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Aufsichtsratschef:"Ein Problem mit US-Behörden"

Pötsch wus­ste früh von den Abgasproblemen in den USA und besprach sich mit Winterkorn.

Nur ein paar Leute sind es, die den innersten Machtzirkel bei Volkswagen bilden. Wolfgang Porsche natürlich, der wichtigste Vertreter der Familien Porsche und Piëch, der Hauptaktionäre des Autokonzerns. Matthias Müller, Vorstandschef. Und Hans Dieter Pötsch, Aufsichtsratschef und, was noch wichtiger ist, enger Vertrauter der beiden Familien. Pötsch wird in den obersten Etagen bei VW teilweise mehr Einfluss nachgesagt als Müller, dem eigentlichen Chef.

Pötsch, 66, kam nach Stationen bei BMW und anderen Unternehmen erst spät zu Volkswagen, im Jahr 2003. Über seine Rolle in der Abgasaffäre war bislang wenig bekannt. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts, im Jahr 2015 als damaliger Finanzvorstand die Aktionäre von VW nicht rechtzeitig genug informiert zu haben, welche finanziellen Folgen die Manipulationen von Schadstoff-Messungen haben könnten. Die Strafverfolger nennen aber keine Details. Die sind jetzt erstmals in jenem Schriftsatz nachzulesen, mit dem sich der Autokonzern gegen die Schadenersatzklagen von Aktionären wehrt. Demnach hatte Pötsch Ende Mai 2015, knapp vier Monate vor Beginn der Dieselaffäre, erstmals mit diesem Thema zu tun. Allerdings hat der damalige Finanzvorstand und heutige Aufsichtsratschef aus Sicht des Konzerns keine Schuld auf sich geladen.

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Nach Darstellung von VW wandte sich am 28. Mai 2015 der Leiter der Rechtsabteilung des Konzerns an Pötsch und informierte ihn sinngemäß über "ein Problem mit US-Behörden wegen Emissionen". Pötsch solle doch mit Vorstandschef Winterkorn einmal darüber reden. Pötsch wiederum habe nicht den Eindruck gehabt, dass es sich um ein besonders brisantes Thema handele. Ein paar Tage später, am 4. Juni 2015, sprach Pötsch dann Winterkorn am Rande eines Treffens mit VW-Aufsichtsräten in Salzburg auf das Abgasthema in den USA an. Als Pötsch (laut VW) in Salzburg sagte, er habe von VW-Problemen bei "Emissionstests in den USA" gehört, soll Winterkorn überrascht reagiert haben. Er soll gesagt haben, er werde das mit den zuständigen Ingenieuren erörtern.

Wiederum wenige Wochen später, am 23. oder 24. Juni 2015, fragte Pötsch bei Winterkorn nach. Der Vorstandschef soll geantwortet haben, er habe noch keine Rückmeldung erhalten und werde Pötsch "auf dem Laufenden" halten. Wiederum wenige Wochen später, Mitte Juli 2015, fragt Pötsch laut VW ein weiteres Mal bei Winterkorn nach. Der Vorstandschef soll sinngemäß erklärt haben: "Können Sie abhaken. Ist erledigt. Die Spezialisten kümmern sich."

Doch am 25. August 2015 tauchte das Thema im Konzernvorstand erneut auf. Winterkorn berichtete laut VW von Problemen bei der Zulassung neuer Dieselfahrzeuge in den USA. Das liege an "Altlasten". Woraufhin sich Pötsch nach der Sitzung bei Winterkorn nach dem Stand der Behördengespräche in den USA erkundigt und die Antwort bekommen habe, diese Gespräche liefen nicht reibungslos. Bei einer Videokonferenz am 8. September 2015, an der auch Pötsch teilnahm, wurden laut VW die rechtlichen Risiken, mögliche Lösungen der Emissionsprobleme und das weitere Vorgehen in den USA erörtert. Allgemeine Einschätzung in der Konzernspitze: alles nicht dramatisch. Pötsch sei Mitte September 2015 von einem finanziellen Risiko in Höhe von 150 Millionen Euro ausgegangen.