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Jubiläum:Kitsch und Rebellion

Schön schräg: Karl Lagerfeld in seinem Apartment in Monte Carlo mit Memphis-Entwürfen (1982).

(Foto: Jacques Schumacher)

Vor vierzig Jahren wurde in Mailand die Designgruppe Memphis gegründet - als Protest-Kollektiv gegen den Funktionalismus. Die Ideen wirken bis heute fort.

Von Anne Goebel

Ein Winterabend in Mailand, und der kann in der lombardischen Stadt sehr kalt sein. Dezember 1980, eine Handvoll Leute sitzt gedrängt im engen Wohnzimmer eines Apartments an der Via San Galdino. Man trinkt ausgiebig, raucht Tabak und anderes, es geht um große Ideen, um Revolte, aber der Unternehmung fehlt noch ein guter Titel. Im Hintergrund läuft Bob Dylans Lied "Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again", ziemlich oft, weil die Platte hängt. Irgendwann der zündende Einfall, Memphis, das ist der Name. Und so geschieht es dann auch. Ein Abend des Zufalls, der Rebellion, mit einer Spur Aberwitz: Der perfekte Gründungsmythos für eine Gruppe, die ein paar Monate später das Design auf den Kopf stellen wird.

Gruppenfoto: Memphis-Mitglieder auf dem Bett "Tawaraya" von Designer Masanori Umeda (1981).

(Foto: Masanori Umeda/Memphis, Milano)

40 Jahre Memphis-Design: Das ist einerseits ein Jubiläum, aber so richtig passt der ernste Begriff nicht zu einer Bewegung, deren Hauptmerkmal das Spielerische, Knallbunte, Unpraktische war. Und, was die Dauer betrifft, das Flüchtige: Nach der Gründung der Gruppe um den Impuls- und Namensgeber Ettore Sottsass im Februar 1981 kam sechs Jahre später schon die Auflösung. Trotzdem wurden die Mailänder mit ihren Blinklämpchen, amorphen Farbsofas und großspurig gestreiften Betten, diese Gestaltungs-Anarchisten, die keine Lust mehr hatten auf den Kanon des guten Geschmacks und der ausgefeilten Zweckmäßigkeit, zu einer der einflussreichsten Strömungen im zeitgenössischen Design.

Blink-blink: Martine Bedins Lampe "Super" (1981).

(Foto: Andreas Sütterlin, Martine Bedin/VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Gerade heute, wo das erzwungene Zuhausebleiben den Hang zum sogenannten kuratierten Wohnen immer weiter vorantreibt, zum ständigen Optimieren einer stilvollen Einrichtung - da kann so ein Fauxpas wie der Metallstuhl "First" von 1983, der aussieht wie die Requisite aus einem schlechten Science-Fiction-Film, doch ganz erfrischend wirken.

In Italien ist Design Teil des Alltags und kein Fall fürs Museum

Natürlich gibt es 2021 auch eine Memphis-Geburtstagsausstellung, neben Artikeln in Elle Decoration oder Architectural Digest, die etwas angestrengt eine Wiederentdeckung verkünden. Dabei war das Konzept Memphis nie weg: Die Idee, dass Objekte nicht nur auf klassische Weise formschön zu sein haben, sondern Design auch Spaß machen darf. Die Schau "40 Jahre Kitsch und Eleganz" demonstriert das derzeit im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein, gezeigt werden rund 40 Objekte. Vom rollenden Lichterbogen mit dem unschlagbaren Namen "Super" von Martine Bedin bis zu dem asymmetrischen Kultsessel "Bel Air". Die Italiener übrigens würdigen die "mostra in Germania", die deutsche Memphis-Präsentation, durchaus, über eigene Veranstaltungen im Jubeljahr ist aber bisher nichts bekannt. Vielleicht, weil in Italien Design als Teil des Alltags begriffen und nicht so gern in Schaukästen zelebriert wird.

Peter Shires pastellbunter Sessel "Bel-Air", für das Memphis-Kollektiv 1982 entworfen.

(Foto: Jürgen Hans, Peter Shire, Vitra Design Museum)

Dass mit der Gründung des Kollektivs 1981 nicht nebenher die gültigen Regeln guter Gestaltung in Unordnung gebracht wurden, sondern genau das von Beginn an das Ziel war: Michele De Lucchi hat davon vor ein paar Monaten im Magazin der Tageszeitung Repubblica noch einmal erzählt. Es ging um eine radikal neue Linie, "una nuova linea" im Design, sagt der Architekt mit Rauschebart und schicker Brille, der von Anfang an dabei war. Er berichtet von der flammenden Begeisterung aller Beteiligten und beteuert, dass sich die schöne Geschichte mit der Dylan-Platte und der Namensfindung tatsächlich so zugetragen habe ("Verissimo!", klar sei die Anekdote wahr).

Ist das schön oder macht es einfach nur Spaß? Michele De Lucchis Tisch "Kristall" (1981).

(Foto: Michele de Lucchi, Jürgen Hans/Vitra Design Museum)

Es mag also wichtigere Themen gegeben haben in jenem Jahr, in Deutschland demonstrieren die Atomkraftgegner, in Amerika wird der Hardliner Ronald Reagan Präsident - aber das angeblich so beschauliche Sehnsuchtsland im Süden macht halt auf seine Weise Revolution: Schluss mit dem internationalen Diktat von Funktionalismus und Bauhaus-Traditionen. Auf ewig Stahlrohr und dezentes Leder im Wohnzimmer? Von wegen. Es lebe das freie Spiel mit Farben, Formen, Dekoren, mit Punk, Comics, schlechtem Geschmack!

Am schönsten hat Jasper Morrison, der damals gerade seinen Bachelor of Design in London vorbereitete, die Wirkung der schrill gemusterten Kunststoffoberflächen beschrieben, der zusammengewürfelten Regale, staksig bunten Lampen: Die Objekte seien einerseits beinahe abstoßend gewesen in ihrer Disharmonie, der billigen Anmutung. Aber andererseits unglaublich "befreiend durch den vollkommenen Regelbruch". Bei der ersten Gruppenausstellung in der Mailänder Galerie Arc'74 kam wegen der zweitausend Besucher angeblich ringsum der Verkehr zum Erliegen. Offenbar hatte der Gründer Ettore Sottsass, damals bereits in seinen Sechzigern und ein arrivierter Industriedesigner für das Unternehmen Olivetti, genau das richtige Gespür für den (jungen) Zeitgeist. David Bowie etwa gehörte zu den leidenschaftlichen Sammlern der Entwürfe. Und das berühmte Foto von Karl Lagerfeld in seinem Apartment in Monte Carlo, sehr selbstgewiss und umgeben von den seltsamsten Hausgenossen aus der Memphis-Werkstatt, lässt keinen Zweifel: Diese Form der Möblierung, diese Spur Durchgeknalltheit war 1982 state of the art.

Gute Laune, bitte! Das legendäre Regal "Carlton" von Ettore Sottsass aus dem Memphis-Gründungsjahr 1981.

(Foto: Jürgen Hans, Ettore Sottsass/Vitra Design Museum/VG Bild-Kunst Bonn 2021)

Heute erzielen die Stücke hohe Preise bei Sammlern, eine Versteigerung von Memphis-Objekten hat vor anderthalb Jahren beim Auktionshaus Wright in Chicago fast eine halbe Million Dollar eingebracht. Schon während der kurzen Lebensphase des Kollektivs war der Markt eng: Trotz internationaler Beachtung und zahlloser Magazincover, die eine Zeitenwende im Design verkündeten, kam die industrielle Fertigung nie reibungslos in Gang. Memphis war deshalb, wie eine italienische Zeitung schrieb, nicht nur ein Wohnstil, sondern ebenso ein "unerfüllter Wunschtraum" - was sich auch im übertragenen Sinne verstehen lässt: Wie hätten diese verrückten, kostspieligen Trophäen der Postmoderne jemals Möbel für die Masse sein können? Wobei ironischerweise gerade der Ausverkauf der spielerischen Grundelemente - bunt, laut, schrill - durch eine Flut von Imitationen und läppischen Wohnaccessoires letztlich zur Auflösung der Gruppe beitrug.

Heute lässt sich schon mit einem einzelnen Memphis-Stück (muss ja kein Original sein) etwas Achtzigerjahre-Hedonismus in die eigenen vier Wände holen. Und sei es nur, weil der Slogan so lebensfroh klingt, den die Kitschrebellen dem Designermantra "Form follows function" vorzogen - nämlich "Form follows emotion".

© SZ/chrm
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