Aktien Eine Börse sucht nach mehr Gerechtigkeit

Ein Spekulant bei der Arbeit, hier ein Ausschnitt aus dem Film "The Big Short".

(Foto: Imago)
  • Die IEX will einer umstrittenen Gruppe das Geschäft kaputt machen: den Hochfrequenzhändlern.
  • Dazu hat die IEX einen 350 Mikrosekunden kurzen Halt eingerichtet: Alle Aufträge werden erst durch ein langes Zusatzkabel geleitet. Das wirkt wie eine Bodenwelle, die im Verkehr Autos ausbremst.
Von Kathrin Werner, New York

Brad Katsuyama sieht sich als Kämpfer für den kleinen Mann an der Wall Street. Der 38-Jährige ist der Held in dem Bestseller"Flash Boys" von Michael Lewis. Seit das Buch 2014 erschien, gibt es niemanden, der Katsuyama nicht kennt an der Wall Street. Und das nicht, weil er ein besonders gewiefter Zocker oder genialer Investmentmanager ist, sondern ganz im Gegenteil. "Ich glaube, die Märkte sind manipuliert", sagte er einmal und meinte: manipuliert zu Lasten der Kleinanleger. Der Gründer und Vorstandschef der neuen New Yorker Börse IEX ist seither das Gesicht für die Hoffnung auf einen gerechteren Börsenhandel. Am Freitag legt die neue Börse los.

Die IEX will einer umstrittenen Gruppe das Geschäft kaputt machen: Hochfrequenzhändlern. Die neue Börse, die Katsuyama erfand, will Blitzhändler ausbremsen, die sich mit Supercomputern einen nur Bruchteile einer Sekunde großen Zeitvorsprung verschaffen und so schneller sind als normale Anleger. Vor allen eingehenden Handelsaufträgen hat die IEX einen 350 Mikrosekunden kurzen Halt eingerichtet, kürzer als ein Wimpernschlag. Alle Aufträge leitet die IEX erst durch ein 61 Kilometer langes Zusatzkabel - wie eine Bodenwelle, die Autos davon abhält, durch die Spielstraße zu rasen.

Der technische Fortschritt hat die Märkte enorm verändert

IEX steht für Investor's Exchange, also: Börse des Anlegers, weil alle Anleger hier die gleichen Chancen haben sollen. Katsuyama glaubt, dass der Hochfrequenzhandel die Preise für Aktien nach oben treibt, ein Nachteil für normale Investoren, den er nicht dulden will. Hinter der neuen Börse steckt Katsuyamas Startup, das bislang die IEX als privaten Handelsplatz anbot, als so genannten Dark Pool, und dort auf weniger als zwei Prozent des amerikanischen Handelsvolumens kam. Mehrere Fondsgesellschaften, Hedgefonds und Wagniskapitalgeber unterstützen die IEX. Es ist ein Durchbruch, dass sie sich nach komplizierter Genehmigung jetzt neben den großen Börsen wie der New York Stock Exchange und der Nasdaq einreiht.

Durch technische Fortschritte haben sich die Märkte enorm verändert. Seit einigen Jahren gibt es den so genannten Hochfrequenzhandel, ein umstrittenes System zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren wie Aktien und Derivaten, der komplett über Computer abgewickelt wird. Die Computer verarbeiten Daten, zum Beispiel den Index zum Konsumentenvertrauen der University of Michigan, der meist die Märkte bewegt. Auf Basis der Information leiten sie automatischen einen Wertpapierauftrag weiter. Eine kleine Gruppe Händler mit besonders guter technischer Ausstattung hat sich so zwischen die Börsen und alle anderen Anleger geschoben.

Weil ihre Computer einfach schneller Informationen verarbeiten und Aufträge an die Handelsplätze schicken, können sie bei jedem Geschäft einen winzigen Vorteil für sich erlangen. Dazu brauchen sie schnelle Datenleitungen und Computerprogramme. Lewis beschreibt in "Flash Boys", wie ein Börsendienstleister extra für die Hochfrequenzhändler ein Glasfaserkabel auf einer beinahe exakt geraden Linie von Chicago nach New Jersey verlegte, wo viele Server für den Aktienhandel stehen. Das Kabel ist 1331 Kilometer lang, kostete gut 300 Millionen Dollar, geht durch Flüsse und durch neu freigesprengte Tunnel, nur damit die Zeit, die ein Börsenauftrag braucht, von 17 auf 13 Millisekunden sinkt. Wer über eine normale Verbindung Aktien kaufte, hatte keine Chance gegen den Vorteil der vier Millisekunden.

Mit Hilfe des Turbohandels werden Preisdifferenzen eines Wertpapiers in verschiedenen Märkten wie Chicago und New Jersey ultraschnell ausgeglichen. Früher dauerte der Ausgleich einige Sekunden, mit Hilfe der Computeralgorithmen inzwischen nur noch Bruchteile von Sekunden - und irgendwo verdient ein Blitzhändler damit Geld. Menschen überprüfen die Geschäfte der Computer nicht mehr, sie sind nicht schnell genug. Deshalb gelten die Hochfrequenzhändler auch als Hauptschuldige des so genannten Flash-Crashs. Weil die Computer bei stärkeren Marktbewegungen automatisch reagieren, können sie eine Abwärtsspirale auslösen so wie am Nachmittag des 6. Mai 2010, als ohne ersichtlichen Grund der Leitindex S&P 500 innerhalb von sechs Minuten um fast sechs Prozent sank und der Dow-Jones-Index beinahe 1000 Punkte abgab. Die Systeme führten Verkaufsorders aus, weil bestimmte Grenzen unterschritten wurden.

Inzwischen ist der Hochfrequenzhandel Teil des Handelsalltags. Rund 55 Prozent des gesamten Handels an amerikanischen Börsen laufen inzwischen über die superschnellen Computertrader. An europäischen Handelsplätzen sind es etwa 40 Prozent. Die US-Börsenaufsicht SEC hat auf die Kritik bereits reagiert und die Kontrollmechanismen verbessert. Auch das Justizministerium und das FBI ermittelten.

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Die Tricks, die das Buch "Flash Boys" aufdeckte, kommen seither nicht mehr so oft vor. Ob die Kritik, dass der Hochfrequenzhandel Preise für Kleinanleger treibt, überhaupt stimmt, ist umstritten, weil der Unterschied zwischen An- und Verkaufspreisen gesunken ist. Viele Händler und Marktbeobachter glauben auch nicht, dass Hochfrequenzhandel die Börse unfair macht. Dass manche Händler mehr wissen als andere sei Grundlage des Handels.

Jeffrey Sprecher, dessen Unternehmen ICE die New York Stock Exchange gehört, nannte die Gleichmacherei hinter der IEX "unamerikanisch". Katsuyama hat mit seinen Vorwürfen der Marktmanipulation viele wichtige Händler gegen sich aufgebracht. Nun muss er zeigen, ob es ihm gelingt, genug an seine Börse zu locken, um über Gebühren Gewinne zu machen.