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Samstagsküche:Frisch und irre, weil man alles darf

Und da sind natürlich noch all die Zugezogenen. Die Sonnenallee an einem typischen Mittwochabend. Brautmoden-Geschäfte reihen sich an Teestuben, Shisha-Bars und Automatenkasinos mit blinkenden Leuchtschriften. Man sieht hupende Autokolonnen und Gruppen junger Männer, und in jedem Haus wird etwas anderes zum Essen verkauft. Kebap, Sushi, geröstete Nüsse, griechischer Wein, türkisches Fladenbrot, arabische Trockenfrüchte, kroatische Fleischspieße.

Ramsés Manneck, ein junger Mexikaner mit tätowierten Armen und schwarzem Hipsterbart, ist noch nicht lange hier. Manneck steht in seinem Restaurant "Industry Standard", zwischen Köchen aus England und Frankreich. Ähnlich zusammengewürfelt ist die Einrichtung, alte Plattenschränke, Holzlatten, offene Küche. Vom Essen mal ganz zu schweigen. Im "Industry Standard" bekommt man Schweinebauch zusammen mit Muscheln, Rinderzunge und Matjes, Lammherz mit Sardinen, und der Barkeeper mixt etwas aus Gin und Kaffee, das schmeckt wie Starkbier.

Berlinale Ameisen, die nach Honig schmecken
Kulinarisches Kino auf der Berlinale

Ameisen, die nach Honig schmecken

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Das hier ist auf eine Weise frisch und irre, wie man es nur sein kann, wenn man alles darf und nichts von einem erwartet wird. Manneck, der in Mexico City, Finnland und den Niederlanden gekocht und nebenbei Politik studiert hat, schwärmt von den Möglichkeiten und den vergleichsweise niedrigen Mieten in Neukölln, seinen Laden nennt er nur "Big Mischmasch". Das ist auch eines der wenigen deutschen Worte, die er kann. Sonst wird Englisch gesprochen, und an den Tischen sitzen viele alte Herren mit ganz jungen Frauen. Ein Problembezirk ist offenbar auch ein idealer Ort, um seine Ehefrau zu betrügen.

In dem armen Viertel isst man jetzt miteinander

Doch Neuköllns Küche verändert sich nicht nur am oberen Ende der Sozialpyramide. Auch unten passiert einiges. Ein hässlicher Zweckbau im Rollberg-Viertel, das Nachbarschaftszentrum Morus 14. In einem Saal stehen lange Tische, die schön eingedeckt sind. Alte Damen und Herren mit Rollator sitzen hier mit jungen Familien und Künstlerinnen mit grün gefärbtem Haar zusammen und essen zu Mittag, was jemand aus der Nachbarschaft zubereitet hat.

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Diesmal waren die Griechen von gegenüber dran, es gibt gefüllte Paprika mit Tsatsiki. Auch ein Polizeibeamter aus dem Abschnitt sitzt dabei und löffelt Weißkraut-Möhren-Salat. Wenn er kauend "Rollberg-Kiez" sagt, klingt das wie "Räuber-Kiez", und das ist ja auch nicht ganz falsch. Dies ist eines der ärmsten Viertel der Hauptstadt, mit kriminellen Familienclans, Drogen und Jugendlichen, denen oft so langweilig war, dass sie sich gegenseitig die Köpfe einschlugen. Seit vierzehn Jahren macht man nun Essen füreinander, immer reihum, "Mieter kochen für Mieter" nennt sich das Projekt. Man muss kein Soziologe sein, um zu erkennen, dass hier Leute zusammen an einem Tisch sitzen, die das sonst nie tun würden. Essen als Mittel, um einen sozialen Brennpunkt zu befrieden.

Es ist spät geworden in Neukölln. Vor den Automatenkasinos und Teestuben stauen sich die Leute, der Duft von Lammfleisch und Wasserpfeifen zieht durch die Straßen. Im Restaurant eins 44 kommt der Nachtisch, Käsekuchen-Creme mit Pistazien und kleinen Klecksen Blutorangen-Fond. Jonathan Kartenberg, der Maître, sagt, es habe ihn selbst überrascht, wie gut das Lokal ankomme. Es sei auch noch nicht eingebrochen worden, nicht mal die Scheiben wurden eingeschmissen wie an anderen Orten. Nur einmal hat sich auf der Facebook-Seite einer beklagt, ein solches Restaurant passe nicht hierher. Verzieht euch gefälligst nach Schwaben, hieß es da. Ganz ohne Beschimpfungen geht es in Neukölln dann eben doch nicht.