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Auswege aus der Schuldenkrise in Europa:Deutschland kann nicht immer einspringen

Krugman folgert daraus, Brüssel und vor allem Berlin sollten sich gegenüber Athen verhalten wie Washington gegenüber Florida: zahlen, was das Zeug hält, selbst wenn es mehr Inflation bedeutet. Der Ökonom hat insofern recht, als Griechenland und in Maßen auch andere Euro-Staaten Erleichterungen brauchen. Sie brauchen Wachstumsanreize und eine Streckung der Sparziele, um ihr Volk während der Reformen bei der Stange zu halten. In Wahrheit kann das die Kanzlerin den angeschlagenen Staaten auch zugestehen - und die EZB kann einspringen, wenn es eng wird.

Krugman irrt jedoch in einem wesentlichen Punkt. Berlin kann zwar helfen, aber es ist nicht Washington. Die amerikanische Zentralregierung stützt Florida - und kann gleichzeitig die Gesetze ändern, damit im schwülen Süden keine neue Immobilienblase wächst. Berlin stützt die Griechen, genießt aber weniger Einfluss auf deren Wirtschaftspolitik. Es sind immer noch die Griechen selbst, die Europas Reformvorgaben umsetzen. Oder eben nicht. Jede Hilfe birgt für die Bundesregierung eine Gefahr: Sie könnte die Schmerzen der Reformen so stark lindern, dass Athens Politikern der Anreiz zum Reformieren fehlt. Wenn die Kanzlerin die Schleusen öffnet, riskiert sie nicht nur das Geld der Steuerzahler. Sie riskiert auch einen Stillstand bei den Reformen, ohne die Athen nicht im Euro zu halten ist.

Bei all der kurzfristigen Retterei geht dieser Gedanke gerade wieder unter: Die Währungsunion wird nur überleben, wenn Europa immer mehr zur politischen Union wird. Beispielsweise mit zentralen Etatvorgaben für die Staaten und einer zentralen Bankenaufsicht. Solange Europa wenig politische Union hat, darf die Bundesregierung nicht einfach die Schulden über Euro-Bonds vergemeinschaften - weil sie erstens das Geld ihrer Bürger verschleudert und zweitens nötige Reformen in den angeschlagenen Staaten hinauszögert.

Berlin (oder Brüssel) wird in Griechenland nie so viel Macht besitzen wie sie Washington in Florida ausübt. Damit der Euro zu retten ist, gilt es aber den Weg Richtung Washington zu gehen, viel mehr als bisher. Beim Euro-Gipfel kommende Woche haben die Regierungschefs die Chance, mehr Macht in die Zentrale zu verlagern - und sie müssen die Prozesse für alle Staaten fortsetzen, die den Euro behalten wollen. Sonst bringt all die Retterei keinen Erfolg, und nicht mal eine Atempause.

© SZ vom 20.06.2012/rela/luk
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