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Landwirtschaft:Sterbende Höfe, belastete Äcker

Walkerszell: Bauer gibt Hof auf / Familie Karl-Heinz Lierheimer

Wenn es einfach nicht mehr geht: Die Zahl der Milchviehbetriebe ging zwischen 2010 und 2017 um 28 Prozent zurück.

(Foto: Johannes Simon)
  • In Deutschland mästen Bauern viel mehr Schweine, Rinder oder Hühner, als für die Versorgung der Bundesbürger nötig wäre.
  • Im Gegenzug gibt es massive Nachhaltigkeits-Defizite auf praktisch allen Ebenen, zeigt ein Bericht für den Bundestag.

Ob das Geschäft der Landwirte gut läuft, lässt sich in den ländlichen Regionen der Republik häufig schon am Geruch feststellen. Deutsche Bauern mästen heute viel mehr Schweine, Rinder oder Hühner, als für die Versorgung der Bundesbürger nötig wäre. Das ist zwar gut für ihr Auskommen - tonnenweise wird das Fleisch aus Deutschland in alle Welt exportiert.

Doch der Erfolg hat seine Schattenseiten, etwa die häufig problematischen Haltungsbedingungen. Und: Zurück bleibt eine gewaltige Menge Gülle. Abermillionen Nutztiere in Deutschland produzieren mehrere Hundert Millionen Kubikmeter Gülle oder Mist. Der Preis dafür ist hoch. Da sind etwa die Folgen fürs Grundwasser. In einem Viertel der Wasserspeicher sind Nitrat-Grenzwerte überschritten - vor allem in den Zentren der Viehwirtschaft. Die EU droht deshalb mit millionenschweren Bußgeldern.

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Entscheidend ist vielmehr, dass sich kaum jemand dafür interessiert, woher all die Produkte aus dem Supermarkt kommen. Hier sind die Verbraucher in der Pflicht.

Massive Nachhaltigkeits-Defizite auf fast allen Ebenen

Wie ist es um die Nachhaltigkeit der deutschen Landwirtschaft bestellt? Genau dieser Frage ist das Büro für Technikfolgen-Abschätzung nun in einer aufwendigen Studie für den Bundestag nachgegangen. Die Forscher durchleuchteten das System und hinterfragten, über welche Daten die Politik eigentlich verfügt. Das Ergebnis: massive Nachhaltigkeitsdefizite auf praktisch allen Ebenen. Die ökologische Nachhaltigkeit habe sich "verschlechtert", urteilen die Experten in dem 328-seitigen Papier, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Der Einsatz von Ressourcen und Pflanzenschutzmitteln steige, die Artenvielfalt nehme ab, die Abhängigkeit von Futterimporten wachse, heißt es in dem Papier weiter. Intensive Formen der Nutztierhaltung ohne Auslauf nähmen zu statt ab, und immer häufiger würden Nutztiere eingesetzt, die einseitig auf hohe Leistung getrimmt seien.

Doch die ökologischen Folgen sind längst nicht die einzige Entwicklung, die die Forscher besorgt. Auch hinsichtlich der sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit gebe es große Probleme. Die Landwirtschaft sei von sehr starken Arbeitsplatzverlusten gekennzeichnet.

Das Höfesterben der vergangenen Jahre sei ein Zeichen dafür, "dass die Branche insgesamt durch einen Mangel an ökonomischer Nachhaltigkeit gekennzeichnet ist". Allein von 2010 bis 2017 ist die Zahl der Betriebe mit Rinderhaltung der Studie zufolge um 18 Prozent gesunken, die der Betriebe mit Milchkühen ging um 28 Prozent zurück.

Die Anzahl der Betriebe mit Schweinehaltung hat sich zwischen 2007 und 2016 gar halbiert. Auch Bauern beklagen einen immer größeren finanziellen Druck im System. Viele würden gerne umsteuern, doch es fehlen die Mittel. Und so wächst die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung hätten gezeigt, dass sich die Deutschen eine Landwirtschaft wünschen, "die aus vielen bäuerlichen Betrieben" besteht, heißt es in der Studie. Die aber würden sich immer mehr von den Idealvorstellungen relevanter Teile der Bevölkerung entfernen. Allerdings sei Größe nicht automatisch ein Problem für die Umwelt.

Andernorts ist der Wandel bereits größer. Deutschland liegt dem Bericht zufolge beim Ausbau des Ökolandbaus weit hinter anderen europäischen Ländern. Den höchsten Anteil an der Fläche haben Österreich und Schweden mit 21 beziehungsweise 18 Prozent. In Deutschland seien es knapp sieben Prozent. Die Studie geht allerdings von Vergleichswerten des Jahres 2016 aus. Inzwischen stieg der Anteil auf gut neun Prozent. Doch auch beim Tempo des Wandels hinkt Deutschland hinterher. Während es hierzulande nur eine moderate Zunahme seit 2005 gegeben habe, sei das Wachstum in Frankreich, Italien Schweden und Spanien stark gewesen.

"Die Situation ist dramatisch", warnt ein Grünen-Politiker

Die Erträge seien zwar im Öko-Landbau durchschnittlich um 20 bis 25 Prozent niedriger, die Preise für Kunden etwas höher. Bei einer Reihe von Indikatoren schneide der ökologische Landbau aber deutlich besser ab. Vorteile bei Bodenfruchtbarkeit, Bodenbiologie, dem Schutz des Grundwassers und der Artenvielfalt seien nachgewiesen. Zudem sei der Gewinn ökologisch bewirtschafteter Betriebe in Deutschland in den meisten Jahren höher. Die Ernährungswerte seien besser. Die Wissenschaftler wollen auch die Konsumenten in die Pflicht nehmen. Ein nachhaltigerer und gleichzeitig gesünderer Ernährungsstil, etwa mit weniger Fleischkonsum und geringeren Lebensmittelabfällen, habe Rückwirkungen auf die Landwirtschaft. Beides könne "zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft" beitragen. Die Studie im Auftrag der Bundestagsausschüsse für Landwirtschaft und Forschung warnt allerdings vor Wissensdefiziten zu den ökologischen Folgen der Agrarbranche. Die Forscher empfehlen der Politik deshalb Indikatoren ein- und Langzeitstudien durchzuführen.

Die Opposition sieht in dem Bericht einen Auftrag für die Bundesregierung, umzusteuern. "Die Zeit drängt. Die Situation ist dramatisch", sagt der Grünen-Agrarpolitiker Friedrich Ostendorff. "Wir müssen jetzt alle Register ziehen, um unsere bäuerlichen Strukturen und die bäuerliche Landwirtschaft zu erhalten."

Das sind vom Deutschen Bundestag eingesetzte fraktionsübergreifend Arbeitsgruppen, die komplexe Probleme lösen sollen. Seit Einführung des Instruments 1969 gab es erst 28 Kommissionen zu Themen wie Globalisierung oder Digitalisierung. "Diese Verluste dürfen wir nicht akzeptieren" sagt Ostendorff. "Mit den Betrieben brechen auch Strukturen, Kultur und Zusammenhalt im ländlichen Raum weg."

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