Süßwaren aus Berlin:"Wir stellen Genussmittel her, keine Lebensmittel"

Weil aber die beste Qualität nichts nützt, wenn das Äußere nicht stimmt, machte sich Melanie Hübel daran, das angestaubte Erscheinungsbild der Marke zu modernisieren. "Im Laufe der Zeit hatte Sawade 16 verschiedene Logos", erzählt die 42-Jährige, "die Herausforderung war, die Stammkunden nicht zu verlieren und trotzdem neue Käufer zu gewinnen." Sie entschied sich für einen schwungvollen Schriftzug aus den Vierzigerjahren, den sie auf einer alten Samtkartonnage gefunden hatte, und entwarf elegante, auch runde Kartons, die Hutschachteln ähneln. "Uns schlug viel Häme entgegen", erinnert sich Benno Hübel, 43, an die Reaktionen aus der Branche, "es hieß, wir Quereinsteiger hätten keine Ahnung, das sei viel zu chic, außerdem passten die runden Schachteln nicht richtig in die Regale."

Das Regalproblem lösten Melanie und Benno Hübel mit einem neuen Onlinegeschäft und einem maßgeschneiderten Flagship-Store in den Hackeschen Höfen. Und siehe da: Inzwischen verkauft Sawade viermal so viele Pralinenschachteln wie vor dem Relaunch. Die Kreationen werden regelmäßig mit Branchenpreisen wie dem "International Chocolate Award" bedacht, und im Netz schwärmen die einschlägigen Blogger von den "teuflisch guten Pralinen".

Süßwaren aus Berlin: Berlin war früher mal ein Zentrum der Süßwarenhersteller.

Berlin war früher mal ein Zentrum der Süßwarenhersteller.

(Foto: Sawade Berlin)

Der größte Firmenschatz ist ein Buch, in dem alle Rezepte seit 140 Jahren überliefert sind. Die Hübels haben daran fast nichts geändert, Rezepturen wurden kaum an den modernen Geschmack angepasst. "Die Zarenhappen aus Edelbitterschokolade und Rum-Rosinen etwa sind noch genauso wie früher, als Sawade den russischen Hof belieferte", erzählt Melanie Hübel, "nur der Rum ist heute ein anderer." Überhaupt, die Schnapspraline: Bei Sawade gibt es eine große Auswahl davon. Dass dieses Konfekt eher Eiche-rustikal-Feeling verbreitet als experimentelle Geschmackserlebnisse, die Highend-Patissiers gern versprechen, ist Absicht. "Wir sind eher Mercedes S-Klasse und nicht der von Hand zusammengebaute Bentley", sagt Benno Hübel.

Auf Detox folgt Intox. Was das heißt? Es mit Schokolade mal wieder richtig krachen lassen!

Bleibt die Frage, wie Rum-Butter-Sahne-Trüffel, Zarenhappen und Nougat-Kroketten eigentlich in eine Zeit passen, in der Zurückhaltung am Teller zum Statussymbol geworden ist. In der hippe Konditoren sich mit zuckerarmem Gebäck neu erfinden, Schokolade gar nicht bitter genug sein kann und Gemüse Einzug in die Desserts gehalten hat. Gleicht es da nicht wirtschaftlichem Selbstmord, ausgerechnet Kalorienbomben aus den gemeingefährlichen Zutaten Butter, Sahne und Zucker anzubieten?

Benno Hübel hat dazu eine eigene Theorie. Es gebe parallel zum Detox- auch einen Intox-Trend, erklärt er. "Das sind oft dieselben Leute. Erst kasteien sie sich wochenlang, dann lassen sie es mit Dry-Aged-Beef, Lagenweinen und edler Schokolade richtig krachen." Seine Frau sieht es nüchterner: "Wir stellen Genussmittel her, keine Lebensmittel", sagt sie achselzuckend. Und die solle man bekanntlich in Maßen genießen. Bei Champagner kommt schließlich auch niemand ernsthaft auf die Idee, eine alkoholreduzierte Variante zu fordern.

So lässt sich auch erklären, warum man bei Sawade vergeblich nach zeitgeistigen Geschmackskombinationen wie Matcha-Alge oder nach veganen, "free from"-Produkten sucht, die gerade viele Süßwarenhersteller ins Sortiment nehmen. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass zwar viel über Neuerungen wie Schokolade mit Beef Jerky geredet wird, aber gekauft werden dann doch die Klassiker", sagt Benno Hübel. Und die wären? "Marzipan und Nougat." Wobei es ein klares Nord-Süd-Gefälle gibt, im Norden ist alles mit Mandelmarzipan beliebt, was auf die Handelstraditionen der Hanse zurückgeht. Im Süden bevorzugt man hingegen Haselnussnougat.

In der Fertigungshalle bastelt Imanuel Banse derweil geduldig einen Schwung Pasteten-Eier zusammen. Schicht für Schicht legt er Nuss-Pralinen-Masse, Blätterkrokant, Mandelnougat, Rum-Sahne, Maraschino-Kirschen und Edelmarzipan in einen Körper aus Zartbitterschokolade. 250 Gramm wiegt der fertige Koloss, Kostenpunkt: 18,50 Euro. Angesichts solch gewichtiger Zahlen kann einem schon mal kurz blümerant zumute werden. Andererseits, wie hatte es Melanie Hübel formuliert? "Eine Praline ist eine Praline und kein Salat." Kein Genuss ist ja auch keine Lösung.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB