Stilkritik: Präsidenten-Duzen "Du nennst mich Monsieur le Président de la République!"

Emmanuel Macron, der 40-Jährige, der ständig Selfies macht - und Präsident von Frankreich ist.

(Foto: REUTERS)

Ein 15-Jähriger wagt es, Emmanuel Macron zu duzen. Der reagiert verkrampft.

Von Nadia Pantel, Paris

Es ist nicht einfach, in einer Zeit Teenager zu sein, in der Erwachsene glauben, sie hätten das Jungsein gepachtet. Wie geht man als Jugendlicher mit einem 40-Jährigen um, der ständig Selfies macht, sich Stars der Elektro-Szene nach Hause einlädt und gerne öffentlich Händchen hält? Duzt oder siezt man diese Person?

Um eine Antwort zu finden, ist es hilfreich, den Beruf dieses betont lässigen 40-Jährigen zu kennen. Handelt es sich um den Präsidenten von Frankreich, sollte man lieber beim Sie bleiben. Das weiß nun auch ein französischer Gymnasiast aus Mont Valérien. Bei einer Gedenkfeier zu Charles de Gaulles Widerstandsaufruf vom 18. Juni 1940 hatte der Junge dem französischen Präsident "Wie geht's, Manu?" zugerufen. Ein Fehler, auf den Emmanuel Macron den Jungen umgehend hinwies. "Non, non, non, non, non" stellte Macron klar, "du nennst mich Monsieur le Président de la République."

Emmanuel Macron im Gespräch mit dem Teenager, der ihn duzte.

(Foto: AP)

Als erfahrener Diplomat dürfte der Staatschef sofort das Äußere des Jungen gescannt haben: Lederjacke, lange Haare, angeödeter Blick. Genau die Art Jugendlicher, die Erwachsene unerbittlich daran erinnert, dass sie peinlich sind, egal was sie tun. Wer 40 ist, darf Auto fahren, Alkohol trinken, Horrorfilme schauen. Wer 15 ist, darf alles und jeden verachten. Das ist im Generationenvertrag festgeschrieben. Monsieur le Président de la République hätte durch ein freundliches Lächeln diesen Vertrag aufkündigen können. Du provozierst mich? Macht nichts. Stattdessen hat er genau das getan, was er auch von dem Jugendlichen forderte: "Du benimmst dich, wie es sich gehört." Und für einen 40-jährigen Anzugträger gehört es sich in diesem Fall, durch absolute Verkrampfung aufzufallen. Macron war es so wichtig zu beweisen, dass er kein lockerer Typ ist, dass er die kurze Unterhaltung mit dem jungen Manu-Sager selbst auf Twitter geteilt hat.

Im April war Frankreichs Präsident noch deutlich toleranter mit Menschen umgegangen, die ihn mit seinem Namen, nicht mit seiner Funktion ansprachen. In einem Fernsehinterview hatte er die Fragen der prominenten Journalisten Edwy Plenel und Jean-Jacques Bourdin beantwortet. Am Morgen nach dem Gespräch ging es in Frankreich weniger um die Inhalte dieser dreistündigen Sendung, sondern darum, dass Plenel und Bourdin den Präsidenten einfach "Emmanuel Macron" genannt hatten. Und dass sie, Skandal, ohne Krawatten ins Studio gekommen waren. Macron überließ die Diskussion um die angemessene Etikette bei einem Präsidenten-Interview anderen Journalisten und Politikern und erklärte im Fernsehen höflich und ausführlich die Details seiner Innen- und Außenpolitik. Spontane Maßregelungen sparen sich die meisten Erwachsenen dann eben doch lieber für Teenager auf. Denen ist es im Kern nämlich meistens zu egal, ob sie Manu oder Monsieur sagen, als dass sie groß widersprechen würden. Der Lederjacken-Schüler aus Mont Valérien reagierte auf den Ausbruch seines Präsidenten mit einem knappen "in Ordnung".

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