Energieexperte Krawinkel "Ohne Garantien ist E10 tot"

Der Streit um den Kraftstoff E10 macht die Autofahrer ratlos. Was ist schiefgelaufen? Verbraucherschützer Holger Krawinkel über kraftlose Klimapolitik - und die Chancen des neuen Benzins.

Interview: Corinna Nohn

Wie üblich vor einem sogenannten Gipfel decken sich die Akteure mit allerlei Forderungen ein. Weil am Dienstag zahlreiche Minister und Verbände in Berlin über die verzapfte Einführung des Bio-Kraftstoffs E10 streiten, gibt es zahlreiche Wortmeldungen. Sie haben alle einen gemeinsamen Nenner: Schuld ist immer der andere.

Energieexperte Holger Krawinkel fordert von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle eine "klare Ansage".

(Foto: vzbv)

Die Mineralölwirtschaft zum Beispiel will straffrei gestellt werden, falls die gesetzlich vorgeschriebene Bio-Quote beim Treibstoff aufgrund des E-10-Flops verfehlt wird; notfalls fallen rund zwei Cent pro Liter an, was die Konzerne auf den Preis umlegen dürften. Die FDP will gleich die gesamte Strategie und den Zeitplan überdenken. Der ADAC wiederum regt beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg an, alle Autofahrer darüber zu informieren, ob ihr vierrädriger Liebling E10 verträgt. Und der Bauernverband will eine bessere Kommunikation.

Tatsache ist, jenseits von E10, dass der "grüne" Autoverkehr einstweilen Illusion ist. So wurden im Jahr 2010 nur 4988 Erdgasautos, 10.319 Hybrid-Neuwagen und 309 Elektrofahrzeuge verkauft. Die vertrackte Lage rund um den Bio-Treibstoff erläutert Holger Krawinkel, 54, Energieexperte des Bundesverbands Verbraucherzentralen. Er redet beim "Sprit-Gipfel" mit.

SZ: Herr Krawinkel, die Verbraucher wollen den neuen Bio-Sprit E10 nicht tanken. Haben sie recht?

Holger Krawinkel: Der Agro-Sprit hat eine sehr fragwürdige Ökobilanz. Er führt zu Mehrverbrauch, und nicht jeder kann wirklich sicher sein, ob sein Motor diesen Sprit verträgt. Im Schadensfall gibt es keinerlei Garantieansprüche. Es ist sehr vernünftig, erst mal auf den Sprit auszuweichen, von dem jeder sicher weiß, dass er keinen Schaden am Auto anrichtet.

SZ: Hat E10 überhaupt noch eine Chance beim Verbraucher?

Krawinkel: Was wir brauchen, hätte schon längst passieren müssen: ein Schreiben des Kraftfahrtbundesamts an alle Halter von Fahrzeugen, deren Motoren E10 ohne weiteres vertragen. Die Autohersteller und die Politik fordern, dass sich die Verbraucher selbst informieren sollen, im Internet oder an der Tankstelle. Aber die Information, ob sein Fahrzeug E10 verträgt oder nicht, muss dem Verbraucher unmittelbar an die Hand gegeben werden.

SZ: Bislang haben die Hersteller nur unverbindliche Freigaben erteilt. Sie fordern Garantieerklärungen von VW, Daimler, BMW und den andern?

Krawinkel: Entweder es ist kein Problem, E 10 zu verwenden - dann kann man es auch verbindlich freigeben. Oder aber es ist ein Problem. Sollten sich die Hersteller nicht durchringen können, entsprechende Garantien abzugeben, ist E10 für mich tot.

SZ: Patrick Döhring, der verkehrspolitische Sprecher der FDP, fordert ein Moratorium. Die Einführung von E10 soll gestoppt und um einige Monate verschoben werden.

Krawinkel: Es gibt faktisch bereits ein Moratorium, denn die Verbraucher boykottieren E10. Das Problem ist doch: Wenn ich die Einführung politisch durchsetzen will, muss ich die Autofahrer mit entsprechenden Sicherheiten versorgen, und zwar schnell.

SZ: Gibt es Alternativen zu E10, um den CO2-Ausstoß in Deutschland zu vermindern?

Krawinkel: Die kostengünstigsten Maßnahmen sind immer diejenigen, welche Energie einsparen, etwa effizientere Motoren. Die EU-Kommission hatte ursprünglich vorgesehen, den CO2-Ausstoß von Motoren auf 120 Gramm pro Kilometer einzuführen. Aber die Bundesregierung hat diese Vorgabe im Interesse der deutschen Autowirtschaft aufgeweicht, der Grenzwert beträgt jetzt 130 Gramm pro Kilometer. Und die Differenz soll durch Leichtlaufreifen und Bio-Sprit aufgefangen werden.

SZ: An dem Schlamassel ist Ihrer Meinung nach die Regierungspolitik also selbst schuld?

Krawinkel: Ja - eine Klimapolitik, die sich nicht gegen die mächtige Lobby durchsetzen kann, aber dann versucht, die Verantwortung durch die Hintertür den Verbrauchern zuzuschieben, wird scheitern. E10 ist dafür ein Paradebeispiel. Die Vorgaben müssen nicht gegenüber dem Verbraucher gemacht werden, sondern gegenüber der Industrie.

SZ: Sie sind beim Spitzentreffen in Berlin dabei. Was erhoffen Sie sich von dem Gespräch?

Krawinkel: Eine klare Ansage von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Er soll den Autoherstellern deutlich machen, dass die Garantien zur Verträglichkeit von E10 verbindlich abgegeben werden müssen.