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Mode:Zehenquetschender Trend

Pointy Sneakers von AZ Factory.

(Foto: azfactory)

Bequeme Sneakers mit unbequemer Spitze vorne dran - ergibt keinen Sinn? Egal! Pointy Sneakers sind der alte neue Hingucker.

Von Jan Kedves

Oft werden ästhetische Kollisionen in der Mode ja erst einmal begrüßt. Weil sie interessant aussehen und als Hingucker funktionieren. Ob sie tatsächlich schön sind, nun gut, darüber kann man später immer noch nachdenken. Als es zum Beispiel die ersten Herrenjacketts aus Jersey-Stoff mit Kapuze dran gab, dachte man: Ach, mal was Neues?! Oder Jeggings, also Leggings mit aufgedrucktem Jeans-Look: Warum nicht? Oder, um langsam aufs Thema Schuhe zuzusteuern: Als die französische Designerin Isabel Marant vor etwa zehn Jahren dicke Keilabsätze in Basketball-Stiefel hineinklebte, kamen dabei ihre berühmten, klumpigen Wedge Sneakers heraus. Die Schuhe verbanden die Idee der Sportlichkeit mit der beinverlängernden Idee des Pumps, der natürlich gar nicht sportlich ist. Die Schuhe wurden so erfolgreich, dass sie bald schon in der millionsten Kopie verramscht wurden. Sieht man sie nach einigen Jahren wieder, denkt man: Auweia, wie hässlich.

Surprise, Rihanna Just Dropped These New Fenty PUMA Pointy Creepers

Pointy Creepers, designt von Rihanna.

(Foto: Puma x Fenty)

Womit wir bei dem neuesten ästhetischen Clash in Bezug auf Sohlen wären: Es gibt immer häufiger Fashion-Sneakers mit spitzer Kappe vorne, das heißt Schuhe, deren Sohlenkanten dort schmal und immer schmaler auf einen Punkt zulaufen, wo man bei normalen Sneakers vorne schön rund über die Zehen abrollen könnte. Die Vorreiterin dieser Idee war unbestritten die Pop-Sängerin und Mode-Unternehmerin Rihanna: Sie präsentierte im Jahr 2017 im Rahmen ihrer sehr erfolgreichen Kooperation mit Puma einen gelackten Schuh, der den oberen Teil des legendären "Suede"-Sportschuhs von Puma unten mit einer dicken Kreppsohle kombinierte. Und eben mit dieser Spitze vorne. In diesem Fall fügte sich die Spitze sogar noch recht organisch ins Bild, weil es ja die englischen Creepers, von denen die vertikal geriffelte Waffelsohle abgenommen war, schon immer auch in spitzen Versionen gab. Creepers waren immer sehr beliebt in lustigen Rock'n'Roll-Subkulturen wie etwa bei den Teds oder den Psychobillies.

Die Popsängerin Beyoncé Knowles machte im Rahmen ihrer Kollaboration mit Adidas die Idee dann nach, oder: Sie griff sie auf. Beyoncé entwarf im vergangenen Jahr eine Version des klassischen Adidas-Modells "Superstar", bei dem vorne die Sohle gespitzt herausragt. Die Schuhe waren im Nu ausverkauft, wie eigentlich immer bei Beyoncé. Dazwischen lag noch das Modell von Prada. Die italienische Marke bietet für Männer einen Schuh aus Baumwoll-Gabardine an, der den "Chucks" von Converse stark ähnelt. Nur dass die Sohle insgesamt etwas dünner ist und dass vorne die Zehenkuppe aus Gummi, ja eben: nicht rund ist, sondern spitz zuläuft.

Es fehlte nur noch ein Glöckchen an der Spitze

Man kann also durchaus von einem kleinen, zehenquetschenden Trend sprechen. Dass der einigermaßen albern oder jedenfalls nur mit Humor zu ertragen ist, das erkannte schon vor drei Jahren der britische Designer Jonathan Anderson. Er entwarf in seiner Funktion als Chefdesigner des spanischen Luxushauses Loewe ein Paar High-Top-Sneakers, bei denen die wildlederne Kappe vorne so übertrieben spitz und langgezogen ist, dass sie sich nach oben kringelt. Die Sneakers sehen fast aus wie Schnabelschuhe, wie sie ein Hofnarr im Mittelalter hätte tragen könnte. Es fehlen eigentlich nur noch die Glöckchen oben an den Spitzen. "Sie ergeben absolut keinen Sinn. Aber sie bringen einen zum Lachen", sagte Anderson über diese Schuhe im Interview mit dem Magazin Vogue.

Damit hätte der Witz dann auch vorbei sein können. Aber nein, Alber Elbaz packt die Idee noch einmal aus. Der israelische Designer wurde während seiner Zeit beim Pariser Couture-Haus Lanvin (von 2001 bis 2015) sehr gefeiert, besonders für seine präzise soften Kleider aus Seidenkrepp und Lamé. Jetzt entwirrt er mit einer kleinen finanziellen Rückendeckung von 25 Millionen Euro durch den Schweizer Luxuskonzern Richemont eine neue, eigene Frauenlinie: AZ Factory. Viel Hübsches ist mit dabei, zum Beispiel Strickkleider, die in Gute-Laune-Farben wie kräftigem Fuchsia oder Lippenstiftrot fast allen Körperformen schmeicheln. Dazu: pointy sneakers, also Sneakers mit Spitze vorne.

az factory

Bequem? Nicht wirklich. Pointy Sneakers von AZ Factory.

(Foto: azfactory)

Die Schuhe sind in einer Hightech-Optik gehalten, so wie in der jüngeren Vergangenheit fast alle Verkaufsschlager im Bereich Luxus-Sneakers aussahen, etwa bei Balenciaga. Die Spitze ist farblich abgesetzt, was dazu führt, dass man, wenn man von vorn draufschaut, unweigerlich an die Kragenecken aus Metall denken muss, die echte Cowboys und auch Mode-Cowboys sich auf die Spitzen ihrer Cowboyhemdkragen setzen und festschrauben. Die Spitzen der 450 Euro teuren Pointy Sneakers von AZ Factory lassen sich aber nicht abschrauben. Es gibt Promotion-Videos für diese Schuhe, in denen hübsche Frauen gelassen herumtanzen. Aber wenn man genau hinsieht, muss man leider sagen: Die Spitzen knautschen ziemlich in die Zehen rein, wenn man auftritt und die Ferse hebt. Das sieht nicht sehr elegant aus. Das heißt, eigentlich sind diese Schuhe - wenn man sie überhaupt hübsch findet - nur dann hübsch, wenn man mit ihnen gerade nicht herumläuft, hüpft, tanzt, sprintet. Das ist dann wohl die totale Ad-absurdum-Führung der ursprünglichen Sneakers-Idee: Schuhe anziehen, um mit ihnen möglichst stillzuhalten? Die Mode macht's möglich.

© SZ/ake
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