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Baumärkte in Deutschland:Mach's doch selber

Handwerker

Heimwerken bleibt angesagt: Ein Mann arbeitet an einem Schraubstock.

(Foto: dpa)

Ob Schrauben oder Sanitäranlagen: Wer zuhause gerne werkelt, findet das dazugehörige Material in bundesweit mehr als 2000 Baumärkten. Deutschland ist das Land der Selbermacher, daran ändert auch die Praktiker-Pleite nichts. Denn es geht nicht nur ums Sparen.

Von Max Hägler, Stuttgart

Er ist zwar kein ausgewiesener Experte für Inbusschlüssel, Kreuzschlitzschrauben und WC-Spülungen - doch auch Klaus Klemm kann mitreden, wenn es um Baumärkte geht. Als der Bildungsforscher, der an den Pisa-Studien mitarbeitet, von der taz jüngst gefragt wurde, ob schlaue Kinder tatsächlich eher aufs Gymnasien gehen sollen und handwerklich begabte auf die Realschule, da sagte er, dass dieses Entweder-Oder schon falsch gedacht sei: "Im Baumarkt treffen Sie doch auch Akademiker!"

Der Baumarkt-Besuch und das mehr oder weniger gekonnte Herumbasteln ist eines der Hobbys, das die Menschen in diesem Land verbindet, quer durch alle Altersklassen und unabhängig von Ausbildung und Talent. Daran hat auch die Pleite der Billigkette Praktiker nichts geändert.

Vor wenigen Wochen erst vermeldete der Fachverband BHB, der Baumarktketten mit mehr als zehn Filialen vertritt, einen erfolgreichen Start ins Heimwerkerjahr 2014: Im ersten Quartal erzielten die großen deutschen Bau- und Heimwerkermärkte einen Bruttoumsatz von 4,1 Milliarden Euro, ein Plus von 8,5 Prozent - und das ohne Praktiker. Die Deutschen werkeln, weil sie Geld sparen. Und wohl vor allem, weil sie sich auf diesem Weg selbst verwirklichen können - bei allen Rückschlägen, wie etwa schiefen Sägeschnitten. Das Sich-selbst-Spüren ist das stärkste Bedürfnis der Menschen, so sagen Psychologen.

Das Angebot ist noch immer enorm

Das Material für diese Selbsterfahrung gab es vor wenigen Jahren noch in 2500 Heimwerkermärkten, Ende 2013 waren es dann 250 weniger. Der Markt schrumpft, manche sagen auch: Er wird bereinigt. Durch die Praktiker-Pleite und weil kleine, inhabergeführte Märkte verschwinden - aber immer noch gibt es viele Läden. "Niemand vermisst Praktiker, niemand hat Versorgungslücken", sagt Peter Wüst, BHB-Hauptgeschäftsführer. Wobei das wohl eher auf die Kunden gemünzt ist, nicht aber auf die mehreren Tausend ehemaligen Praktiker-Angestellten, von denen viele noch keinen neuen Job haben.

Dass das Angebot und damit der Wettbewerb weiter enorm ist, erfahren Akademiker wie professionelle Handwerker, wenn sie an einem Wochenende vor einem der riesigen Baumärkte in einer Vorstadt halten und sich drinnen zu jeder Zeit wie in einem Museum kurz vor dem Schließen vorkommen, so sehr verlieren sich die Kunden in den endlosen Gängen. Wie kann man bei solch großen Immobilien und solch einem gewaltigen und teuren Warenbestand überhaupt ein auskömmliches Geschäft machen? Am Service, also dem Personal, wird gespart, das kennen alle, die gern herumwerkeln wollen. Gerade dann, wenn man einen kundigen Menschen braucht, der mitüberlegt, ob Zehn-Zentimeter-Dübel für das Hochbett reichen, ist keiner da.

Die Händler selbst reden aber eben von der "Do-It-Yourself-Branche", womöglich bezieht sich das Selbermachen auch auf die Produktauswahl. Zu Jahresbeginn waren nicht Schrauben und Dübel am stärksten gefragt, sondern Sanitär- und Heizungswaren: 429 Millionen Euro haben die Deutschen dafür allein im ersten Quartal ausgegeben, in der Liste der meistgekauften Artikel folgen Baustoffe, Elektroteile sowie Farben. Für den Umsatz in Baumärkten sorgen etwa zur Hälfte professionelle Handwerker, und zur anderen Hälfte die Hobbyhandwerker.

Selbermachen bleibt angesagt

Insgesamt wollen die großen Baumarktketten in diesem Jahr wieder auf etwa 18 Milliarden Euro Umsatz kommen. Ein wichtiger Faktor, gutes Wetter im Frühjahr, zur Pflanzzeit, ist dazu bereits gegeben. Und das Interesse am Selbermachen in Haus und Garten sei weiterhin "in nahezu allen Bevölkerungsschichten ungebrochen", hat der Fachverband beobachtet.

Den meisten Umsatz unter den Baumärkten macht weiterhin Obi. Wobei das Geschäftsmodell ein schnelles Umfirmieren erlaubt: Die meisten Obi-Märkte werden als Franchise-Betriebe geführt. Als es im Großraum München im vergangenen Jahr Verstimmungen gab zwischen Franchisenehmern und der Konzernleitung, da wechselten die Franchisenehmer von acht der 18 Obi-Märkte in der Gegend einfach den Partner: Aus den Obis wurden Hagebaumärkte. Diese Einkaufsgemeinschaft dürfte in diesem Jahr wohl auf Platz vier liegen in Deutschland, hinter Bauhaus und Toom.

© SZ vom 10.07.2014/jasch/rus
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