bedeckt München 20°

Stylisten fürs Fernsehen:Schöne Nachrichten

heute-journal

Claus Kleber und Gundula Gause werden professionell beraten.

(Foto: Klaus Weddig/ZDF)

Welche Krawatte sollte ein Nachrichtensprecher am Tag eines Amoklaufs tragen? Eignet sich die Seidenbluse für das knallharte Interview? Von der Schwierigkeit, das richtige Outfit zur Weltlage zu finden.

Es ist der 19. Februar und Claus Kleber steht an der Nachrichtentheke des "Heute-Journals". Der ZDF-Moderator trägt einen anthrazitfarbenen Anzug, eine bordeauxrote Krawatte mit kleinen hellen Quadraten und ein weißes Hemd. Er redet über Internet und Wohnraum, über Afghanistan und die Antarktis. Dann geht die Kamera auf Gundula Gause, und als Kleber nach den letzten Nachrichten wieder ins Bild tritt, trägt er eine schwarze, schmale Krawatte, wie Karl Lagerfeld sie bevorzugte. Kleber moderiert den Nachruf auf den Designer an, der später mit einem Zitat Lagerfelds endet: "Ich versuche sicherzustellen, dass sich niemand an mich erinnert."

Für Lagerfeld wird das wohl nie gelten, für Kleber an dem Abend schon. Denn der Krawattenwechsel, den sich Kleber als, nun ja, kleinen Gag, ausgedacht hatte und von dem keiner vorher wusste, fiel nicht auf. Nicht einmal Gundula Gause. Sie dachte, Kleber geht raus, um zu husten oder so.

Schade, aber für Claus Kleber sind das im Grunde trotzdem gute Nachrichten. "Ich will, dass niemand auf meine Kleidung achtet, das muss alles so neutral aussehen, dass es nicht von den Nachrichten ablenkt", sagt er. Was nicht heißt, dass Kleidung im ernsthaften Fach egal ist. So wie ein zu bunter Anzug ablenken kann oder ein zu unmoderner, fällt auch ein schlecht sitzender auf.

Mode Politiker oben ohne
Krawatten

Politiker oben ohne

Die politische Hektik der letzten Zeit hat ein besonders bedauerliches Opfer gefordert: die Krawatte. Was sagt das über das Selbstverständnis der Abgeordneten?   Von Bernhard Roetzel

"Wenn für Millionen ein Studio gebaut wird, ist es ein Stück Professionalisierung, dass die Menschen darin nicht in Badeschlappen herumlaufen", sagt er. Im ersten Brunetti-Roman von Donna Leon gebe es den schönen Satz: "Sein Abendjackett war so gut geschneidert, dass es sogar rosa hätte sein können, und doch wäre einzig der perfekte Schnitt aufgefallen." Das sei ein erstrebenswertes Ideal. Aber er räumt ein: "Makellos sitzt keiner meiner Anzüge." Was aber nicht an den Anzügen liege, sondern an seiner Haltung.

Was im Schrank hängt, entscheidet die Stylistin

Kleber sitzt in Raum SB U113 auf dem Mainzer Lerchenberg, er trägt Jeans, ein dunkelblaues Cordsakko und ein weißes Hemd, dazu rahmengenähte Schuhe. Ein Mann mit Geschmack, er gefällt sich in der Rolle, aber was für das "Heute-Journal" in seinem Schrank hängt, entscheidet er trotzdem nicht selber, das macht Svenja Treichel-Roolfs. Sie ist Chefstylistin beim ZDF und zuständig für die Garderobe der Moderatoren. Im Raum SB U113 ist ihr Atelier.

Sie hat bei Jil Sander, Iris von Arnim und Hugo Boss im Vertrieb gearbeitet, geht auf Modeschauen in Berlin, Paris, Mailand. Ware kauft sie im Showroom, da kann sie sehen, wie ein Stoff fällt, wie er leuchtet. Und sie muss nicht warten, bis die Ware in die Läden kommt, in denen sie auch teurer ist. "Ich sehe die ganze Kollektion und weiß, was davon überhaupt infrage kommt", sagt sie. Das meiste nicht. Wie ein Kleid oder Anzug im Studio wirke, habe nichts mit dem echten Leben zu tun. Auch kann sie aus einer Kollektion ein Teil nur einmal kaufen. "Marietta Slomka darf im 'Heute-Journal' nicht den gleichen Blazer tragen wie Petra Gerster vorher bei 'Heute'."

Sendestudio ARD-aktuell

Auch für Tagesschau-Moderatoren wie Judith Rakers gibt es eine Stylistin.

(Foto: Thorsten Jander/NDR)

Gerade in den Hauptnachrichten muss es seriös zugehen, bei den Moderatorinnen nicht zu verspielt, das ist Treichel-Roolfs wichtig. "Eine Frau, die Politiker ins Verhör nimmt, sollte keine Schleifen oder Rüschen tragen." Zu viel Ausschnitt ist tabu, Krawatte Pflicht, und zur Studiofigur muss ein Outfit auch passen. "Die Kamera ist gnadenlos, sie macht kleiner und breiter."

Seide reflektiert zu stark im Scheinwerferlicht, kleine Karos flirren, Muster irritieren. Grüntöne gehen in Mainz nicht, weil das Studio grüne Wände hat, worauf die Beiträge virtuell gespielt werden. Die Kameras filtern alle Grüntöne heraus, ein gelbes Kleid kann müllabfuhrorange wirken. Kräftige Rot- und Blautöne bilden einen guten Kontrast zum Hintergrund. Baumwolle wellt sich stark, Kleidung sollte aber eng anliegen. "Man muss eine Taille sehen, sonst wirkt alles quadratisch." Ein tiefer erster Knopf bei Anzug und Blazer ist ideal, das streckt, sonst wirkt der Oberkörper zu gestaucht. Svenja Treichel-Roolfs umschreibt ihren Job so: "Es ist kompliziert."

Und der ganze Aufwand dafür, dass die Leute vor den Bildschirmen vergessen, was die Leute drinnen getragen haben? Na ja, sagt die Chefstylistin, ganz so sei das nicht. Das Visuelle mache selbst bei Nachrichten 75 Prozent der Wahrnehmung aus, das belegten Studien. Die Kleidung dürfe wahrgenommen werden, aber nicht zu sehr. Sie dürfe nie plakativ wirken, aber modern müsse sie immer sein. "Auch die Nachrichten sind nicht von gestern."

40 Jahre Tagesthemen

Seit der Zeit von Ulrich Wickert und Hajo Friedrichs hat sich viel verändert.

(Foto: G. Schläger/NDR)

Abend für Abend sehen Millionen Zuschauer Nachrichten, jeder hat einen anderen Geschmack. Als Linda Zervakis vor Jahren ein gelbes Kleid bei der "Tagesschau" trug, verhandelte halb Deutschland darüber: schön oder schrill? Ein Flickenblazer von Gundula Gause wurde ähnlich kontrovers diskutiert. Über Marc Bator, heute bei Sat 1, ging ein Shitstorm nieder, als er in der "Tagesschau" eine Hornbrille aufsetzte. Claudia Kleinert vom Wetter im Ersten polarisiert mit knappen Outfits in Leder und Wildtieroptik, die auch eine Kellnerin in einer Erlebniskneipe tragen könnte.

Svenja Treichel-Roolfs bekommt fast jeden Tag Mails von Zuschauern, die fragen, was wer tags zuvor anhatte. Und? Über Marken möchte sie nicht reden, lieber über Schnitte, die eine gewisse Qualität erforderten. Zuschauern verrate sie die Hersteller. "Als öffentlich-rechtlicher Sender haben wir eine Auskunftspflicht." Was man in Mainz so trägt, kann man auch erfahren, wenn man im Atelier die Kleiderbügel betrachtet. Da hängen unter anderem: Corneliani, Hugo Boss, Armani, Steffen Schraut, Windsor, René Lezard, Akris, Paul Smith.