Ladies & Gentlemen:Der neue Fruchtansatz

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(Foto: Hersteller)

Sie hatte einen etwas altmodischen Ruf, ist jetzt aber wieder überall zu sehen: Die Erdbeere wird das Mode-Motiv des Sommers. Warum? Das ist schwer zu sagen.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Für sie: Nur fast infantil

Die Erdbeere ist die neue Wassermelone, die ja mal die neue Ananas war. Nein, dazwischen kam ja noch die Kirsche! Regelmäßig kürt die Lifestyle-Industrie eine Frucht als It-Obst und verwendet sie dann auf alle möglichen Arten. Für die Tatsache, dass jetzt auf einem T-Shirt "Strawberry Gucci" steht, gibt es nicht wirklich eine einleuchtende Erklärung, höchstens die, dass Trends mittlerweile auf Tiktok gemacht werden, wo im letzten Jahr ein sehr rüschiges "Strawberry Dress" einen Riesenerfolg feierte. Beerenstickereien auf Mänteln trugen übrigens schon Frauen im 18. Jahrhundert, und von Elsa Schiaparelli (Trauben-Lover) über Christian Dior (Beeren-Verehrer) bis hin zu Miuccia Prada (Bananen-Fanatikerin) haben die Designer das Obst-Thema immer wieder bearbeitet. Streng genommen geht das natürlich nicht, wir Frauen sind doch keine süßen Früchtchen! Dieses hübsche Erwachsenen-Shirt vom Kinder-Hipster-Label Bobo Choses, wo die Zielgruppe (Bourgeouis Bohèmien) schon im Namen steckt, deutet für die, die früher schlechtgelaunt Cannabis-Blätter auf der Brust trugen, ganz klar auf Infantilisierung hin. Langweilig, genau so wie Harry Styles Sommerhit "Watermelon Sugar High"! Der erklärte allerdings unlängst auf der Bühne, dass es dabei um den weiblichen Orgasmus gehe. Was uns alte Zynikerinnen endlich zu der Einsicht bringen muss, dass wir die Gen Z notorisch unterschätzen, sie ist genauso politisch unkorrekt wie wir! Nur zweideutig ist sie eben nicht, weswegen die Botschaft einen Untertitel braucht. Gibt Schlimmeres.

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(Foto: matchesfashion.com)

Für ihn: Einfach gut

Müsste man eine männliche oder besser gesagt, männlich gelesene Frucht nennen, die Erdbeere würde einem erst spät einfallen. Sie ist, obwohl genussmäßig immer noch ganz vorne und natürlich irgendwie perfekt, als Symbol ein bisschen schlapp, gestrig, jedenfalls nicht richtig ernst zu nehmen. Vielleicht weil ihr Abbild bald wieder überall als plumpes Plastikhäuschen am Straßenrand stehen wird. Oder weil Erdbeer-Irgendwas-Produkte so gar nicht dem Zeitgeist entsprechen, es muss ja alles mindestens Tonka-Mango sein. Heute im Co-Working-Space einfachen Erdbeerjoghurt zu löffeln ist jedenfalls eine Undenkbarkeit und ähnlich subversiv wie mit einer schauerlichen Fruchtschokolade namens Yogurette joggen zu gehen, die ja leider auch sehr stark diesen abgeblätterten Erdbeer-Charme transportiert. Nun aber kommt ein knuffiger Mode-Richtigmacher wie J.W. Anderson und sagt sich: Lass mal einen Erdbeer-Pullunder richtig machen! Möglichst groß vorne drauf das Ding, die Frucht selbst farblich ein wenig gegen die üblichen Sehgewohnheiten getrimmt, und schon ist das alte Thema wieder taufrisch und irgendwie sogar richtig nett. Und siehe, das Erdbeermuster funktioniert gut, auch wenn die Käufer-Zielgruppe bei diesem expressiven Pullunder sicher recht klein ist. Aber die Botschaft im Schaufenster und auf dem Laufsteg ist froh und mehrheitsfähig. Denn Erdbeeren sind ja neben vielen anderen Dingen vor allem everybody's Kindheitserinnerung und außerdem extrem friedliche Bollerwesen. Gerade davon brauchen wir in diesen Zeiten dringend mehr.

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