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Designerhandtaschen:Wer macht denn sowas?

Dicker Blumenbrokat erinnert an die glorreiche Vergangenheit von Venedig

(Foto: Fendi)

Die Baguette von Fendi ist die Mutter aller It-Bags. Mit 20 besonderen Kreationen will Erfinderin Silvia Venturini Fendi nun die dahinterstehende Handwerkskunst würdigen.

Von Silke Wichert

Eigentlich könnte man gerade im Londoner V&A Museum die groß angekündigte Ausstellung "Bags: Inside out" besuchen. Und eigentlich würde dort unter den schönsten und berühmtesten Handtaschen natürlich eine Fendi Baguette ausgestellt sein, die gern als die Mutter aller It-Bags bezeichnet wird. Denn diese kurze Schultertasche löste 1997 eine irre Erfolgsgeschichte der Mode aus, die zu vielen Beinahe-Privatinsolvenzen von Frauen führte. Aber da gerade eigentlich nichts so läuft wie gedacht, sind die Taschen bis auf Weiteres weggesperrt und die Erfinderin der Baguette, Silvia Venturini Fendi, sitzt nicht persönlich, sondern per Zoom vor einem, um über ihr neuestes Projekt zu sprechen: 20 Taschen aus den 20 Regionen Italiens, gefertigt in typischer Handwerkskunst.

Dicker Blumenbrokat aus dem Veneto, Ginster-Flechtwerk aus Kalabrien, elfenbeinfarbene Spitze aus Molise - jeder behutsame Handgriff, alte Webstühle und Werkbänke, sämtliche Handwerker und ihre Werkzeuge wurden in aufwendigen Foto- und Videoaufnahmen dokumentiert. Food Porn war gestern, jetzt kommt Craftsmanship Porn.

Fendi Baguette aus Spitze in der traditionellen apulischen Technik "Chiacchierino".

(Foto: Fendi)

Für Venturini Fendi geht es dabei nicht nur um ein Prestigeprojekt, sondern vor allem um einen "Erziehungsauftrag", wie sie sagt. "Wir müssen das Handwerk gesellschaftlich wieder aufwerten." Die 59-Jährige sitzt im Atelier in Rom, trägt eine braun-gelbe Bluse mit dem klassischen FF-Logo des Hauses und erzählt so angenehm unaufgeregt, wie man es von ihr kennt. Oder eben nicht kennt. Denn sie ist zwar die einzige aus der legendären Gründerfamilie, die in der Marke noch aktiv ist, stand aber an der Spitze des Labels - sicher nicht ganz unfreiwillig - stets im Schatten des großen Karl Lagerfeld.

Er entwarf mehr als 50 Jahre lang die früher bekanntlich sehr pelzlastige Damenmode des Hauses. Die junge Silvia stieg 1992 ins Unternehmen ein, übernahm schließlich die Accessoires, später auch die Herrenlinie. Doch als Lagerfeld im Februar 2019 verstarb, nur zwei Tage vor der Fendi-Show in Mailand, musste Venturini Fendi plötzlich allein nach der Show vor das Publikum treten. Und so war es auch die vergangenen drei Saisons, zum ersten Mal war sie die gesamtverantwortliche Kreativdirektorin.

"In der Mode ist nicht viel Zeit zum Grübeln, ich habe einfach weitergemacht", sagt Venturini Fendi rückblickend, "ich kannte alle Abläufe ja aus dem Effeff." Für diesen Winter zeigte sie überschnittene Schultern mit starken orangutanhaften Ärmeln und viel Stepp, in der zuletzt präsentierten Sommerkollektion 2021 schien Wind durch projizierte Fenster mit Vorhängen zu wehen.

Für diesen Winter zeigte Silvia Venturini Fendi überschnittene Schultern mit starken, voluminösen Ärmeln.

(Foto: Fendi/AFP)

Überhaupt wirkte die Marke unter ihr gut durchgelüftet: viel frisches Weiß, schlichte, aber starke Kostüme, seltsam-lässige Spitzenpantoffel für Männer. Kurzum, sie machte ihre Sache so gut, dass nicht wenige in der Branche annahmen, dabei bliebe es nun.

Auf Karl folgt Kim - nächste Saison ist Fendi das heißeste Ticket

Aber der Luxuskonzern LVMH, zu dem Fendi seit 2001 gehört, gibt sich bekanntlich selten mit schön soliden Lösungen zufrieden. 2017 hatte Fendi erstmals die Milliarden-Dollar-Grenze beim Umsatz geknackt. Wer in dieser Liga auf Dauer mitspielen will, braucht nicht nur gute Kollektionen, sondern besser eine popkulturelle Bewegung. Also wurde Anfang September der Brite Kim Jones als neuer Women's Artistic Director verkündet. Ein Designer, der zwar noch nie Damenmode entworfen hat, aber bei Louis Vuitton Men und zuletzt bei Dior Men genug Hype entfachte, dass er den Dior-Job sogar parallel behalten darf. Die Fendi-Show nächsten Februar gilt schon jetzt als das heißeste Ticket der Saison.

Venturini Fendi verkündete über Instagram, sie freue sich auf die Zusammenarbeit "mit einem Freund", aber Fragen zu Kim Jones sind bis dahin ausdrücklich unerwünscht. Denn bevor sich sowieso wieder alle Augen auf den neuen Designer richten, will sie zur Abwechslung die Menschen dahinter in den Vordergrund stellen: die Handwerker, die eine Idee erst Realität werden lassen. "Hand in Hand" heißt deshalb ihr Erziehungsprojekt, die Kollektion der besagten zwanzig Baguettes.

In allen Regionen wurde nach den besten Werkstätten Ausschau gehalten, jede einzelne sollte sich in ihrer Disziplin an einer Tasche austoben. Eine Art kleine Expo des "Made in Italy" weit über Brokat und Stickerei hinaus. Wer hätte gedacht, was sie auf Sizilien alles mit Silber und Koralle anstellen können? Ein Handwerker in Trapani fasste die Baguette komplett mit einer dünnen Silberschicht mit Blumenmuster ein, die Logo-Schließe fertigte er im Kontrast aus dem roten Schmuckstein. Bei manchen Modellen dauerte die Herstellung mehr als 120 Stunden, was erklärt, warum die Preise bei 4000 Euro anfangen und bis zu 16 000 Euro erreichen.

Baguette auf Sizilianisch: mit Silber und Koralle.

(Foto: Fendi)

Vielleicht werden manche dieser Taschen auch einmal im Museum landen, hoffentlich nicht als Relikte. Jahrhundertealtes Können stirbt mehr und mehr aus, weil die aufwendige und oft wenig ertragreiche Arbeit keiner mehr machen will. Venturini Fendi erzählt, wie sie vergangenen Sommer einen Korbflechter und seinen Sohn in Palermo besuchte. "Allerdings ist der Vater 85 und sein Sohn auch schon 60. Und dann kommt die Enkelin dazu und sagt, sie wolle die Werkstatt nicht übernehmen, sondern lieber Model werden!"

Fendi schaut regelrecht pikiert, obwohl das ja ihre Branche ist. Aber schon ihre Mutter und deren vier Schwestern, die legendären "sorelle Fendi", die aus einem kleinen Betrieb eine Weltmarke machten, bezeichneten sich nicht als Designerinnen, sondern lieber als Handwerker. "Das Mädchen hat da regelrecht Gold vor sich liegen und sieht es nicht. Danach wusste ich, wir müssen diese Künste wieder stärker promoten. Die Vergangenheit schreibt die Zukunft der Mode immer mit." Das Projekt solle nur das erste von weiteren sein.

Corona rückt das Handgemachte wieder in den Mittelpunkt

Auch andere Labels entdecken gerade die Menschen hinter ihren Produkten. Valentino holte schon vergangenes Jahr sämtliche Atelier-Mitarbeiter nach der Show auf den Laufsteg, Bally startet demnächst zum 170. Geburtstag eine Kampagne mit seinen Handwerkern, bei Versace saß statt Publikum - coronabedingt - erstmals das Atelier in der ersten Reihe. Die Pandemie rückt das Wesentliche wieder in den Mittelpunkt, viele verspüren eine tiefe Sehnsucht nach Natur, den guten alten Dingen, Echtem oder eben Handgemachtem, und wenn es nur der eigene, schief gestrickte Schal ist. "Diese Krise hat für mich etwas sehr Mittelalterliches", sagt Venturini Fendi. "Plötzlich sind alle Selbstversorger, backen Brot und bauen eigenes Gemüse an."

Silvia Fendi

Silvia Venturini Fendi: "Ich entwerfe für reale Frauen."

(Foto: Fendi)

Sie selbst macht das als passionierte Gärtnerin auf dem Familienlandsitz außerhalb von Rom sowieso schon und schickt ständig Pakete mit verwahrter Kleidung an ihre Töchter und Enkel. Nichts wird weggeschmissen. "Schon meine Mutter stellte mich und meine beiden Schwestern stets auf den Tisch, um zu sehen, bei wem der Saum gerade gekürzt oder weiter rausgelassen werden musste."

Fendi und seine Töchter - abgesehen von den männlichen Designern ist das Haus eigentlich das Matriarchat der Modewelt. Silvias Großeltern, die die Marke 1925 gründeten, bekamen fünf Töchter, Silvia hat zwei Schwestern, sie selbst bekam wiederum zwei Töchter, eine davon ist die Schmuckdesignerin Delfina Delettrez. Deshalb hat Venturini Fendi flugs noch eine zweite Erziehungsmaßnahme ergriffen: Unter ihrer Verantwortung liefen zum ersten Mal sehr unterschiedliche Frauen für Fendi auf dem Laufsteg. Ältere Models und auch deutlich kurvige wie Ashley Graham oder Jill Kortleve.

"Männer sehen Frauen oft als traumhafte Göttinnen", sagt die Designerin. "Ich teile diese Idee nicht, ich entwerfe für reale Frauen." Einige Medien schrieben damals, der diätversessene Karl Lagerfeld hätte Plus Size nie erlaubt. Wirklich nicht? Venturini Fendi verdreht die Augen vor dem Bildschirm. "Ich weiß, dass die Leute das von ihm denken. Aber es war eher die Mode, die nicht bereit dafür war, er selbst war nicht so. Sehen Sie mich an! Ich bin auch nicht die Dünnste. Karl hat dazu nie etwas gesagt."

© SZ/vs
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