3. September 2018, 13:48 Rheinau "Mini-Schweiz" testet das Grundeinkommen

Von Charlotte Theile

Es braucht nicht viel, damit ein Freitagabend zu etwas Besonderem wird. Zumindest nicht in Rheinau, einer Ortschaft mit 1300 Einwohnern in den Ausläufern des Kantons Zürich. Das Blues-Konzert unten im Kloster beschäftigt die Gemeinde seit Wochen. Noch wichtiger allerdings ist das, was an diesem Abend in der Mehrzweckhalle in der Mitte des Dorfes stattfindet.

Einige Hundert Menschen sitzen dicht an dicht, den Blick auf eine Powerpointpräsentation gerichtet. "Guete Obig Rheinau", guten Abend Rheinau, ist dort zu lesen. Gemeindepräsident Andreas Jenni steht im Foyer und begrüßt jeden Gast mit Handschlag. 360 Stühle haben sie aufgestellt, auf jedem liegen Kugelschreiber und Anmeldeformular bereit. Schon zehn Minuten vor Beginn sind alle Plätze belegt.

Wer die Schweiz kennt, weiß: Es geht um Geld.

Die Bürger von Rheinau haben sich an diesem Abend Ende August versammelt, weil sie hoffen, von 2019 an finanzielle Vorteile zu genießen. Normalerweise spreche er hier vor ein paar Dutzend Menschen, scherzt Andreas Jenni, heute richten sich Kameras und Mikrofone aus der ganzen Schweiz auf Rheinau. Ein Team von Wissenschaftlern ist angereist, um die Einwohner zu beobachten, eine ziemlich aufgeregte Regisseurin appelliert an Pioniergeist und Idealismus - es handle sich schließlich um eines der wichtigsten Themen unserer Zeit: das bedingungslose Grundeinkommen.

Arbeit und Soziales Das Grundeinkommen ist nicht egalitär, sondern elitär
Bedingungsloses Grundeinkommen

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Alle hier im Saal, junge Familien, Gymnasiasten, Rentner, Gutverdiener sollen Teil eines groß angelegten Experiments werden, ein Jahr lang 2500 Franken (etwa 2220 Euro) als bedingungslosen Grundstock erhalten. Das lohnt sich besonders für all jene mit kleinem Einkommen: Wer mehr als 2500 Franken verdient, muss das Grundeinkommen am Ende des Monats wieder zurückzahlen.

Die Idee dazu stammt von Regisseurin Rebecca Panian. "Irgendwann habe ich beschlossen, dass ich mein Leben nicht mehr nach einem Job ausrichten möchte, nicht mehr einfach Geld verdienen und sparen will. Stattdessen wollte ich das tun, was mich begeistert." In der Mehrzweckhalle ist es jetzt so still, dass man die Anmeldeformulare knistern hört.

Panian erzählt von der Abstimmung im Juni 2016, als die ganze Schweiz über demokratische Teilhabe, gute und schlechte Arbeit und die Frage, was man eigentlich zum Leben brauche, diskutierte. Spannend sei das gewesen, sagt die 39-Jährige. Aber auch sehr theoretisch. "Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: Warum probieren wir das nicht einfach mal aus?" Die Idee für das Projekt "Dorf testet Zukunft" und den Dokumentarfilm darüber war geboren.

2017 ging Panian auf die Suche nach einem Schweizer Dorf, das sich auf das Experiment einlassen würde. In Rheinau, glaubt die Schweizerin, die teilweise in Berlin lebt, habe man nun das ideale Testgebiet gefunden: Einen Durchschnittsort, eine "Mini-Schweiz", klein und übersichtlich. Panian übergibt an das wissenschaftliche Team.

Die Forscher berichten von der Entkoppelung von Arbeit und Kapital, von selbstfahrenden Autos und einer gerechteren Entlohnung von Hausarbeit. Eine junge Mutter berichtet auf der Bühne von ihrem Plan, endlich wieder als Schneiderin tätig zu sein. "Ich glaube: Ganz viele Mamis hier in Rheinau könnten sich noch mal etwas Neues vorstellen. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen wäre das plötzlich möglich." Ein Blick ins Publikum zeigt: Die Frauen sind an diesem Abend leicht in der Überzahl, viele nicken bei diesen Worten.

Für die Gemeinde Rheinau ist der Versuch fast ohne Risiko. Das Geld soll per Crowdfunding, also Schwarmfinanzierung, zusammenkommen. Einzige Bedingung: Mehr als die Hälfte der Einwohner erklärt sich bereit, an dem Experiment teilzunehmen - für viele Rheinauer bedeutet das vor allem administrativen Aufwand.

Darf man sich mit dem Geld in die Karibik absetzen?

Das Durchschnittsgehalt der Schweiz liegt bei gut 6000 Franken (etwa 5500 Euro). Jeder, der mehr verdient als das Grundeinkommen, bekommt es zwar zu Beginn des Monats überwiesen. Ende des Monats allerdings muss er den vollen Betrag zurückschicken. "Es geht ja beim Profitieren nicht nur um finanzielle Vorteile", sagt Panian. "Ich bin überzeugt, wenn es in der Dorfgemeinschaft vielen Menschen besser geht, profitieren auch die davon, die kein Geld von uns bekommen."

Dann geht der Abend in die "heiße Phase" über. Mit buchhalterischer Genauigkeit wird gezeigt, wie ein Antrag auszufüllen ist, und vorgerechnet, wer unter welchen Umständen wie viel Grundeinkommen zu erwarten hat, die Rheinauer bekommen die Gelegenheit, Fragen zu stellen: Muss der Partner nach der Scheidung weiter Alimente zahlen? Antwort des Gemeindepräsidenten: "Ja. Und ich sage das, obwohl er ein Freund von mir ist." Bekommen Flüchtlinge auch Grundeinkommen? Darf man sich mit dem Geld in die Karibik absetzen? Und überhaupt: Wie viel muss man versteuern?

Am Schluss sind alle Fragen beantwortet, die Gemeinde verteilt Schokotaler in Form einer Goldmünze, in der Urne am Ausgang stapeln sich die Anmeldeformulare. Vor dem Gemeindehaus stehen kleine Gruppen zusammen, diskutieren über den Wert von Arbeit und die vielen Kameras, die sich plötzlich auf sie richten. Gemeindepräsident Andreas Jenni beantwortet die letzten Fragen, lädt dann alle ein, noch mit zum Blues-Konzert in den Klostergarten zu kommen. Dann lächelt er. "Ich glaube, das wird richtig gut."