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Atomkraft:Klimaschutz per Kernspaltung

A man rides his bicycle away from the the cooling towers of the Temelin nuclear power plant near Tyn nad Vltavou

Kraftwerk nahe der tschechischen Stadt Týn nad Vltavou. Vor allem osteuropäische Staaten wollen die Atomenergie vorantreiben.

(Foto: Petr Josek/Reuters)

Vor dem EU-Gipfel kommende Woche drängen mehrere Staaten in Osteuropa auf eine Renaissance der Reaktoren.

Von Michael Bauchmüller und Karoline Meta Beisel, Berlin

Beim Klimaschutz will sich Bulgarien nichts vormachen lassen. "Umwelt und Klima waren immer weit oben auf unserer politischen Agenda", schreibt die Regierung in Sofia. Auch das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 unterstütze man. Danach kommen eine Reihe von Abers. Solche Papiere kursieren derzeit viele in Brüssel. Nächste Woche sollen die Staats- und Regierungschefs der EU das Klimaziel für 2030 neu justieren, auf dem Weg zu eben jener Klimaneutralität. Vorab speisen die Staaten ihre Positionen ein, und die sind in einigen Fällen bemerkenswert: Denn vor allem osteuropäische Staaten wollen den verschärften Klimaschutz dazu nutzen, die Atomenergie voranzutreiben.

Nuklearenergie sei "eine erwiesenermaßen emissionsfreie Quelle", schwärmt etwa Bulgarien. Sie habe "eine Schlüsselrolle bei der Sicherung nicht nur der nationalen, sondern auch regionalen und europäischen Energiesicherheit". Auch Rumänien pocht auf Freiheit bei der Auswahl so genannter "low-carbon"-Technologien, die wenig CO₂ ausstoßen, inklusive der Kernenergie. Ungarn, die Slowakei, Tschechien - ihre Eingaben klingen alle ähnlich. Und stets kommt die Forderung im Gewand der "Technologieneutralität" daher, flankiert vom Bekenntnis zur Klimaneutralität. Nur Rumänien und Polen erwähnen überhaupt erneuerbare Energie als mögliche Quelle.

Die Frage des Energiemixes ist seit jeher heikel in der EU - traditionell aber Sache der Mitgliedstaaten. Atomausstiegs-Länder wie Deutschland und Österreich wollen von neuer Kernkraft nichts wissen, andere nicht darauf verzichten - oder zumindest nicht auf die Option darauf. In diesem Fall liegt die Sache aber besonders unangenehm: Denn ausgehandelt wird das Klimapaket während der deutschen Ratspräsidentschaft. Ein mit Klimaschutz garniertes Lob auf die Kernkraft dürfte Deutschland kaum schmecken.

Zumal das längst nicht die größte Baustelle ist: Denn die Staaten sollen sich auch darauf verständigen, wie stark sie die Emissionen bis 2030 senken - und welcher Rechenweg dabei zum Einsatz kommt. Das Parlament verlangt eine Minderung um 60 Prozent unter die Werte von 1990. Die Kommission plant mit mindestens 55 Prozent - netto. Damit ließen sich auch "negative" Emissionen anrechnen, etwa aufwachsende Wälder. Einige Prozentpunkte ließen sich so gewinnen. "Ganz schmutzige Buchungstricks" drohten hier, warnt Greenpeace-Klimaexperte Sebastian Mang. "Ein solcher Beschluss würde einen dunklen Schatten über die deutsche EU-Präsidentschaft werfen." Auch die Mitgliedstaaten sind hier gespalten - weil sie eher von schrumpfenden als von wachsenden Wäldern ausgehen.

Die Sympathien für die Kernkraft werden auch an anderer Stelle laut. Denn wenige Tage nach den Staats- und Regierungschefs schalten sich auch die EU-Umweltminister zusammen. Eines ihrer Themen: der künftige europäische Wasserstoffmarkt. Wasserstoff, der sich aus Strom herstellen lässt, gilt als Wunderwaffe für die Industrie. Viele Probleme ließen sich mit ihm lösen, von den Emissionen der Stahlindustrie über die Chemie bis hin zu den Kraftstoffen der Zukunft: Mit "grünem", aus erneuerbaren Energien gewonnenen Wasserstoff ließen sich nahezu überall fossile Energien ersetzen. So die Theorie.

Doch in die Entwürfe zu dem Umweltminister-Treffen haben sich nun auch die "low-carbon"-Technologien eingeschlichen, und wo einst die erneuerbaren Energien alleiniger Quell des Wasserstoffs sein sollten, sind jetzt nur noch "insbesondere" erneuerbare Energien gefragt. Womit die Tür einen Spalt breit offen dafür wäre, in Zukunft auch aus Atomenergie Wasserstoff herzustellen. Natürlich der Klimaneutralität zuliebe.

© SZ
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