Autoindustrie:Der Staat am Steuer

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Ob in Frankreich oder Deutschland, in China oder Amerika: Weltweit wird die Autoindustrie vom Staat gestützt. Die Probleme der Branche löst dies jedoch nicht - im Gegenteil.

Karl-Heinz Büschemann

Die deutsche Kanzlerin hat Opel gerettet. Angela Merkel sorgte dafür, dass die Traditionsmarke an ein Firmenkonsortium aus Magna und russischen Partnern verkauft wird. Darauf ist Berlin überaus stolz. In den USA pumpte Präsident Barack Obama 100 Milliarden Dollar in die marode Autoindustrie und hat General Motors nebenbei verstaatlicht. Die französische Regierung ist Miteigentümer von Renault und überwies gerade ein paar Milliarden an Peugeot-Citroën. Russland hält den Aufbau der Autoindustrie für eine nationale Aufgabe, und in China, das bald der größte Autolieferant der Welt sein wird, steht diese Industrie unter der völligen Kontrolle der Regierung. Die Autoindustrie ist also in der ganzen Welt politisch gesteuert oder beeinflusst. Für sie gelten die Gesetze des Marktes nur am Rande.

Davon aber wird nicht die Rede sein, wenn sich die Branche diese Woche zur Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt trifft. Dort werden - wie alle zwei Jahre - sparsame und protzige Autos vorgestellt. Manche Unternehmenschefs werden in Nebensätzen erwähnen, dass die Autoindustrie ein wenig in der Klemme stecke. Aber sie werden auch erklären, es gebe keinen Grund zur Sorge. Sie hätten alles im Griff. Das Ende der schweren Zeiten sei absehbar.

Doch die Autoindustrie hat nichts im Griff. Sie ist 2008 in ihre größte Krise gefahren, obwohl manche Anzeichen - wie drastisch gestiegene Ölpreise - schon lange auf diese Gefahr hindeuteten. Die Kunden haben sich plötzlich in Massen von den Produkten der PS-Industrie abgewendet. Sie kaufen auf der ganzen Welt verstärkt sparsame Fahrzeuge oder sogenannte Billigautos, die weniger als 10.000 Euro kosten. Teure Luxusschlitten lässt die Kundschaft stehen; die Industrie war darauf nicht vorbereitet.

Ratlos beklagt die Branche jetzt ihre Überkapazitäten. Sie habe zu viele Fabriken, weshalb die Politiker helfen sollen, was diese gequält auch tun. Dabei allerdings übersehen die Regierungen, dass sie selbst eine Mitverantwortung dafür tragen, dass es weltweit viel zu viele Autofabriken gibt. Nirgendwo auf der Welt wird ein Fließband gebaut, das nicht von Steuerzahlern bezuschusst wird. Solche Hilfe befördert nur Probleme, die Politiker im Krisenfall wieder mit Steuergeld zu lösen versuchen.

Die Krise gibt aber Hinweise darauf, dass diese Industrie nicht nur ein vorübergehendes Problem hat, sondern dass sie hochgradig gefährdet ist. Das gilt auch für die deutschen Hersteller. Die haben sich bisher in ihren Erfolgen gesonnt, haben ihre Autos immer besser und luxuriöser gemacht. Sie haben aber zu spät angefangen, über die Antriebe der Zukunft nachzudenken. Sie verfügen auf lange Zeit über keine Alternativen, die in großem Umfang die Diesel- oder Ottomotoren ersetzen könnten. Daher ist nicht sicher, dass alle heutigen Autohersteller eine Zukunft haben. Hingegen dürfte als gesichert gelten, dass in Asien viele Anbieter hinzukommen werden.

Der Absturz nach der Finanzkrise erzwingt den größten technologischen Umbruch, den diese Branche je sah. Sie muss neue Technologien entwickeln und braucht dafür gewaltige Summen. Viele Unternehmen machen aber Verluste und sind finanziell so geschwächt, dass sie die Kraft nicht haben, für die Zukunft zu sorgen. Die Gefahr ist umso größer, als in China gerade die große Aufrüstung läuft. Die fernöstlichen Autohersteller wurden längst eingeschworen, nicht mehr viel Geld in den Verbrennungsmotor zu stecken. Sie überspringen diese Alt-Technologie und gehen gleich über zur massiven Entwicklung des Elektroautos. Selbst Unternehmen wie VW aber, so sagen Fachleute, hätten die technologischen Fragen des Elektroautos noch nicht völlig verstanden. Das darf so nicht bleiben.

Die Autoindustrie ist eine Basis für den Wohlstand der ganzen Republik. Die Bundesregierung könnte hier segensreich wirken - wenn sie das Thema richtig anpacken würde. Soeben hat sie ein Programm zur Förderung des Elektroautos angekündigt. Doch das ist zu klein angelegt, die Förderung wird mehr als die zugesagten 500 Millionen Euro kosten. Viel wichtiger wäre es, den Konzernen Anreize zu bieten, ihre Forschung und Entwicklung zu koordinieren. Dass VW, Daimler oder BMW in dieser Zukunftsfrage immer noch eifersüchtig jeder für sich handeln, ist nicht mehr zeitgemäß.

Es gibt großen Forschungsbedarf bei der Batterietechnologie, aber auch bei der Erzeugung von Wasserstoff oder bei der Produktion von Biokraftstoffen. Da fast alle Länder Forschung und Entwicklung über steuerliche Regelungen fördern, muss auch die Bundesregierung auf diesen Weg einbiegen. Die schon zahllosen Förderprogramme von Bund und Ländern müssen stärker koordiniert werden. So könnte die nötige Dynamik in das Thema kommen und verlorengegangen Zeit wieder aufgeholt werden.

Im Gegensatz zur Unterstützung kranker Unternehmen, die meist nur das Siechtum verlängern, haben die wegbereitenden Maßnahmen das Potential, Arbeitsplätze zu schaffen und die Bundesrepublik wettbewerbsfähig zu halten. Leider aber zeigen solche Vorhaben ihre Wirkung erst nach vielen Jahren. Sie sind deshalb für Politiker unattraktiv, die auf die nächste Wahl schauen.

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