Teesorte Earl Grey:Theorienumrankter Trank

Glasses of Earl Grey tea on plate close up PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY KSWF001158

Durch sein besonderes Aroma soll der Earl-Grey-Tee stimmungsaufhellend wirken.

(Foto: imago/Westend61)

Earl Grey gehört seit dem 19. Jahrhundert zu den beliebtesten Tees der Welt. Zu seinem Namen kam das Getränk angeblich durch einen ungewöhnlichen Unfall - oder war es doch anders? Eine Übersicht über zahlreiche Legenden.

Von Florian Welle

Tee ist ein wahrhaft legendäres Getränk. Schon immer hat er, der einst ein Luxusartikel war und heute Massenware ist, Geschichte und Geschichten "geschrieben". Bereits über seine Entstehung informiert eine Legende, die 5000 Jahre zurück in die Vergangenheit führt, ins China des Kaisers Shen Nung.

Damals fielen angeblich Blätter von der Teepflanze in einen Kessel mit heißem Wasser. Als der Kaiser die neue Mischung probierte, war er so angetan von Geschmack und Wirkung, dass er das Rezept im ganzen Land verbreiten ließ. Der Tee war erfunden.

Eine andere Legende bringt Bodhidharma, den Begründer des Zen, ins Spiel. Um beim Meditieren nicht einzuschlafen, kam er auf die Idee, sich die Augenlider abzuschneiden. Als diese zu Boden fielen, schlugen sie Wurzeln, aus denen schließlich ein Strauch austrieb, dessen Blätter der indische Mönch probierte und feststellte, dass sie ihn auf wunderbare Weise erfrischten und er beim Sitzen in Versenkung überhaupt nicht mehr müde wurde.

Der Namensgeber stieg bis zum Premierminister auf

Man muss gar nicht so weit zurückgehen, um auf eine andere Tee-Anekdote zu stoßen, um die sich viele Geschichten ranken. Die Rede ist von Earl Grey, der heute wohl populärste aromatisierte Tee, der im 19. Jahrhundert erschaffen wurde. Über seine Entstehung kursieren so viele "abenteuerliche Legenden", wie es auf einer Tafel im Teemuseum des ostfriesischen Städtchens Norden heißt, dass es einem schon mal leicht schwindelig werden kann.

Fast jeder kennt den frischen Wohlgeschmack des Earl Grey, der mit Öl aus der Schale der Bergamottefrucht parfümiert wird. Seine eigentümliche Zitrusnote wirkt angeblich stimmungsaufhellend. Vorausgesetzt, die Mischung aus verschiedenen, ursprünglich ausschließlich chinesischen Schwarztees und dem Öl, ist angemessen aufeinander abgestimmt.

Zu viel Bergamotte verleiht dem Tee etwas Seifiges, zu wenig lässt ihn fad schmecken. Kenner akzeptieren nur echtes Öl, das heute zum größten Teil in Kalabrien produziert wird und auch als grünes Gold firmiert, und keine naturidentischen Aromen. Sie genießen ihren Earl Grey pur, also ohne Milch und Zucker, aus porzellandünnen Tassen.

Namensgeber dieses Tees ist - wie könnte es anders sein - ein englischer Adeliger. Genauer: Charles Grey, 2. Earl Grey. Er wurde 1764 in Fallodon in der Grafschaft Northumberland geboren, zu einer Zeit, als Tee wenig später mit der Boston Tea Party und dem Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs nicht nur weltpolitisch bedeutsam werden wird, sondern auch im Begriff ist, zum britischen Nationalgetränk zu avancieren.

Importierte das Empire 1690 noch 10 000 Kilogramm Tee, waren es hundert Jahre später schon um die vier Millionen. Grey führte ein privat wie politisch bewegtes Leben - mit 22 Jahren wurde er Abgeordneter im Unterhaus, zeugte mit einer Herzogin ein uneheliches Kind, heiratete 1794 Mary Ponsonby, mit der er zehn Söhne und sechs Töchter hatte, und erbte nach dem Tod des Vaters 1807 den Grafentitel Earl. Mit 66 Jahren wurde er britischer Premierminister.

In dieser Funktion brachte er nach vielen Rückschlägen 1832 eine bahnbrechende Parlamentsreform auf den Weg, sorgte für ein Verbot des Sklavenhandels in England und, für diese Geschichte besonders wichtig, hob 1833 das Monopol der East India Company auf den Teehandel mit China auf. Es gibt Stimmen, die behaupten, man habe den parfümierten Tee aus Dank dafür nach ihm benannt.

Sicher ist das keineswegs. Neben dieser Geschichte gibt es zahllose weitere Erklärungen für die Namensgebung des Getränks, mitunter auch in verschiedenen Variationen und stets ohne Jahresangabe.

So soll angeblich ein Bediensteter des Earl einen chinesischen Mandarin vor dem Ertrinken gerettet haben (in einer anderen Version ist von dessen Sohn die Rede), worauf der Adelige mit dem besonderen Tee beziehungsweise mit dem Rezept dafür beschenkt wurde. Der Haken an dieser Legende: Earl Grey, der 1845 im Alter von 81 Jahren starb, war nie in China.

In einer anderen Erzählung heißt es, dass das Aroma der Bergamotte nur zum Einsatz kam, um den intensiven Kalkgeschmack des Wassers auf dem Familiensitz des Earl auf Howick Hall zu kaschieren - wo man es sich heute im Earl Grey Tea House bei einer Tasse Tee gemütlich machen kann. Lady Grey wiederum soll ihre Gäste in London mit dem Haustee verköstigt haben, bis sie gefragt wurde, ob er nicht käuflich zu erwerben sei.

Oder saß der Earl zunächst Betrügern auf, die ihm einen gestreckten Tee andrehten, ohne zu wissen, welche Begeisterung dieser bei ihm auslösen würde? Oder wurden die Teekisten, die sich der Earl aus China kommen ließ, dort mit Bergamotte-Öl beträufelt, um sie vor Schädlingen oder Modergeruch zu schützen? Mithin also als eine Art Desinfektionsmittel?D

Die populärste Legende handelt von einem Faß, das im Sturm umkippte

In der populärsten Legende indes führte, wie so oft bei bahnbrechenden Entdeckungen, der Zufall Regie. Ein britisches Handelsschiff, beladen mit einem Fass Bergamotte-Öl und mit Schwarztee, für den Earl bestimmt, geriet in einen Sturm. Dabei kippten die Fässer um, das Öl lief über den Tee.

Als Earl Grey im Hafen seine beschädigte Ladung entgegennahm, vermuteten alle, er würde sie ins Wasser kippen. Doch weit gefehlt: Er probierte den Tee und war von seinem Aroma so angetan, dass er ihn fortan professionell herstellen ließ. In der Tat, erfährt man im Teemuseum in Norden, kam Earl Grey-Tee "erstmals in den 1830er-Jahren nach einem Originalrezept des Earl in den Handel".

Weil man aber vergaß, ihn sich gesetzlich schützen zu lassen, darf bis heute jede Firma ihren "Earl Grey" produzieren.

Dieser Text erschien zuerst in der SZ vom 7. Juli 2018.

© SZ vom 07.07.2018/odg
Zur SZ-Startseite
Schwarztee

SZ PlusTeekultur
:Wie der Tee die Ostfriesen spaltet

Tee ist Grundnahrungsmittel in Ostfriesland. Doch das Land ist geteilt: Die einen schwören auf Tee von Bünting, die anderen auf den von Thiele. Seltsam?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB