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Haute Couture:Paris muss mit der Zeit gehen - und wird dadurch austauschbar

Und das Interessante ist: Man findet in Paris nicht mehr viele Menschen, die über Lagerfelds Geschäftstüchtigkeit, seine Traditionsverachtung schimpfen. Die alten Gewissheiten sind nicht mehr sakrosankt. Schon Yves Saint Laurent eröffnete 1966 seine erste Prêt-à-porter-Boutique, exklusive Mode für die Massen. Der "Chambre Syndicale" gefiel das natürlich nicht - aber sie konnte auch nichts dagegen tun. Überhaupt hat die Organisation in den vergangenen Jahrzehnten beständig an Einfluss verloren und ihre Regeln immer wieder gelockert. Regelmäßig werden Gastmitglieder akzeptiert, der Hauptsitz der Marke muss nicht mehr in Paris sein. Und selbst bei einem ehrwürdigen Haus wie Dior sind Nähmaschinen bei aufwendigen Stücken nicht mehr tabu. Paris muss mit der Zeit gehen - und wird dadurch austauschbar.

"Die Haute-Couture-Schauen in New York und Rom finden einmalig zu den besonderen Anlässen statt, unabhängig von den dortigen Kunden. Im Januar zeigen wir die übliche Haute-Couture-Show in Paris", wiegelt zwar ein Sprecher von Valentino ab. Doch mit der Wanderschaft abseits der offiziellen Modewochen ist Valentino in bester Gesellschaft. Designer Tom Ford zeigt seine Prêt-à-porter-Kollektion im Februar nicht wie gewohnt bei der Fashion Week London, sondern in Los Angeles, wenn die Oscars verliehen werden. Man muss eben an die Orte gehen, auf die sich ohnehin schon die Aufmerksamkeit richtet.

Beachclub auf Capri statt Laufsteg in Paris

Raf Simons lockte seine Gäste für die Dior Cruise-Collection im Mai weg von Manhattan nach Brooklyn. Modenschauen sind ja ohnehin gnadenlose Wettkämpfe um Gunst des Publikums. Man muss beweisen, dass man sich viele Models leisten kann und unkonventionelle Ideen hat. Man lässt eine Punkband spielen oder lädt, wie Dries Van Noten, die Zuschauer zu einem imaginären Waldspaziergang ein. Und auch die Wahl der Location kann eben ein Mittel sein, um sich von den anderen abzuheben. Warum immer in Paris an den immer gleichen Orten zeigen - die Welt ist doch groß, bunt und schön und bietet viele unterschiedliche Bühnen.

Das italienische Luxushaus Dolce&Gabbana hat sich schon längst von Paris abgewandt und zeigt seine Haute Couture beziehungsweise die "Alta Moda" in Italien. Zuletzt auf Capri, in einem Beachclub. Gäste wie Marie-Chantal von Griechenland wurden mit Segelbooten zu dem Spektakel gefahren, das umgeben von Felsen stattfand und mit Blick auf das Meer. Nur wenige Journalisten waren zugelassen, Fotos durften überhaupt nicht gemacht werden. Es gab keinen Sitzplan, kein Gedränge.

Es war eine Modenschau, die fast nicht mehr wie eine Modenschau wirkte. Genau darum geht es ja. Von einem guten Designer erwarten wir, dass er Traditionen und Konventionen kennt, aber ab und zu die Regeln bricht. Die Mode ist im Idealfall flatterhaft, unbeständig, radikal. Da kann es schon passieren, dass sogar die Hauptstadt der Mode aus der Mode kommt.

© SZ vom 03.01.2015/olkl
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