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ATU in der Krise:Letzte Ausfahrt

Recyclingzentrum der Autowerkstattkette ATU

Ein Recyclingzentrum der Autowerkstattkette ATU.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

ATU betreibt bundesweit 647 Autowerkstätten mit rund 12 000 Arbeitsplätzen und ist tief in der Krise. Mit Norbert Scheuch kommt jetzt ein neuer Chef, der sechste in zwölf Jahren. Er soll im Auftrag des Finanzinvestors sanieren. Aber schafft er das? Besuch in einem Krisenzentrum.

Norbert Scheuch macht sich gar nicht die Mühe, freundlich dreinzublicken. Mit finsterer Miene sitzt er in seinem schmucklosen Büro mit merkwürdig königsblau bemalten Wänden. Es ist klar, dass er nicht zum Spaß hier ist. Und man sieht dem Arbeitszimmer an, dass der Manager noch nicht lange da ist. Keine persönlichen Dinge liegen herum. Vielleicht will Scheuch damit auch sagen, dass er nicht lange bleiben will. Seit sechs Wochen ist der 54-Jährige Geschäftsführer der Autoteile-Kette ATU im oberpfälzischen Weiden. Er muss das Unternehmen mit zuletzt 1,2 Milliarden Jahresumsatz, mit 647 Filialen und 12 000 Beschäftigten vor dem Untergang retten. Der Neue im ATU-Chefbüro ist keineswegs sicher, ob er das schafft. "Ich kann nicht versprechen, dass es funktioniert." Mehr kann er nicht sagen.

Dem 1985 von Peter Unger als Auto-Teile Unger gegründeten Unternehmen, das in ganz Deutschland Autowerkstätten und Läden betreibt, geht es nicht gut. Anfang des Jahres schien die Marke mit den drei Buchstaben am Ende zu sein. Negative Eigenkapitalquote heißt das BWL-Wort für Überschuldung. ATU hätte auf einen Schlag 625 Millionen Euro Schulden zurückzahlen müssen. "Das hätten wir nicht leisten können", sagt ein ATU-Manager.

Krisenspezialist Scheuch

ATU-Neuling Scheuch versteht sich selbst als Spezialist für schwierige Fälle bei mittelständischen Firmen. Zuletzt war der Nürnberger Geschäftsführer des Betonpumpenherstellers Putzmeister, den er erfolgreich aus der Krise brachte und dann an einen chinesischen Investor verkaufte. "Ich bin nicht zartbesaitet. Ich habe schon ein paar Sanierungen gemacht", sagt Scheuch selbstbewusst. Er will das packen, auch hier in der Oberpfalz. Das ist er seinem Ruf als erprobter Brandlöscher schuldig. In Weiden ist erst einmal die betriebswirtschaftliche Brechstange für schnelle Kostensenkung sein wichtigstes Werkzeug. Feinsinnige Strategien für die ATU-Zukunft will er irgendwann anderen überlassen. Er ist nur der Sanierer. Scheitert Scheuch, wird ATU zum nächsten Katastrophenfall im deutschen Handel - nach dem Desaster bei der Drogeriekette Schlecker.

Der Abstieg von ATU ist Wasser auf die Mühlen derer, die Finanzinvestoren für ein Übel halten. Für mehr als 700 Millionen Euro verkaufte Gründer Peter Unger seine 1985 gegründete Erfolgsfirma 2002 an die Investment-Gesellschaft Doughty Hanson & Co. Die Briten hatten große Pläne. ATU sollte an die Börse gehen. Eine Medienkampagne wurde gestartet, aber der Plan misslang. ATU wurde 2004 für 1,45 Milliarden Euro an die US-Finanzgesellschaft Kohlberg, Kravis, Roberts (KKR) weitergereicht. Beide Investment-Gesellschaften hatten nach klassischer Private-Equity-Manier der Firma den hohen Kaufpreis als Schulden in die Bilanz geschoben. Das war das Ende der Erfolgsgeschichte, die Belastung war zu groß. Noch heute sind bei ATU einige sauer auf den Gründer, der Kasse machte und noch heute aus nur ein paar Hundert Metern Entfernung in Weiden dem Abstieg seiner Firma zuschaut.

ATU verschliss seit 2002 fünf Geschäftsführer. Scheuch ist die Nummer sechs. Ein deutlicheres Zeichen für die Ratlosigkeit der Eigentümer gibt es kaum. Und die Belegschaft leidet. Jeder Chef hatte andere Ideen, klagen Mitarbeiter. "Das war eine schreckliche Slalomfahrt", beschreibt ein Betriebsrat den Schlingerkurs von ATU. Die Zinsen drückten, die Ergebnisse wurden schlechter. "Irgendwann hat man ein Problem", sagt der Arbeitnehmervertreter. Ende 2013 war das gesamte Kapital verbrannt. Die Investoren gerieten in Panik. KKR schrieb entnervt rund eine halbe Milliarde Euro als Verlust ab und überließ die Krisenfirma der Investmentfirma Centerbridge Partners für einen Euro. "KKR wollte unbedingt einen Image-Schaden vermeiden", heißt es in Weiden. Die neuen Eigentümer schossen noch einmal einen dreistelligen Millionenbetrag ein, um die Bilanz wieder ins Lot zu bringen und Geld in die Kasse zu bringen. ATU überlebte. Aber kriegt die Werkstattkette die Kurve?