Fotoshooting am Computer Virtuelle Supermodels

Lil' Miquela ist zwar eine digitale Kreation, als Model aber schon reale Sympathieträgerin.

(Foto: c lilmiquela/Instagram)

Zu schön, um wahr zu sein? Mode wird längst nicht mehr nur an echten Menschen, sondern auch an virtuellen Models gezeigt.

Von Jan Kedves

Wer einen hübschen jungen Körper und ein ansprechendes Gesicht hat, sollte sich schnellstmöglich, noch bevor sich die erste Falte ins Antlitz graben kann, in einen 3-D-Scanner stellen und sein Äußeres digitalisieren lassen. Mit dem gewonnenen Datensatz ließe sich, auch wenn man selbst vielleicht schon längst unter der Erde liegt, Geld verdienen. Wenn die eigenen Daten nämlich jahrzehntelang, jahrhundertelang weiter als Model gebucht werden - und noch jemand da ist, um die Lizenzgebühren einzutreiben.

Sehr ferne Zukunft? Nicht wenn es nach Cameron-James Wilson geht. Der 29-jährige britische Mode-Fotograf ist der momentan erfolgreichste Schöpfer virtueller Models, oder überhaupt: der unerschrockenste aller Computer-Nerds, die derzeit von einer digitalen Zukunft in der Mode träumen. Wilson fotografiert nicht mehr, sondern kreiert im Computer bildhübsche virtuelle Avatare, die auf biometrischen Daten eingescannter Menschen basieren können. "Hätte es rechtzeitig die Technologie gegeben, um Marilyn Monroe einzuscannen, könnte ihre Karriere noch weitergehen", erklärt Wilson in Interviews. Virtuelle Models laufen als Datensätze auf Rechnern und sind deswegen praktischerweise "in der Lage, bei drei verschiedenen Shoots gleichzeitig zu modeln", so Wilson.

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Gerade hat Wilson "The Diigitals" gegründet, die erste Model-Agentur, die ausschließlich digitale Schönheiten verbucht. Den ersten großen Kunden hat er schon: Olivier Rousteing, Chefdesigner des Luxus-Labels Balmain. Der macht sich ja gern für die Generation der Millennials stark, der er selbst angehört, und weil die Millennials sehr viel online sind, hat Rousteing für sie gemeinsam mit Wilson die "Virtual Army" entwickelt. Die bewirbt im Internet die aktuelle Balmain-Winterkollektion. Da ist Shudu, das "erste digitale Supermodel", schwarz und der fiktiven Biografie zufolge aus Südafrika stammend. Shudu ist das Aushängeschild der "The Diigitals"-Agentur. Da ist Margot, blonde Französin mit eisblauem Silberblick. Und als dritte: Zhi, die "chinesische Schönheit mit den kurzen Haaren".

Die künstliche Intelligenz muss erst lernen, dass ein altes Shirt manchmal stylish sein kann

Klingt nach Computerspiel, nach Hollywood-3-D-Animationsfilm, oder nach Virtual-Reality-Porno, und in allen genannten Genres kommt tatsächlich teils dieselbe Software zum Einsatz. Zur Animation von Körpern und Gesichtern eignet sich "Daz 3D" von der Firma Daz Productions aus Salt Lake City. Zur Simulation und Animation von Textilien gibt es "Clo3D" und "Marvelous Designer" aus Südkorea. Wenn man sich auf Youtube deren Tutorials ansieht, kann man schwer beeindruckt sein ob der Realitätstreue, mit der diese Software die Parameter eines virtuellen Stoffes (Material, Textur, Gewicht) mit virtuellen äußeren Einflüssen (Lichteinfall, Gravitiation, Wind) so in Relation rechnen, dass eine Falte eines Kleides dann ganz natürlich zu fallen scheint.

Vielen Konsumenten ist gar nicht bewusst, dass sie ihre Kaufentscheidungen im Internet häufig schon auf Grundlage solcher digitalen 3-D-Renderings treffen. Sprich: Wenn man in einem Online-Shop ein Kleidungsstück bestellt, kann es sehr gut sein, dass es zu diesem Zeitpunkt so noch nie genäht worden ist, nicht mal als Modell oder Prototyp. Aber ist das Kleidungsstück deswegen nicht "echt"? Abgesehen davon, dass es ja dann irgendwann mit der Post ankommt und es in der Abbildung auf dem Bildschirm sehr real aussah, war "Echtheit" in der Mode schon immer eine eher dehnbare Kategorie.

Wie die virtuellen Models digital angezogen werden, zeigt der Screenshot aus der Textil-Software "Clo3D".

(Foto: CLO3D Modelist/Youtube)

Pelz darf ruhig falscher Pelz sein (oder soll es sogar), Leder darf Imitat sein, und ob etwas aus Seide oder Polyester ist, wer vermag das so genau zu sagen? Die Gesichter von menschlichen Models werden so extrem mit Photoshop bearbeitet, dass man von Echtheit auch kaum noch sprechen kann. Man hat sich daran gewöhnt. Was zählt, ist die Wirkung.