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Arbeitsmarkt:Corona stoppt 14 Jahre langen Aufschwung

Frauen verlieren in Corona-Krise mehr Arbeitszeit

Im produzierenden Gewerbe, der klassischen Industrie, schrumpfte die Zahl der Arbeitnehmer um 200 000 auf gut acht Millionen.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Die Zahl der Arbeitnehmer und Selbständigen ist 2020 um eine halbe Million geschrumpft. Erstmals seit Mitte der Nullerjahre haben wieder weniger Deutsche einen Job.

Von Alexander Hagelüken

Die Corona-Pandemie hat einen Aufschwung am Arbeitsmarkt gestoppt, der fast eineinhalb Dekaden angehalten hatte. Wie das Statistische Bundesamt meldet, gab es 2020 im Schnitt nur noch 44,8 Millionen Arbeitnehmer und Selbständige in Deutschland. Das waren eine halbe Million weniger als ein Jahr zuvor.

Damit endet ein Aufwärtstrend, der selbst die schwere Rezession der Finanzkrise 2008/2009 überdauert hatte. Zwar ließ die Corona-Pandemie die Konjunktur ähnlich stark einbrechen, diesmal allerdings schrumpfte auch die Zahl der Arbeitnehmer und Selbständigen. Besonders stark waren Bürger betroffen, die einen Minijob hatten oder als Leiharbeiter tätig waren. Solche Stellen streichen Firmen in der Krise zuerst. Weitaus besser lief es bei klassischen sozialversicherten Arbeitsplätzen: Die massive staatliche Bezuschussung von Kurzarbeit für zeitweise mehr als sechs Millionen Beschäftigte rettete hier viele Jobs.

Auf einzelne Wirtschaftsbereiche wirkte sich die Corona-Krise sehr unterschiedlich aus. So nahm die Erwerbstätigkeit in der Baubranche, in der mehr als zweieinhalb Millionen Deutsche arbeiten, sogar leicht zu. Ebenfalls mehr Beschäftigte, und zwar 150 000, gab es bei staatlichen Arbeitgebern, Gesundheit und Erziehung. Im produzierenden Gewerbe, der klassischen Industrie, schrumpfte die Zahl dagegen um 200 000 auf gut acht Millionen. Bei den Dienstleistungen war der Rückgang insgesamt etwas schwächer, einzelne Branchen wie Handel, Verkehr und Gastgewerbe sowie die Firmendienste, zu denen auch die Leiharbeit gehört, traf es jedoch besonders hart. Hier ging die Beschäftigung zusammen um 350 000 Jobs zurück.

Prozentual doppelt so stark war der Rückgang bei den Selbständigen: Viele Taxifahrer, Künstler oder Kosmetiker waren im vergangenen Jahr immer wieder von Schließungen oder dem Wegbleiben von Kunden betroffen. Insgesamt schrumpfte die Zahl der Selbständigen um 150 000 auf vier Millionen. Damit setzt sich ein seit neun Jahren andauernder Abwärtstrend fort.

Der Strukturwandel bleibt eine Herausforderung

Wie es am Arbeitsmarkt weitergeht, hängt stark davon ab, wie schnell sich die Wirtschaft von der Corona-Pandemie erholt. An diesem Dienstag veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit Daten, die die Auswirkungen des erneuten Teil-Lockdowns im November und Dezember zeigen. Insgesamt ist kein erneuter Einbruch wie im Frühjahr 2020 zu erwarten, schätzt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Damals war die Arbeitslosigkeit rasch um eine halbe Million gestiegen.

Weber geht davon aus, dass viele Betriebe - unterstützt von Kurzarbeit und andere Hilfen - ihre Beschäftigten halten, statt sie zu entlassen. "Inzwischen wissen wir, woran wir mit einem Lockdown sind. Und heute können wir damit rechnen, mit den Impfungen die Pandemie in den Griff zu bekommen." Allerdings blieben sowohl die Corona-Einschränkungen als auch der Strukturwandel in der Autobranche und dem Einzelhandel 2021 weiter eine Herausforderung für den Arbeitsmarkt.

Der langfristige Vergleich mit dem Beginn des Jobbooms 2007 zeigt, dass sich die Wirtschaft permanent verändert. So sank die Beschäftigung im Agrarsektor trotz des allgemeinen Booms seitdem um mehr als ein Zehntel. In der Industrie gibt es nur knapp fünf Prozent mehr Erwerbstätige als 2007. Die Beschäftigung bei Dienstleistern nahm dagegen um vier Millionen oder 14 Prozent auf 33,5 Millionen zu - hier arbeiten inzwischen vier Mal so viele Menschen wie in der Industrie.

© SZ/vit
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