Süddeutsche Zeitung

Samstagsküche zu 100 Jahre Scheurebe:"Sauvignon Blanc für Fortgeschrittene"

Kenner schätzen die deutsche Scheurebe. Sie wissen: Dass diese 100-jährige Züchtung von der französischen Mainstream-Traube Sauvignon Blanc verdrängt wird, hat sie nicht verdient.

Von selber wäre Daniel Wagner nie auf die Idee gekommen, Scheurebe anzubauen. Warum auch - der Winzer vom Weingut Wagner-Stempel aus Siefersheim in Rheinhessen ist erfolgreich genug mit einer anderen Traube, er ist bekannt für seine phänomenalen Rieslinge. Aber als er im Jahr 2005 einen Weinberg kaufte, standen dort neben Rieslingreben auch einige Scheureben.

"Und auf einmal hatte ich 1500 Liter Scheu im Keller", sagt Wagner. Der Winzer war bald überrascht, wie gut der Wein ihm gefiel: Das Ergebnis war überaus feinfruchtig mit eleganter Säure und dabei nicht zu kompliziert. Das war ein Wein, der alle Vorurteile Wagners widerlegte und richtig Spaß machte.

Also entschied sich der Winzer, weitere Parzellen mit alten Rebstöcken zu erwerben. Was nicht schwer war, weil andere Bauern es vor zehn Jahren gar nicht abwarten konnten, ihre Weinberge mit dieser Sorte loszuwerden, die kaum jemand mehr trinken wollte.

Scheurebe und Sauvignon Blanc nicht weit voneinander entfernt

"Damals haben alle damit begonnen, Sauvignon Blanc zu pflanzen, den aktuellen Modewein. Ich habe das auch ein bisschen gemacht, mich aber dagegen gesträubt, das im großen Stil zu betreiben. Warum neue Sauvignon-Reben einsetzen, wenn ich alte Scheureben bekommen kann", sagt Wagner, der Mitglied ist im Verein Deutscher Prädikatsweingüter (VDP). Alte Reben ergeben konzentriertere, an Aromen reichere Weine als junge.

Zudem ist die Scheurebe geschmacklich gar nicht so weit vom Sauvignon Blanc entfernt. Die Weine sind fast ausnahmslos im Stahltank ausgebaut, duften und schmecken also frisch und fruchtig. Schwarze Johannisbeere wechselt sich ab mit Noten von Grapefruit, Stachelbeere, Mandarine, Mango, Pfirsich oder reifer Birne. Die Scheurebe ist ein einfacher Wein im besten Sinne. Keiner, bei dem einem langweilig wird, aber auch keiner, den man nur mit Anleitung eines Sommeliers versteht. Trocken ausgebaut passt er beispielsweise hervorragend zu asiatischen Gerichten.

Das Imageproblem der Rebsorte

Trotzdem hat die Rebsorte ein Imageproblem, und das hat gleich mehrere Gründe. Früher wurde die Scheurebe meist als süße Spätlese ausgebaut. Dann kamen süße Weine aus der Mode, jedermann wollte plötzlich nur noch trocken trinken. Plötzlich galten Scheureben als ungenießbare Omaweine.

Ein weiteres Problem der Rebsorte war der Glykolskandal Mitte der 80er-Jahre. Damals hatten österreichische Winzer Frostschutzmittel in ihre Weine gekippt, um sie süßer und vollmundiger schmecken zu lassen. Deutschland war indirekt davon betroffen. In rheinhessischen Großkellereien zum Beispiel wurden besonders viele Weine mit Tropfen aus dem Nachbarland verschnitten, der Name des Anbaugebiets war ruiniert. Das Ausmaß dieses Lebensmittelskandals ist bis heute legendär. Da in Rheinhessen die meisten deutschen Scheureben stehen (derzeit 740 Hektar, etwa die Hälfte des bundesdeutschen Bestandes), litt vor allem auch diese Sorte unter dem Skandal.

Inzwischen hat sich der Weinbau in Rheinhessen erholt. Doch die Zukunft der Scheu ist schwer zu beurteilen. Ihr Anteil an der Gesamtrebfläche in Deutschland beträgt nicht einmal 1,5 Prozent. Und ihre Anbaufläche nimmt weiter ab. Andererseits sind speziell in Rheinhessen in den vergangenen drei Jahren 160 Hektar gepflanzt worden. Es gibt also Winzer, die auf die Scheurebe setzen und das offenbar mit wachsender Begeisterung.

Wein oder Trinker: Wer muss sich anpassen?

Dass sich der Anbau in Rheinhessen konzentriert, ist kein Wunder. Schließlich stammt die Rebsorte von dort. Vor 100 Jahren, also 1916, wurde sie dort von Georg Julius Scheu gezüchtet. Der gelernte Gartenbautechniker war damals Leiter einiger rheinhessischer Rebschulen, ein Vor- und Querdenker beim Weinbau. "Wir müssen das anbauen, was der Weintrinker verlangt", schrieb er in einem Aufsatz.

Was heute selbstverständlich klingt, war damals revolutionär. Die Winzer waren stets der Meinung gewesen, die Kunden müssten sich eben an die sauren Weine gewöhnen. Daran, dass die Weine womöglich genießbarer werden und sich dem Trinkgeschmack anpassen müssten, verschwendeten sie in der Regel keinen Gedanken.

Eine entnazifizierte Rebsorte

Scheu aber dachte anders. Sein Ziel war es, eine Sorte zu schaffen, die früher reif wird als der Riesling und weniger Säure hat. Dazu war nicht nur einiges an Zuchtarbeit nötig, auch die Weinbauern mussten überzeugt werden. "Jede Neuerung wird bei den so sehr am Alten hängenden Winzern zum mindesten mit Misstrauen betrachtet und in den meisten Fällen ohne Prüfung feindselig abgelehnt", schrieb Scheu.

Aber mit der Scheurebe gelang es ihm. Es ist die einzige seiner Züchtungen, die heute noch Relevanz hat - wenn auch eine kleine. Lange Zeit war man der Meinung, er habe damals Riesling und Silvaner miteinander gekreuzt. Doch im Jahr 2012 ergaben Genanalysen, dass Scheu statt Silvaner eine Sorte namens Bukettrebe erwischte. Die beiden sehen sich sehr ähnlich, zudem heißt die Bukettrebe auch "Silvaner musque", und das führte wohl zu einem falschen Eintrag ins Zuchtbuch.

Zunächst aber nannte man die neue Rebe Sämling 88 (in Österreich heißt sie bis heute so). 1930 bekam sie dann den unrühmlichen Namen "Dr. Wagnerrebe" - zu Ehren des Landesbauernführers und NSDAP-Politikers Richard Wagner, der Weine dieser Rebsorte angeblich bevorzugte. Für das Image der Scheurebe eine Katastrophe. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste sie - für eine Traube ein Präzedenzfall - gewissermaßen entnazifiziert werden. Man benannte sie einfach nach ihrem so liberal denkenden Züchter.

Mehr Potenzial als süße Weine

Es wäre übertrieben zu sagen, dass es für die Scheurebe seitdem in Riesenschritten bergauf ging. Bis in die 70er-Jahre stieg ihre Rebfläche zwar noch ein wenig, denn damals wurde in Deutschland am liebsten süß getrunken, und die Scheurebe eignet sich gut für Weine mit einer gehörigen Portion Restzucker. Mit Süße lassen sich aber auch Qualitätsmängel kaschieren, viele Winzer machten es sich auf diese Weise einfach. Nur wenige erkannten dagegen das Potenzial, das in dieser Rebsorte steckt, wenn man sie trocken ausbaut.

Eine von ihnen ist Stefanie Weegmüller, Chefin des gleichnamigen Weinguts in der Pfalz, das sie in elfter Generation führt. Kaum ein Winzer hat mit dieser Rebsorte ähnlich viel Erfahrung und erzielt ähnliche Qualität wie die 57-Jährige. Als sie 1984 ihren ersten eigenen Jahrgang in die Flasche brachte, war auch eine trockene Scheurebe dabei. Inzwischen hat sie eineinhalb Hektar mit der Rebsorte bepflanzt, die Traube ist damit die Nummer zwei im Weingut hinter dem Riesling.

Sauvignon Blanc sucht man bei Weegmüller indes vergebens. "Warum soll ich auf jeden Zug aufspringen, der vorbeifährt? Sauvignon Blanc kommt von überall her und ist austauschbar. Die Scheurebe ist das nicht", sagt Weegmüller. Der Sauvignon, zumal bei einfachen Qualitäten und wenn er industriell dem Massengeschmack angepasst wurde, schmeckt oft gleich. Die Scheurebe ist eher Handwerk, Terroir-abhängig und variabel. Sie kann frisch und grasig sein, aber auch mal Anklänge von reifer Mango haben.

Sie kann grasig schmecken, aber auch nach reifer Mango

Vor Jahren erregte die Winzerin Aufsehen, als sie eine Flasche Scheurebe in eine Sauvignon-Blanc-Verkostung schmuggelte und unter den ersten Plätzen landete. "Ach, diese alte Geschichte", sagt Weegmüller und lacht. "Es hat mir damals einfach gestunken, dass niemand die Scheurebe beachtet hat."

Im Jubiläumsjahr ist das etwas anders, aber die Zukunft der Rebsorte sieht die Winzerin trotzdem gemischt. Wer sich mit ihr einen guten Namen gemacht habe, der werde dabei bleiben. Die anderen eher nicht, die werden lieber Sauvignon Blanc pflanzen. "Beim Sauvignon muss man keine großen Worte machen, der verkauft sich von selber. Bei der Scheu aber muss man zu 150 Prozent dahinterstehen und endlos reden und Überzeugungsarbeit leisten", sagt sie.

Auch David Wagner aus Siefersheim wird bei der Scheurebe bleiben. Der Anfang war schwer, aber "inzwischen verkauft sich meine Scheu wie von selbst". Sein Jahrgang 2015 war nur sechs Wochen nach der Abfüllung ausverkauft - immerhin 12 000 Flaschen. Er glaubt, dass Spitzenwinzer künftig noch mit ganz anderen Scheureben als heute auf sich aufmerksam machen werden. "Es gibt noch jede Menge Spielraum", sagt er.

So hat kaum einer seiner Kollegen bislang Erfahrungen gemacht, wie die Rebsorte sich verhält, wenn sie im Holzfass ausgebaut wird. Auch an höhere Qualitätsstufen hat sich bislang keiner so richtig herangetraut. "Die Scheurebe ist einfach etwas Einzigartiges", sagt Wagner. "So etwas wie Sauvignon Blanc für Fortgeschrittene."

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Quelle:
SZ vom 16.07.2016/lkr
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