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Samstagsküche zu 100 Jahre Scheurebe:Eine entnazifizierte Rebsorte

Scheu aber dachte anders. Sein Ziel war es, eine Sorte zu schaffen, die früher reif wird als der Riesling und weniger Säure hat. Dazu war nicht nur einiges an Zuchtarbeit nötig, auch die Weinbauern mussten überzeugt werden. "Jede Neuerung wird bei den so sehr am Alten hängenden Winzern zum mindesten mit Misstrauen betrachtet und in den meisten Fällen ohne Prüfung feindselig abgelehnt", schrieb Scheu.

Aber mit der Scheurebe gelang es ihm. Es ist die einzige seiner Züchtungen, die heute noch Relevanz hat - wenn auch eine kleine. Lange Zeit war man der Meinung, er habe damals Riesling und Silvaner miteinander gekreuzt. Doch im Jahr 2012 ergaben Genanalysen, dass Scheu statt Silvaner eine Sorte namens Bukettrebe erwischte. Die beiden sehen sich sehr ähnlich, zudem heißt die Bukettrebe auch "Silvaner musque", und das führte wohl zu einem falschen Eintrag ins Zuchtbuch.

Zunächst aber nannte man die neue Rebe Sämling 88 (in Österreich heißt sie bis heute so). 1930 bekam sie dann den unrühmlichen Namen "Dr. Wagnerrebe" - zu Ehren des Landesbauernführers und NSDAP-Politikers Richard Wagner, der Weine dieser Rebsorte angeblich bevorzugte. Für das Image der Scheurebe eine Katastrophe. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste sie - für eine Traube ein Präzedenzfall - gewissermaßen entnazifiziert werden. Man benannte sie einfach nach ihrem so liberal denkenden Züchter.

Mehr Potenzial als süße Weine

Es wäre übertrieben zu sagen, dass es für die Scheurebe seitdem in Riesenschritten bergauf ging. Bis in die 70er-Jahre stieg ihre Rebfläche zwar noch ein wenig, denn damals wurde in Deutschland am liebsten süß getrunken, und die Scheurebe eignet sich gut für Weine mit einer gehörigen Portion Restzucker. Mit Süße lassen sich aber auch Qualitätsmängel kaschieren, viele Winzer machten es sich auf diese Weise einfach. Nur wenige erkannten dagegen das Potenzial, das in dieser Rebsorte steckt, wenn man sie trocken ausbaut.

Eine von ihnen ist Stefanie Weegmüller, Chefin des gleichnamigen Weinguts in der Pfalz, das sie in elfter Generation führt. Kaum ein Winzer hat mit dieser Rebsorte ähnlich viel Erfahrung und erzielt ähnliche Qualität wie die 57-Jährige. Als sie 1984 ihren ersten eigenen Jahrgang in die Flasche brachte, war auch eine trockene Scheurebe dabei. Inzwischen hat sie eineinhalb Hektar mit der Rebsorte bepflanzt, die Traube ist damit die Nummer zwei im Weingut hinter dem Riesling.

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Sauvignon Blanc sucht man bei Weegmüller indes vergebens. "Warum soll ich auf jeden Zug aufspringen, der vorbeifährt? Sauvignon Blanc kommt von überall her und ist austauschbar. Die Scheurebe ist das nicht", sagt Weegmüller. Der Sauvignon, zumal bei einfachen Qualitäten und wenn er industriell dem Massengeschmack angepasst wurde, schmeckt oft gleich. Die Scheurebe ist eher Handwerk, Terroir-abhängig und variabel. Sie kann frisch und grasig sein, aber auch mal Anklänge von reifer Mango haben.

Sie kann grasig schmecken, aber auch nach reifer Mango

Vor Jahren erregte die Winzerin Aufsehen, als sie eine Flasche Scheurebe in eine Sauvignon-Blanc-Verkostung schmuggelte und unter den ersten Plätzen landete. "Ach, diese alte Geschichte", sagt Weegmüller und lacht. "Es hat mir damals einfach gestunken, dass niemand die Scheurebe beachtet hat."

Im Jubiläumsjahr ist das etwas anders, aber die Zukunft der Rebsorte sieht die Winzerin trotzdem gemischt. Wer sich mit ihr einen guten Namen gemacht habe, der werde dabei bleiben. Die anderen eher nicht, die werden lieber Sauvignon Blanc pflanzen. "Beim Sauvignon muss man keine großen Worte machen, der verkauft sich von selber. Bei der Scheu aber muss man zu 150 Prozent dahinterstehen und endlos reden und Überzeugungsarbeit leisten", sagt sie.

Auch David Wagner aus Siefersheim wird bei der Scheurebe bleiben. Der Anfang war schwer, aber "inzwischen verkauft sich meine Scheu wie von selbst". Sein Jahrgang 2015 war nur sechs Wochen nach der Abfüllung ausverkauft - immerhin 12 000 Flaschen. Er glaubt, dass Spitzenwinzer künftig noch mit ganz anderen Scheureben als heute auf sich aufmerksam machen werden. "Es gibt noch jede Menge Spielraum", sagt er.

So hat kaum einer seiner Kollegen bislang Erfahrungen gemacht, wie die Rebsorte sich verhält, wenn sie im Holzfass ausgebaut wird. Auch an höhere Qualitätsstufen hat sich bislang keiner so richtig herangetraut. "Die Scheurebe ist einfach etwas Einzigartiges", sagt Wagner. "So etwas wie Sauvignon Blanc für Fortgeschrittene."

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