Südkorea:Menschen, die auf essende Menschen starren

Südkorea: Inah Cho bei ihrer köstlichen Arbeit.

Inah Cho bei ihrer köstlichen Arbeit.

  • Inah Cho verdient ihr Geld. indem sie sich beim Essen filmt und die Clips live ins Netz stellt.
  • "Mukbang" heißt der Trend aus Südkorea, mit dem man reich werden kann.

Von Xifan Yang

Der Arbeitstag von Inah Cho beginnt gegen 19 Uhr, wenn sich bei anderen der Feierabendhunger meldet. Eine ihrer letzten Sendungen hieß "Eating two chickens for dinner": 15 000 Menschen sahen live im Internet zu, wie sie in einem Fast-Food-Restaurant zwei schuhkartongroße Portionen frittierte Hühnchenschenkel verdrückte. Kürzlich, an ihrem 25. Geburtstag, schalteten 23 000 Zuschauer ein zu "Homemade foods for birthday": Cho trug ein Spitzenkleid, Größe XS und hatte ihre Haare geglättet. Eine zierliche Elfe mit Elefantenmagen. Bilanz nach exakt 56 Minuten: drei Vorspeisen, ein halbes Pfund mariniertes Rindfleisch, einen Berg Glasnudeln, Unmengen an Schweinebauchröllchen, Pfannkuchen, Suppe, Salate und diverse Nachspeisen.

Inah Cho ist ein "Mukbang"-Star in Südkorea, Mukbang ein Kunstwort aus "muok-da" (Essen) und "bang song" (Senden) - und die Umschreibung dafür, wie Cho ihren Lebensunterhalt verdient: Sie nimmt Nahrung auf und geht damit auf Sendung. Mehr als 5210 Stunden hat sie schon kauend vor der Webcam verbracht, das sind 217 Tage; mehr als 15 Millionen Mal wurden ihre Videos geklickt. In ihrer Heimatstadt Incheon wird sie auf der Straße oft von Fans angesprochen. "Viele staunen, dass ich so viel essen kann und trotzdem dünn bin", erzählt Cho am Telefon.

Sie sei ein "wahres Mukbang-Talent" frohlockt Daewoo Lee, PR-Direktor von Afreeca.TV, der Onlineplattform, auf der Cho unter dem Künstlernamen "Inajjang" auftritt. Afreeca.TV ist der führende Streamingkanal in Südkorea, eine Art Youtube in Echtzeit. Der Mukbang-Trend entstand als Begleiterscheinung eines anderen bizarren Internetphänomens: Gaming Broadcast, also Nerds, die sich beim Computerspielen filmen. Eines Tages 2007, so geht die Legende bei Afreeca.TV, habe einem bekannten Gamer während einer Liveschalte der Magen geknurrt und daraufhin habe er angefangen, einen Becher Instant-Ramen zu schlürfen. Der Rest sei "Geschichte".

Mukbang-Videos machen inzwischen fünf Prozent des Programms bei dem Sender aus. Es gibt längst Nachahmer. In China oder Taiwan, wo Trends aus Südkorea rasch übernommen werden, versuchen sich Tausende an einer Karriere als Online-Esser. Auch im Westen ist Mukbang nicht unbekannt: Auf Youtube ergibt die Suche nach entsprechenden Videos gut eine Million Treffer, davon allein hunderttausend auf Deutsch. In Südkorea selbst mampfen dem Streamingkanal zufolge Zehntausende regelmäßig vor der Kamera, Hunderte von ihnen sind Profis wie Inah Cho, aktueller Stand 115 025 Follower. Stars ihres Kalibers verdienen bis zu 10 000 Euro im Monat, die sie in Form von "Star Balloons" einsammeln - Centbeträge, die Fans während der Show über Laptop oder Handyapp als "Belohnung" an ihre Idole schicken.

Und für die "Star Ballons" hängt Inah Cho sich rein, sie muss bei Tisch etwas bieten: Fünf bis sechs Stunden ist sie abends auf Sendung, vier bis fünf Mal die Woche. Meist sieht man sie in einer Shoppingmall oder Ausgehstraße in Seoul an einem Restauranttisch sitzen, der sich unter dem Essen fast biegt: Korean Barbecue für eine fünfköpfige Familie, zehn Gänge Sashimi, sechs Becher Instantnudeln, das ist so die Größenordnung. Das Selfie-Stativ ist in Position, das Tischmikrofon steht bereit: Das Publikum will sie nicht nur essen sehen, sondern auch hören. Genussvolles Schmatzen und Schlürfen ist ebenso Teil des Programms wie Live-Interaktion mit den Zuschauern: Im Sekundentakt flimmern Nachrichten der Fans über den Bildschirm.

Ein Video, aufgenommen vor zwei Wochen, Inah Cho blättert durch die Karte. "Hallo Leute, anstatt viel von einem Gericht zu essen, würde ich heute lieber viele kleine Dinge durchprobieren. Wär' das in Ordnung für alle?" Der Kellner bringt Schweineschnitzel und diverse Schüsseln. "Inahs Mund ist sehr hübsch", schreibt User partyboy86. "Bringt Inah eine Gabel", fordert zz456zkr. Cartier0602 fragt: "Ich bin auch in Yeongdeongpo, kann ich vorbeikommen?" Inah hat nichts dagegen. "Ich bin im dritten Stock, hinten am Aufzug. Lass uns zusammen ein Mukbang machen!" Prüfender Blick auf ihr zweites Handy, in dem sie ihr eigenes Online-Selbst verfolgt. "Findet ihr, dass meine Haare besser aussehen ohne Pony? Soll ich ihn auswachsen lassen?" Zurück zum Schnitzel "Guckt mal, kross und innen saftig. Mmmhh."

Jeder vierte Südkoreaner lebt allein, viele wollen aber nicht alleine essen

Doch warum schauen Menschen Fremden beim Essen zu? Immer häufiger? Einen Hinweis liefert die Beobachtung, dass Mukbang-Stars selten Instagram-würdige Gourmethäppchen vor Kameras verzehren, dafür umso öfter 1000-Kalorien-Mahlzeiten aus Take-out-Schachteln. Der Profi-Esser vollzieht aus Sicht der Fans eine foodpornografische Ersatzhandlung. Das Auge darf hemmungslos mitessen; schlechtes Gewissen und Verdauungsprobleme überlässt man dem virtuellen Stellvertreter.

Andere Gründe haben mit Südkorea zu tun, einem in vielerlei Hinsicht merkwürdigen Land. Anruf bei Michael Hurt, einem amerikanischen Kultursoziologen und Hallyu-Experten an der Universität von Busan, der zweitgrößten Stadt des Landes. "Hallyu" heißt koreanische Welle und beschreibt den irren Exporterfolg südkoreanischer Popkultur: Neunköpfige K-Pop-Bands, schmalzige Telenovelas, Gangnam Style und Kimchi eroberten die Welt, zuletzt auch Beauty-Trends, deren Anhänger sich Schneckenschleim oder Eselsmilch ins Gesicht schmieren. Wieso produziert Südkorea so viele kuriose Phänomene?

Hurt erklärt das mit einer Mischung aus kapitalistischer Wettbewerbslogik, Technologieversessenheit und konfuzianischem Konformitätsdruck. Alles zusammen produziere eine hypermoderne "Gesellschaft des Spektakels", wie sie der französische Sozialphilosoph Guy Debord bereits 1967 vorhersah: In dieser schnellen, grellen Welt verbreiten sich Trends binnen Millisekunden, Südkorea hat weltweit das schnellste Internet; das Leben ist darauf ausgerichtet, soziales Kapital zu vermehren. Grenzen zwischen Realität und Virtualität lösen sich auf, Kopie und Original werden austauschbar. Als Beispiele nennt Hurt den Trend unter Südkoreas Haustierbesitzern, verstorbene Hunde und Katzen zu klonen sowie den Rekord, den das Land in Schönheitsoperationen pro Kopf hält: "Die Menschen verwandeln ihre Körper in Avatare eines idealisierten Selbst."

Mit Mukbang hat das insofern zu tun, weil sich die Avatar-Logik auf zwischenmenschliche Beziehungen überträgt: Real Erlebtes wird durch seine Repräsentation ersetzt. Eine Interaktion per Bildschirm stellt somit nicht mehr bloß die Simulation einer echten Begegnung dar, sagt Hurt. "Die Simulation ist die echte Begegnung."

Mukbang-Zuschauer sagen: Inajjang oder wem auch immer beim Essen zuzuschauen und mit ihr zu chatten fühlt sich genauso an wie sich mit jemandem im Restaurant zu verabreden. Warum sollte ich mich also mit jemandem verabreden?" Anders als im analogen Leben ist das Gegenüber jederzeit und überall verfügbar: So erlauben es die Wlan-Hubs in jedem U-Bahn-Waggon in Seoul Hunderten Passagieren gleichzeitig, Filme in HD zu streamen. Bis 2020 soll das Internet landesweit schnell genug sein, um Spielfilme in einer Sekunde herunterzuladen.

Der Job geht so: abends vollfressen, morgens die Kalorien abtrainieren

Zur Popularität der Essens-Shows trägt zudem ein Trend bei, der auch in westlichen Ländern Realität ist: die Vereinzelung. Laut OECD lebte im Jahr 2012 jeder vierte Südkoreaner alleine, bis 2030 wird es jeder dritte sein, einer der schnellsten Zuwächse unter den Industriestaaten. Das Single-Leben widerspreche aber den nach wie vor starken traditionellen Normen, sagt Soziologe Hurt: "Viele junge Südkoreaner leben alleine, essen alleine. Alleine essen ist allerdings mit Scham belegt." Das Tabu sei so verinnerlicht, dass es selbst zu Hause gilt, wo eigentlich niemand mitkriegt, dass man einsam vor einer Schüssel Mikrowellen-Bibimbap sitzt. Darum also Mukbang als Dinner-Date.

Auch Afreeca.TV-Star Inah Cho lebt in einer Single-Wohnung, mit einem Hund und zwei Katzen. Ursprünglich wollte sie ins Online-Shopping-Geschäft einsteigen und eine Art Ein-Frau-Shopping-Kanal im Netz starten. Eine Weile nahm sie Videoclips auf, in denen sie Öko-Baumwolltaschen anpries; die wollte niemand kaufen, dafür klickten immer mehr Zuschauer ihren täglichen Live-Stream. "Eine Freundin sagte mir: Du isst doch so gerne, probier mal Mukbang", erzählt sie. So fing alles an.

"Wie schwer kann es sein, jeden Tag eine Menge Zeug zu essen?", habe sie sich damals gefragt. Schwerer als gedacht. "Ich muss weiter essen, selbst wenn ich längst satt bin. Viele Mukbang-Stars werden dick. Ich gehe jeden Morgen ins Fitnessstudio, um die Kalorien vom Vorabend zu verbrennen. Ich muss lustige Elemente einbauen, sonst schicken mir die Zuschauer keine 'Star Balloons'. Manche wollen mich im Restaurant tanzen sehen. Andere wünschen sich, dass ich belle wie ein Hund. Es ist viel Stress. Arbeit halt." An freien Tagen isst sie darum am liebsten: alleine.

© SZ vom 06.05.2017/jael
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