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Air Berlin:Tschüss Malle

Air Berlin trat einst an, um die große Lufthansa knallhart anzugreifen. Geklappt hat das nie. Nun erwägen die Berliner überraschend, das wichtige Ferienfluggeschäft zu verkaufen.

Die Investoren reagierten geradezu euphorisch. Dass die Lufthansa das Ferienfluggeschäft der Air Berlin übernehmen könnte, diese Nachricht trieb den Air- Berlin-Aktienkurs steil nach oben. Am Mittwochnachmittag lag er 26 Prozent über Vortagesniveau. Der Kurssprung zeigt, wie sehr die Anleger hoffen, dass ein solches Geschäft der Ausweg sein könnte aus der jahrelangen Misere der Air Berlin. Es ist allerdings nicht auf den ersten Blick klar, worauf die Börsianer ihren plötzlichen Optimismus in Sachen Air Berlin gründen. Und auf den zweiten Blick auch nicht. Denn es ist noch ungewiss, ob das geplante Geschäft zustande kommt, und auch, ob es die Wettbewerbsbehörden dann gutheißen werden. So oder so bleiben Kernprobleme von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft ungelöst.

Nach Informationen aus Branchenkreisen sprechen Air Berlin und Lufthansa derzeit darüber, ob und wie das etwa 40 Flugzeuge umfassende Touristikgeschäft der Berliner in die neue Lufthansa-Billigsparte Eurowings integriert werden könnte. Dabei handelt es sich dem Vernehmen praktisch um alle Strecken, die nicht die beiden Air-Berlin-Hauptstandorte Düsseldorf und Berlin berühren. Zum Verkauf stünde damit weniger als ein Drittel der Flotte von derzeit 148 Flugzeugen. Die Maschinen fliegen von zahlreichen deutschen Flughäfen vor allem Strecken zu Urlaubszielen rund um das Mittelmeer, namentlich Mallorca ("Malle"). Die beteiligten Unternehmen wollten sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern. Das Handelsblatt hatte zuerst über die Gespräche berichtet.

Air Berlin wurde vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren groß als Spezialist für Ferienflüge ans Mittelmeer. Später vollzog der langjährige Konzernchef Joachim Hunold eine verhängnisvolle Wende: Er wollte die Airline als Anbieter im Geschäftsreisesegment positionieren. Das brachte Air Berlin in direkte Konkurrenz zur Lufthansa. Dafür kaufte Hunold die Deutsche BA und LTU. Die Flugbetriebe sind bis heute nicht vollständig integriert - einer der Gründe dafür, warum bei Air Berlin die Personalkosten aus dem Ruder laufen. 2015 etwa stiegen sie um zwölf Prozent. Gleichzeitig ist es nie gelungen, Lufthansa gefährlich zu werden. Im Gegenteil: Air Berlin häuft trotz sinkender Kapazität immer weiter steigende Verluste an.

Anfang 2012 beteiligte sich Etihad Airways mit 29 Prozent an Air Berlin und hält ihre deutsche Beteiligung mit immer neuen Finanzhilfen am Leben. 2015 machte Air Berlin einen operativen Verlust von 307 Millionen Euro, im ersten Quartal 2016 waren es 172 Millionen. Das Eigenkapital der Firma ist seit Langem negativ. Es drücken Schulden von rund 850 Millionen Euro.

Lufthansa und Condor haben das Etihad-Engagement bei Air Berlin über Jahre massiv politisch bekämpft. Doch zuletzt setzte sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass eine schwache Air Berlin Lufthansa weitaus unangenehmere Konkurrenz wie Easyjet und Ryanair auf dem deutschen Markt vom Leib hält. Angeblich hat Air Berlin auch andere potenzielle Käufer für das Touristikgeschäft kontaktiert, unter anderem Easyjet. Deren Einstieg käme Lufthansa sehr ungelegen.

Air Berlin sucht nach Geld

Wenn Air Berlin Flugzeuge stilllegen muss, werden viele Kunden das Nachsehen haben.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Die großen Verluste macht das Unternehmen mit Geschäftsreisen

Etihad versucht, Air Berlin noch stärker zu einer Fluggesellschaft mit Fokus auf Geschäftsreisende umzukrempeln und hat daher vor allem Interesse an den Zubringerflügen nach Düsseldorf und Berlin und an einigen der Langstrecken. Air-Berlin-Chef Stefan Pichler, der Anfang 2015 Wolfgang Prock-Schauer ablöste, wollte zunächst stark auf die Touristik setzen, hat aber offenbar die Rechnung ohne Etihad gemacht und mittlerweile eine Wende um 180 Grad vollzogen. Pichler betont, Air Berlin werde nun ein "Netzcarrier".

Doch es gibt dabei ein großes Problem: Das Touristikgeschäft ans Mittelmeer passt zwar weniger zum Etihad-Modell. Allerdings laufen zumindest einige Teile der Ferienflüge bei Air Berlin noch ganz gut, die großen Verluste fliegt das Unternehmen Insidern zufolge auf den Geschäftsreisestrecken innerhalb Europas ein. Genau diese würden aber bei der immer noch rund hundert Flugzeuge großen Rest-Air Berlin verbleiben. Die Frage ist, wie es gelingen kann, den Teil der Fluggesellschaft zu sanieren, den Etihad im eigenen Verbund behalten würde. In Air-Berlin-Kreisen rechnen manche mit noch drastischeren Entscheidungen: Teile des Managements befürchten, dass Air Berlin noch vor Ende dieses Jahres vollständig zerschlagen werden könnte. Der verbleibende Rest würde bei der italienischen Fluggesellschaft Alitalia eingegliedert, an der Etihad einen Anteil von 49 Prozent hält. Air Berlin und Alitalia hatten unlängst beschlossen, kommerziell enger zusammenzuarbeiten.

Zu Lufthansa würden die Touristikflüge hingegen gut passen: Sie will die Billigsparte Eurowings schnell wachsen lassen und dazu andere Flugbetriebe übernehmen. Am Mittwochabend gab Lufthansa-Chef Carsten Spohr überraschend bekannt, dass der Konzern den Vorjahresgewinn von 1,8 Milliarden Euro nicht werde erreichen können. Als Grund nannte er den Buchungsrückgang wegen der jüngsten Terrorattacken und politischer Unsicherheit.

Ob es zu der Übernahme kommt, hängt aber noch von einer anderen Frage ab: Eurowings/Lufthansa hätten zusammen mit dem Air-Berlin-Teil an deutschen Flughäfen wie Stuttgart, Hamburg oder Nürnberg einen sehr hohen Marktanteil. Das Bundeskartellamt würde sich das sicher genau ansehen. Nach SZ-Informationen favorisiert die Bundesregierung jedoch für Air Berlin eine "deutsche Lösung", Branchenkreisen zufolge gibt es bereits Gespräche dazu, wie die Air-Berlin-Strecken mitsamt den Slots an den Flughäfen an Eurowings übertragen werden könnten.