevanter, im kommenden Jahr will er auch noch in Brandenburg Elektroautos fertigen. Das wird der Frontalangriff auf die deutschen Hersteller, auf BMW. Man erinnere sich: Als im Jahr 2013 der kleine Elektrowagen namens i3 von BMW herauskam, waren die Münchner Pionier, weil sie mit Konzeption und Technik überraschten. Der Vorteil war dahin, weil nichts mehr kam aus München, die Amerikaner überholten.

Kein Problem, sagen sie in München, denn genau jetzt sei der richtige Moment für den zweiten großen Schritt: Eben ein großes Oberklasse-Elektroauto, mit ganz eigener Karosserie und mit allerlei Digitalfähigkeiten, wegweisend in jeder Hinsicht und ein Hingucker, Kategorie 100 000 Euro. Die Konkurrenz: Jaguars I-Pace, der Mercedes EQC, Audi e-tron und natürlich der Tesla-SUV. Die Frage ist, ob dieses BMW-Projekt geeignet ist, um aufzuholen und vielleicht vorbeizuziehen. Schon vor dem Start steht jedenfalls fest, das nicht alle Verheißungen auf Anhieb eingelöst werden: Angekündigt war bei der Vorvorpremiere ein Auto, das auf Level 3 automatisiert fährt. Das würde bedeuten, dass der Fahrer mitunter die Hände vom Lenkrad nehmen und sogar Zeitung lesen kann. Ein anspruchsvolles Unterfangen für die gesamte Branche, keiner kann das bislang.

Statt der nervigen Heizgebläse gibt es auch beheizbare Oberflächen

Und der iX erst einmal auch nicht; vor einem halben Jahr haben sie das Ziel bei BMW fallengelassen, den iX vom Start weg derart zu befähigen. Level 2 plus wird der iX fahren können zu Beginn, erklärt Zipse nun, mehr komme dann später einmal. Das heißt für die Kunden: Augen weiter stets auf die Straße! Hinter der BMW-Niere stecken zwar schon Radar und Laser-Sensor-Geräte, dazu funkt der Wagen per 5G-Mobilfunkstandard. Die Kernfrage sei jedoch, so Zipse: "Wie oft schaltet das System ab?" Es dürfe den Fahrer ja nicht nerven, müsse einen Mehrwert bieten, das dauere noch: "Wir werden wieder einmal genau den richtigen Zeitpunkt erwischen", sagt der BMW-Chef.

Doch für den Moment soll es ja vor allem ums Design gehen: Manche bei BMW lästern, der iX sehe aus wie ein Peugeot 5008, aber Schönheit ist ja bekanntlich Geschmackssache. Die Konzerndesigner betonen hingegen, dass die Räder bemerkenswert groß seien und der Wagen dennoch recht flach und dass man beim Heck den i3 zitiert habe.

Herausgekommen ist jedenfalls etwas Enormes: "Ein Ausdruck wie der X7, die Dynamik eines X6, die Größe eines X5." Der Wagen soll "protektiv" wirken, "aber nicht zu aggressiv". Drinnen sind die Schalter um die Hälfte reduziert im Vergleich zu bisherigen BMW-Fahrzeugen, stattdessen schwingt sich eine gebogene Digitalanzeige von links nach rechts. Darauf schauen lässt sich aus ganz angenehmer Position: Bis zu 15 Grad soll sich die Bestuhlung drehen lassen. Statt der nervigen Heizgebläse gibt es auch beheizbare Oberflächen. Aussteigen muss man seltener als bei bisherigen E-Wagen: Der Stromverbrauch liegt bei weniger als 21 Kilowattstunden auf 100 Kilometern, damit sind 600 Kilometer Reichweite möglich nach WLTP-Standard. Und weil ja möglichst alles anders sein soll, hat auch das BMW-Logo eine neue Aufgabe bekommen: Darunter ist der Wischwasser-Einlass - denn die Motorhaube ist fest verschraubt. Bayern, das Land der Innovationen.

© SZ
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