Neuer Trendsport Echt jetzt, Piloxing?

Der Drang nach Selbstoptimierung bringt laufend neue Sportarten hervor. "Piloxing" soll nun das Beste aus Pilates und Boxen vereinen. Doch mit Boxen hat das Ganze wenig zu tun.

Von David Pfeifer

Das Leben wird nicht einfacher, beim derzeit herrschenden Selbstoptimierungsstress. Man muss was aus sich machen, Karriere, Hochbegabte großziehen, Chinesisch lernen, fit sein, aktiv sein, klüger werden, Freundschaften pflegen, sich gesund ernähren, hemmungslosen Sex haben, eher wenig Alkohol trinken und eher gar nicht rauchen.

Da der Tag aber seit Einführung der Zeitrechnung 24 Stunden hat, geht das nicht mehr alles nacheinander, auf der Überholspur staut sich's. Auch deswegen lässt sich seit einigen Jahren im Bereich der körperlichen Ertüchtigung eine relativ kuriose Entwicklung beobachten, die neue Zwitterdisziplinen hervorbringt. Wie die Trendsportart "Piloxing".

Piloxing trainiert Kraft und Schnelligkeit

Das Wort setzt sich zusammen aus Pilates und Boxen, und beides wird dabei tatsächlich kombiniert. Piloxing soll Kraft und Schnelligkeit, Kondition und Beweglichkeit auf einmal und in möglichst kurzer Zeit trainieren. Und außerdem Spaß machen. So weit das Versprechen.

Dazu muss man sagen, dass sich die einzige Gemeinsamkeit beider Körperertüchtigungen in der martialischen Phrase "No pain, no gain" zusammenfassen ließe, die als Motto in vielen Box-Gyms hängt. Auch für Pilates muss man sich quälen, weil es enorm anstrengend ist, bei null Zerstreuung. Dafür werden im Gegensatz zum Training auf dem Laufband und an der Hantelmaschine fast alle Muskelgruppen gut ausgebildet.

Als Stärke von Pilates galt bislang, Tiefenmuskulatur mit vorwiegend statischen Kraftübungen aufzubauen. Beim Boxen hingegen sind Beweglichkeit, Kondition und Schnellkraft gefordert. Beides könnte sich wunderbar ergänzen; Evander Holyfield, vielfacher Ex-Weltmeister im Schwergewicht, nahm auch Ballettunterricht, um beweglicher zu werden. Allerdings sollte man nicht versuchen, alles gleichzeitig zu trainieren. Die Übungen, die beim Piloxing herauskommen, wirken so, als hätte Michael "Bully" Herbig eine Persiflage auf eine schwule Step-Aerobic-Gruppe gedreht. Es sieht mit anderen Worten nicht lustig aus, sondern lächerlich. Lernen tut man auch nichts, denn mit Boxen hat das Ganze schon mal wenig zu tun. Und wer ernsthaft Pilates betreibt, weiß, dass die statischen Übungen dabei sehr sauber ausgeführt werden sollten, um gesund und wirksam zu sein. Wer herumhopst und in die Luft haut, bewirkt das Gegenteil.

Das Ziel: den Körper schnell in Form bringen

Die Idee hinter Piloxing ist allerdings auch nicht, dass man Pilates oder Boxen lernt. Vor allem soll der Körper schnell in irgendeine Form gebracht werden. Fitnesscenterbetreiber denken sich so etwas aus, weil sie meinen, Neues anbieten zu müssen.

Ähnliches gilt für eine weitere Kombinationen. SUP-Yoga, zum Beispiel. Wobei "SUP" für "Stand-up-Paddle" steht, also die großen Surfbretter, auf denen Nicht-Surfer mit Rudern versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Das ist ungewöhnlich anstrengend und eine gute Ergänzung, etwa dann, wenn man nicht täglich zum Box-Training gehen will, weil es ja auch ungesund ist, den Körper immerzu in den Grenzbereich zu jagen. Und SUP-Yoga ist, logisch: Yoga auf einem solchen Surfbrett.

Zoff im Kanal

In den Alsterkanälen in Hamburg werden diese doppelbelasteten Gymnasten bereits mit Inbrunst gehasst, denn sie zittern beim Sonnengruß auf ihrem Brett anderen Kanalbenutzern im Weg herum. Es kann nicht mehr lange dauern, bis der erste Kanute angezeigt wird, weil er nicht nur das innere, sondern auch das äußere Gleichgewicht eines SUP-Yogis mit seinem Ruder ins Wanken gebracht hat.

Kurzum: Bei diesen neuen Trendsportarten sieht man nicht gut aus, man lernt nichts, und im schlimmsten Fall fällt man der Umwelt zur Last. Obendrein wird man zum Opfer einer Selbstoptimierungsindustrie, die vorgaukelt, Glück und Wohlbefinden seien effizient zu organisieren. Sind sie aber nicht. Echte Fitness braucht Muße, Sport braucht Zeit. Dann lieber mal runter vom Gas, rauchen lernen und Sex mit Freunden haben. Zur Not auf Chinesisch.

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