bedeckt München 21°

Amazon:Der Überwacher

Der Internet­händler aus Seattle hat ein neues Betätigungsfeld entdeckt: Überwachung. Seit gut zwei Jahren verkauft Amazon eine künstliche Intelligenz zur Gesichtserkennung. Bürgerrechtler protestieren gegen die Software.

Die künstliche Intelligenz, wirbt Amazon, "erkennt alle unangemessenen Inhalte". Sie identifiziert "Objekte, Personen, Texte, Szenen und Aktivitäten". Der Internethändler aus Seattle hat ein neues Betätigungsfeld: Überwachung.

Amazon verkauft seit gut zwei Jahren eine künstliche Intelligenz zur Gesichtserkennung, unter anderem an die Polizei. Das Programm namens Rekognition hat Zugriff auf die Datenbanken, die Polizisten auswählen - und zwar nicht nur auf die Register der Straftäter. Viele lokale Polizeiverwaltungen und das FBI haben Führerschein- und Ausweisfotos von unbescholtenen Bürgern in Gesichtserkennungs-Systeme eingepflegt. Laut einer Schätzung der Universität Georgetown hatte Gesichtserkennungssoftware schon 2016 Zugang zu Bildern von jedem zweiten amerikanischen Erwachsenen. Rekognition gehört zu Amazons Tochterfirma Web Services, die Daten von Unternehmen wie Netflix oder Siemens und von Nasa und CIA auf ihren riesigen Servern speichert.

Das Programm könne Menschen zum Beispiel vom Demonstrieren abhalten

Der Sheriff des Bezirks Washington im Bundesstaat Oregon benutzt Rekognition, um Verdächtige in Überwachungsbildern etwa nach einem Überfall schnell mit einer Datenbank von mehr als 300 000 Fotos aus dem Bezirksgefängnis zu vergleichen. Die Polizei in Orlando in Florida will die Technik deutlich breiter einsetzen. Sie prüft, ob Rekognition verwendet werden kann, um "Personen von Interesse" in öffentlichen Plätzen zu erkennen und Beamte in Echtzeit auf sie hinzuweisen. Orlando hat bereits viele Überwachungskameras aufgehängt, Rekognition könnte auch Zugang zu den Kameras an den Uniformen der Polizisten und Drohnenbildern bekommen. Wie viele Polizeistationen Rekognition verwenden, ist nicht bekannt.

Für die Polizei ist die künstliche Intelligenz erwünscht, um Straftaten aufzuklären und zu verhindern. Bürgerrechtsgruppen protestieren dagegen in einem offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos. Sie sehen in dem Geschäft nicht nur einen Angriff auf die Privatsphäre, sondern sogar auf die Demokratie. Das Programm könne Menschen zum Beispiel vom Demonstrieren abhalten. Amazons Software sei ein weiterer Schritt zum Überwachungsstaat: "Die Leute sollten die Freiheit haben, die Straße entlang zu gehen, ohne von der Regierung beobachtet zu werden."

Amazon ist längst nicht der einzige Anbieter, der solche Software an die Polizei verkauft. Er sei aber besonders gefährlich, weil der Konzern wegen seiner Größe die Technik billiger und so schnell zum Standard machen könne. Die Bürgerrechtsgruppe ACLU hat herausgefunden, dass Washington County im Monat nur sechs Dollar für den Dienst zahlt.

Auf die Kritik der Bürgerrechtler angesprochen, teilte Amazon Web Services mit, dass man seine Kunden stets auffordere, sich an das Gesetz zu halten. Der Service habe viele gute Anwendungsmöglichkeiten: Freizeitparks nutzten ihn, um verlorene Kinder aufzuspüren. Auch Medienhäuser wie die New York Times setzen Rekognition ein, um etwa bei der britischen Adelshochzeit die Prominenten unter den Zuschauern zu identifizieren.

  • Themen in diesem Artikel: