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Zum Tod von Karl Lagerfeld:Abschied von der kapriziösen Supermacht

Er war ein Visionär der Mode und zitierte am liebsten die Vergangenheit. Karl Otto Lagerfeld, Meister des schönen Scheins, hat dem Begriff Oberflächlichkeit neuen Glanz verliehen.

Von Karl Lagerfeld erzählt man sich, dass seine Karriere mit einem kanariengelben Wollmantel begann. Das ist nicht falsch, wenngleich der Wollmantel dafür vermutlich unerheblich war. Für Lagerfeld wäre ohnehin keine andere Option denkbar gewesen. Hätte der gerade einmal 16-jährige Karl (von dem man inzwischen weiß, dass er 21 gewesen sein musste) an jenem Morgen im Jahr 1954 nicht die Skizze mit dem gelben Mantel beim Internationalen Wollsekretariat eingereicht, wäre es eben eine andere gewesen. Sie hätte ihn ebenso ans Ziel gebracht wie eine Fotografie, eine Installation oder ein Buch, weil seine Sinne nur eine Richtung kannten. Weil seine Kreativität bis zuletzt ein unerschöpflicher Strom aus Kunst, Fotografie, Literatur war, der in den Kosmos Mode mündete.

Jene Modeskizze, eilig herausgegriffen aus einem Stapel Zeichnungen, atmete bereits den Geist von Chanel: ein kragenloses Modell, die Schnalle am oberen Ende der Knopfleiste, der V-förmige Rückenausschnitt. Lagerfeld, der damals seit fünf Jahren mit seiner Mutter in Paris lebte und dort eine französische Schule besuchte, gewann damit den begehrten "International Woolmark Prize". Auch ein gewisser Yves Saint Laurent aus dem Hause Dior überzeugte die Jury - mit einem Abendkleid. Die Freundschaft, die sich daraufhin zwischen den beiden jungen Männern entspann, sollte in eine lebenslange Rivalität münden.

Lagerfeld brach die Schule ab, denn Pierre Balmain, damals Mitglied der Jury, bot dem jungen Hamburger eine Ausbildung zum Schneider in seinem Unternehmen an, wo der gelbe Mantel auch gleich in Produktion ging. Es folgte der Wechsel ins Modehaus Jean Patous als künstlerischer Direktor, wo Lagerfeld 1958 seine erste Kollektion unter dem Namen Roland Karl präsentierte. Als Chloé im selben Jahr eine Gruppe junger Designer engagierte, war Lagerfeld bereits unter ihnen. 1963 brachte es der aufstrebende Kreative dort zum Chefdesigner und etablierte das Label in den darauffolgenden 25 Jahren zu einer der führenden Modemarken. Nicht lange, und das Unternehmen konnte sich mit prominenten Kundinnen wie Grace Kelly, Jackie Kennedy, Brigitte Bardot und Maria Callas schmücken.

Ausgelastet war Lagerfeld damit nicht, er begann ein Kunststudium in Paris, das er nach drei Jahren abbrach. Von 1965 an entwarf er Pelzmode für Fendi in Rom (bis heute jährlich zwei Kollektionen), übernahm immer wieder Aufträge für Tiziano Roma. 1974 gründete Lagerfeld sein eigenes Unternehmen (Karl Lagerfeld Impressionen).

Das Reich von Karl dem Großen: Chanel

Im Januar 1983 dann der Coup seines Lebens: Lagerfeld wird künstlerischer Direktor bei Chanel. Innerhalb eines Jahres übernahm er als Chefdesigner die Verantwortung für alle Kollektionen und Sparten - Haute Couture und Prêt-à-porter. Durch seine zeitgemäßen, bisweilen kapriziösen Interpretationen von Coco Chanels Vision entwand er das angestaubte Image den Händen älterer, gut betuchter Kundinnen und sorgte dafür, dass auch junge Frauen der Top-Marke verfielen. "Als ich Chanel übernommen habe, sagten mir alle Leute: Mach das nicht, fass das nicht an. Das ist tot, das ist kaputt", erzählte er in einer TV-Dokumentation. Viel zu lange seien im Hause Chanel alle in Ehrfurcht erstarrt gewesen, nachdem Coco Chanel gestorben war. Bis der Designer, Fotograf und Kostümbildner kam und alles auf den Kopf stellte. Respekt sei die Tür zur Pleite, sagte er. "In der Mode muss man über Leichen gehen."

Der kommerzielle Erfolg gab ihm recht: Chanel entfaltete sich unter seiner Federführung zur Supermacht in der Branche - mit einem Jahresumsatz von mehr als acht Milliarden Euro. Regiert wurde sie von Karl dem Großen, der seit dem Tod Yves Saint Laurents im Jahr 2008 im stolzen Alter von 75 Jahren zum Alleinherrscher über die Pariser Haute Couture aufstieg.

Der Sohn des Glücksklee-Dosenmilch-Fabrikanten Otto Lagerfeld war Zeit seines Lebens ruhelos, getrieben vom eigenen Genie, mischte überall mit, war überall gefragt: 35 Jahre Chanel, ein halbes Jahrhundert Fendi, ach ja, und dann das eigene Label. Insgesamt 16 Kollektionen im Jahr, mindestens, dazwischen Aufträge für Tiziano Roma und andere. 1992 übernahm er zwischendurch wieder Chloé als Chefdesigner, bis 1997 Stella McCartney ihn ablöste. Man kommt schon beim Lesen außer Atem. "Das Gehirn ist ein Muskel und ich bin eine Art mentaler Bodybuilder", sagte er einmal. Sein unerbittlichster Trainer soll Mutter Elisabeth Bahlmann gewesen sein. "Sie war gemein, aber auch witzig", sagte er über die gebürtige Schwäbin. "Bei ihr musste man schnell auf Fragen antworten und es musste humorvoll sein." Kam die Antwort zu spät, setzte es eine Ohrfeige. Als seine Mutter 1978 starb und mit ihr der Drill endete, begann Lagerfeld erstmals, sich gehen zu lassen. Er nahm zu, hüllte sich in XL-Anzüge und verbarg sein Gesicht hinter einem Fächer.

Karl Lagerfeld

Das Vermächtnis des Modezaren

Wohl jeder, der Karl Lagerfeld je begegnet ist, weiß eine Geschichte zu erzählen. Dicke Menschen, Jogginghosen, indiskrete Fragen nach seinem Alter: Es gab so einiges, das ihn aus der Fassung bringen konnte. Selbst gegen Vögel hatte der Modeschöpfer eine Aversion, nur nicht gegen Eulen und Papageien. Der Rest hing von seiner Stimmung ab. "Ich erfinde mich jeden Tag neu", sagte Lagerfeld einmal über sich. Und das gelte auch für seine Haltung: "Nur Dummköpfe ändern ihre Meinung nicht." Chanels Chefdesigner, der um die dreihunderttausend Bücher besessen haben soll, war darin äußerst flexibel: "Was ich sage, ist nur gültig, wenn ich es gerade sage."

Eine Sache wird man nie über ihn zu hören bekommen: dass er jemals laut geworden wäre. Herumzubrüllen war nicht sein Stil, Mitarbeitern sagte er jeden Satz genau einmal. So brachte er sie dazu, genau zuzuhören, was schon wegen seiner Redegeschwindigkeit eine Herausforderung war. In Lagerfelds Monologen überholten Atmen, Denken und Sprechen einander. Manchmal wechselte er mitten im Satz vom Deutschen ins Französische, sein Englisch war von einem ausgesprochen preußischen Akzent geprägt.

Apropos preußisch: In Talkshows zog es der gebürtige Hamburger vor, zu stehen. Zwei, drei Stunden am Stück Interviews zu geben, war kein Problem für ihn. Für so manchen Moderator, der den Modemacher an einem Bistrotisch interviewen musste, schon eher. Man müsse sich eben zusammenreißen, bekam sein Interviewpartner zu hören, alles eine Frage der Selbstdisziplin. Das Stehen, erklärte Lagerfeld, helfe ihm beim Denken - was nur die halbe Wahrheit war: "Die Jacken fallen auch besser", fügte der Designer hinzu.