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Stylisten fürs Fernsehen:Shitstorm für Hornbrille und Wildtieroptik

Moderatoren beim Privat-TV wie Katja Losch dürfen sich sponsern lassen, was aber selten vorkommt.

(Foto: Sat1/Youtube)

Die Stylistin arbeitet seit acht Jahren fürs ZDF, zweimal im Jahr kauft sie ein, im Schnitt zehn Outfits pro Person, ein Schwung für Frühjahr/Sommer, einer für Herbst/Winter. Ein halbes Jahr vor Auslieferung wird geordert. Sie kennt jede Figur auswendig. Und wenn einer zunimmt? "Schwierig", sagt sie und lacht. "Das müssen die anmelden." Dann wird anprobiert, abgenäht, mit alter Garderobe kombiniert. Behalten werden darf nichts. "Das ist Dienstkleidung." Was unmodern ist oder zu oft getragen wurde, geht in den Filmfundus. Hätte was, wenn eine Baroness in einem Pilcher-Film einen Slomka-Blazer trüge. Ist das schon passiert? Sei ihr nicht aufgefallen, sagt die Stylistin.

"Es geht darum, den persönlichen Stil zu finden", sagt Svenja Treichel-Roolfs. Nun wird sicher einer rufen: Die sehen doch alle gleich aus! Mitnichten. Im Atelier stehen Kleiderstangen mit der neuen Kollektion. Viel ist schon bei den Moderatoren, aber links hängt ein mittelblaues Sakko mit großem Karo. Man muss das Namensschild nicht lesen, um zu wissen: Das kann nur für Gunther Tiersch sein, den Meteorologen mit der Vorliebe für Joppen, die an den Detektiv Balduin Pfiff erinnern. "Bei Sport und Wetter darf es lockerer werden", sagt die Stylistin.

Das Feuerwerk in Rot dort? Für Ilka Brecht von "Frontal 21". Auch modisch bekennt sie Farbe. Die Outfits mit den Stehkrägen sind schon fertig für den Einsatz: natürlich für Marietta Slomka. Als sie den einstigen SPD-Chef Sigmar Gabriel grillte und er rief, "lassen Sie uns diesen Quatsch beenden", trug sie ihre Poweruniform. "Es ist ein Stil, den wir gemeinsam entwickelt haben." Er passe zu ihrer toughen Art, die keine Schnörkel vertrage.

Dagmar Berghoff 1976 in einer auffälligen Bluse.

(Foto: Michael Mittelsteiner/action press)

Der tiefrote Hosenanzug ohne Firlefanz rechts? Für Gundula Gause, sie probiert ihn nun an, ihr gefallen die weißen Knöpfe nicht so, doch Svenja Treichel-Roolfs kann sie mit sanftem Druck überzeugen. "Ich bin leider keine Modeexpertin, es macht mir auch keinen großen Spaß, durch die Boutiquen zu ziehen." Sie sei froh über die Hilfe der Stylistin. Das sei auch effizienter: "Dann kann ich mich voll um die Nachrichten kümmern", sagt Gause. Seit 26 Jahren ist sie Co-Moderatorin beim "Heute-Journal". Auf dem Weg in die Maske geht sie immer bei Claus Kleber vorbei und fragt: "Was tragen wir denn heute?" Sie passe ihr Outfit an seines an, vor allem betrifft das die Farbe seiner Krawatte.

Die gleiche Krawatte wie Bill Clinton - ein blöder Zufall

Und die anderen? Machen es ähnlich. "Moderne Businesskleidung" nennt Inga Dröszus-Mövius den ARD-Stil, sie berät unter anderem "Tagesschau" und "Tagesthemen". Beraten worden seien Moderatoren und Sprecher schon immer. "Aber mit den neuen Studios hat das Thema Stil Fahrt aufgenommen." Seither gibt es Ganzkörperbilder, und Sprecher können nicht mehr mit Anekdoten punkten, dass sie Jeans und Flip-Flops unterm Tisch tragen. Wichtig ist Dröszus-Mövius, dass Studiomode das widerspiegelt, was draußen los ist. "Bei 30 Grad sollte keiner zu zugeknöpft im dunklen Stoff im Studio stehen." Da gehe auch ärmellos bei Kleidern, was mal ein No-Go war.

Früher hätten Sprecher ihre Kleidung selber bezahlen müssen, das sei heute anders. "Ich kann schlecht Vorgaben machen und die Leute dann zahlen lassen." Privatsender wie RTL, Sat 1 oder n-tv dürfen sich sponsern lassen von Modefirmen, passiert bei Nachrichten aber selten. Für Sponsoren sind Magazine attraktiver, da werden sie im Abspann genannt, auch ist das Umfeld berechenbarer. In den Nachrichten kann immer ein Flugzeug abstürzen.

Peter Kloeppel, Nachrichtensprecher bei RTL, nach den Anschlägen vom 11. September.

(Foto: RTL)

Wenn man sich in die Archive begibt, sieht man Dinge, die heute nicht mehr möglich wären. Die erste Nachrichtensprecherin im deutschen TV, Wibke Bruhns, trug in ihren ersten "Heute"-Sendungen 1971 eine riesige Hornbrille, Bienenkorbfrisur und Blumenblusen aus Dralon. Die ARD zog 1976 mit Dagmar Berghoff nach, mit Blusen, die in ihrer grafischen Opulenz an das Werk Vasarelys erinnern, dazu üppige Halstücher. Hanns Joachim Friedrichs trug gerne kühne Glencheck-Anzüge bei den "Tagesthemen", Hans Meiser sah 1988, im ersten Jahr von "RTL-Aktuell", mit seinen bunten Sakkos aus wie ein Hütchenspieler.

Natürlich war die Technik früher weniger kribbelig und die Mode anders, aber dunkle Anzüge gab es auch damals, sie wurden nur selten beim Verlesen der Nachrichten getragen. Tatsächlich wurden diese noch nie so streng wie heute präsentiert.

Sind die Zeiten ernster geworden? Vielleicht. In den Schränken haben die Moderatoren dunkle Kleidung für Großlagen. "Wenn ein Amoklauf an einer Schule passiert, trage ich nicht die hellrote Krawatte", sagt Claus Kleber. Aber man könne nicht alles vorhersehen. Als er noch bei der ARD war, ging er mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton auf eine Nahostreise. Den Aufsager für die "Tagesschau" sprach er mit einer Krawatte, die er in einem Laden am Weißen Haus gekauft hat. Sie war goldfarben mit breiten blauen Pinselstrichen. Dann wurde Clinton beim Empfang der Palästinenser gezeigt - und er trug die gleiche Krawatte, ein Geschenk von Monica Lewinsky. "Meine Redaktion fragte mich nach der Sendung, ob das ein blöder Witz war." Es war ein blöder Zufall. Kleber konnte Clinton vorher nicht sehen.

In Mainz ermahnt Svenja Treichel-Roolfs ihre Moderatoren diskret, wenn ein Anzug zu spack sitzt oder jemand den untersten Sakkoknopf geschlossen hat. Gerade startet die "Heute"-Sendung. Christian Sievers ist dran, der Mann, der auch kleidungstechnisch Farbe bekennt. Seine Stylistin sieht ihn auf dem Fernseher in ihrem Büro und seufzt. Er hat den obersten Hemdknopf unter der Krawatte offen gelassen.

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